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29. März 2016

«Fast blind, aber nicht behindert»

Sie sehen nur noch wenig und wissen, dass sie eines Tages ganz erblinden werden. Dennoch geniessen Nicole Pfister und Anja Reichenbach ein farbiges Leben mit Reisen, Snowboarden, Gleitschirmfliegen, Arbeit und Studium.

Flott biegen Nicole Pfister (23) und Anja Reichenbach (27) um die Ecke: Zwei junge Frauen, hübsch, fröhlich, ganz normal. Auffallend sind nur der schokoladenbraune Labrador im Führgeschirr an der Seite von Anja Reichenbach und der Blindenstock in Nicole Pfisters Hand. Die beiden Frauen sehen nur noch einen schemenhaften kleinen Ausschnitt, wie durch eine Röhre. Sie haben dieselbe seltene Augenkrankheit, Retinitis pigmentosa, die sie schon seit ihrer Geburt immer weniger sehen lässt. Eines Tages werden auch die Schattenumrisse ganz verschwinden.

Wenn die Gesellschaft behindert

Doch das ist für beide kein Grund, sich vom aktiven Leben abhalten zu lassen. Nicole Pfister studiert Psychologie, Anja Reichenbach arbeitet als Projektleiterin. Beide sind sportlich, reisefreudig, gehen gern aus und sind am liebsten mit Freunden unterwegs. «Wir sind fast blind, aber nicht ­behindert», sagt die eine, und die andere ergänzt: «Unsere grösste Behinderung ist die Gesellschaft.»

Zielstrebig gehen sie zum Hintereingang des ehemaligen Länggassstübli in Bern, das gerade umgebaut wird. Sicher führt der fünfjährige Rüde Taro durch das Durcheinander, Reichenbach hält sich am Führgeschirr fest, Pfister an ihrem Ellbogen. Im Speisesaal nehmen sie Platz. Hier werden sie künftig öfter anzutreffen sein: Anja Reichenbach begleitet als Projektleiterin für Blindspot.ch den Umbau des Lokals in ein Begegnungs- und Wohnzentrum für junge Menschen mit und ohne Behinderung. «Oben können vorerst Studentinnen und Studenten wohnen, nach dem Grossumbau wird es auch für junge Menschen mit Behinderung zugänglich sein», erklärt sie. «Unten werden wir ein Restaurant einrichten, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten.» Im Frühjahr soll es eröffnet werden. Nicole Pfister schmunzelt: «Da werde ich mal auf einen Kaffee vorbeikommen, die Uni ist ganz nah.»

Kennengelernt haben sich die beiden durch das Projekt «Sensability», in dem Menschen mit Behinderung jenen ohne Behinderung ­zeigen, wie sich das anfühlt. «Wie kochst du?», werden sie von Schulkindern oft gefragt, oder: «Wie kannst du putzen?» Anja Reichenbach antwortet dann locker: «Genau wie du.» Aber sie braucht eine andere Taktik, weil sie die Pfanne nicht sieht oder den Schmutz. «Vielleicht wische ich mal eine Zimmerecke nicht so gut. Dafür ist das Badezimmer bei mir viel sauberer als bei meinem Freund, weil ich mich nicht wie er auf die Augen verlasse, sondern mit der flachen Hand fühle, ob alles glatt und sauber ist.»

Die Unsicherheit im Umgang

Genau genommen ist er nicht mehr ihr Freund, die beiden haben sich kürzlich nach drei Jahren getrennt. «Ein neuer Mann kommt bestimmt», ist Anja Reichenbach überzeugt. Im Alter zwischen 17 und 23 Jahren sei das Thema Männer besonders schwierig, sagt sie, «weil da das Aussehen und Coolness das Wichtigste sind». Nicole Pfister nickt mit einem wissenden Lächeln, das kennt sie gut. «Ich hatte zwei Freunde, aber die hatten auch eine Sehbehinderung», sagt sie. «Andere Männer wissen oft nicht, wie sie mit mir ­umgehen sollen, und sind unsicher.» Sogar ihre Studienkolleginnen wussten anfangs nicht so recht, wie sie sich verhalten sollten. «Sie merkten erst nach und nach, dass ich ganz normal mitgehen kann.»

Die beiden Frauen sind unterschiedlich aufgewachsen. Anja Reichenbach besuchte die Regelschule im Dorf und rannte tagein, tagaus ihrem älteren Bruder und den Nachbarskindern nach. «Ich war ständig von blauen Flecken übersät», erzählt sie. «Einmal verdächtigte der Kinderarzt meine Eltern sogarder Misshandlung, bis sie ihmglaubhaft machen konnten, dassich aufgrund meiner Sehbehinderung überall hineinrannte oderumfiel.» Sie lacht. Die blauen Flecken seien ihr egal gewesen. Hauptsache, sie konnte dabei sein. «Ganz normal mitmachen», lautet ihr Motto. Lange sagte sie nicht «ich bin sehbehindert», sondern «ich sehe nicht so gut».

Die klassischen Hilfsmittel wie das Mail-Vorleseprogramm lässt sie so weit wie möglich beiseite, sie liest ihre Mails lieber selber – in Riesenschrift. Und wenn sie in einer Gruppe ausgeht, lässt sie ihren Hund oft zu Hause. Auch Nicole Pfister klappt im Ausgang oft den Stock zusammen und hängt sich bei einer Freundin ein. Vorleseprogramm und andere Hilfsmitteln machen ihr weniger aus. Sie besuchte den Kindergarten an der Blindenschule Zollikofen und liebte die Schulfächer «Brailleschrift» und «Haptisches Training», in denen sie Tricks für Putzen, Kochen und andere nützliche Alltagsdinge lernte. Routiniert tastet Nicole Pfister nach der Teetasse. Nachdem sie den Kuchen aufgegessen hat, liegen kaum Krümel auf dem Teller: Mit einer diskreten Fingerbewegung hat sie die Kuchenstücke auf die Gabel bugsiert.

So unterschiedlich die beiden sind – Reichenbach energisch und anpackend, Pfister freundlich und ruhig –, Geschwindigkeit mögen beide. Anja Reichenbach saust gern mit dem Tandem-Mountainbike durch die Gegend. Oder sie flitzt mit ihrem Snowboard hangabwärts, während ein speziell ausgebildeter Guide sie leicht an der Hand hält und ihr ankündigt, wenn eine Kurve kommt. Das sieht schwungvoller aus als bei vielen Sehenden. Nicole Pfister wiederum fuhr in Thailand begeistert auf dem Soziussitz mit, wenn ihr Gastvater mit dem Motorrad unterwegs war. Und ab und zu gönnt sie sich ­einen Tandemflug mit dem Gleitschirm.

Krisen und Wünsche

Schwierig sind vor allem Momente, wenn die Krankheit einen Schub macht. «Das ist immer wieder ein Abschied», sagt Anja Reichenbach. Einige haben ihr erzählt, wenn es eines Tages mit dem Sehen vorbei sei, werde es einfacher. Darauf hofft sie. Nicole Pfister hingegen kann sich das nicht vorstellen. «Ich koste so lange wie möglich aus, dass ich noch irgendetwas erkennen kann.»

Beide haben klare Wünsche für ihr Leben. Anja Reichenbach: «Einmal auf jeden Kontinent reisen, solange ich noch etwas sehen kann.» Afrika und Südamerika fehlen noch, in Malaysia hat sie die Farben des Sonnenuntergangs über dem Meer ganz bewusst in sich aufgenommen. Der zweite Wunsch: «Mein Kind einmal sehen, wenn auch nur als Baby.» Nicole Pfister träumt von einer grossen Weltreise, irgendwann möchte sie in Thailand eine Schule zur beruflichen Integration von blinden und sehbehinderten Menschen gründen. Vorher wird sie voraussichtlich eine Weiterbildung als Erziehungsberaterin machen. Ein Kompromiss, denn eigentlich wäre sie gern Ärztin geworden. «Der Traum zerplatzte an den Vorschriften zum Numerus clausus», sagt sie mit etwas Bitterkeit: «Dazu sind keine Hilfsmittel zugelassen, auch keine Lesehilfen. Alle Verantwortlichen bedauerten, mir nicht helfen zu können.» Bisher war das ihr einziges unüberwindbares Hindernis. Ansonsten mag sie eigentlich nicht immer über ihre Behinderung reden: Wenn man zu sehr darauf fokussiere, vergrössere das die Distanz zwischen ihnen und den anderen.

Die beiden stehen auf, tasten nach ihren Jacken und Taschen, sie müssen weiter. Nicole Pfister hat ein Psychologiebuch vor sich und Anja Reichenbach mit dem grossen Umbauprojekt viel zu tun. Sie verabschieden sich und spazieren davon. Nur Führhund Taro und der weisse Stock fallen auf. Die beiden lebenslustigen jungen Frauen lassen sich nicht behindern.

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Beat Schweizer