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07. Januar 2013

«Fast alle Kinder lassen sich für Sport begeistern»

Die Mädchen holen auf beim Sport. Beliebt sind bei ihnen vor allem neuere Sportarten, bei denen weniger die Leistung als der Spass zählt, sagt der Sportsoziologe Markus Lamprecht. Ganz allgemein gilt: Ohne Sport haben Kinder heute zu wenig Bewegung.

Markus Lamprecht (54) ist Sportsoziologe beim Observatorium Sport und Bewegung Schweiz, www.sportobs.ch (Bild: zVg.)
Markus Lamprecht (54) ist Sportsoziologe beim Observatorium Sport und Bewegung Schweiz, www.sportobs.ch (Bild: zVg.)

Markus Lamprecht (54) ist Sportsoziologe beim Observatorium Sport und Bewegung Schweiz, www.sportobs.ch

Markus Lamprecht, haben Mädchen und Jungen nicht schon immer unterschiedlich viel Sport getrieben, oder ist das wirklich neu?

Nein, das ist gar nicht neu. Im Gegenteil. Auch wenn die genauen Zahlen fehlen, kann man sagen: Bis etwa in die 70er-Jahre haben Mädchen massiv weniger Sport getrieben als Jungen. Neu ist vielmehr die Annäherung der Geschlechter.

Weshalb diese Entwicklung?

Sicher liegt das unter anderem an der Veränderung des Sportbegriffs. Früher war mit Sport leistungs- und wettbewerbsorientierter Leistungssport gemeint. Der zieht Mädchen nach wie vor weniger an als Buben. Heute hat sich der Begriff stark geöffnet. Auch Tanzen, Fitness und Wandern gehören zum Sport. Zudem sind in den letzten 20 bis 30 Jahren viele neue Sportarten hinzugekommen.

Es gibt immer eine kleine Gruppe von Inaktiven.

Warum brauchen Kinder überhaupt Sport?

Die natürliche Bewegung im Alltag hat sich auch bei den Kindern klar verringert. Der Schulweg, der zu Fuss zurückgelegt wird, wurde kürzer, die meisten Kinder müssen nicht mehr auf einem Hof mithelfen. Darum muss diese Bewegung aktiv nachgeholt werden.

Wie beurteilen Sie die jetzige Entwicklung?

Zwar treiben Mädchen immer noch weniger Sport als Jungen, aber wir sind auf einem guten Weg. Die obligatorischen Turnstunden und die vielen freiwilligen Angebote in den Schulen und Gemeinden zeigen Erfolg. Wenn der Begriff Sport breit gefasst wird und es vor allem darum geht, sich mit Spass zu bewegen, sind fast alle Kinder für Sport zu begeistern.

Und was ist mit den anderen?

Es gibt immer eine kleine Gruppe von Inaktiven. Aber sie wird nicht grösser. Besonders betroffen sind Mädchen aus bildungsfernen Schichten mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen kommen aus Familien und Kulturen, in denen noch der klassisch leistungsorientierte Sportbegriff gilt und Sport eher etwas für Jungen und Männer ist. In solchen Fällen können die Schule und Angebote wie Mädchencamps sehr wohl einen wichtigen Ausgleich bieten.

Warum sinkt die Sportbegeisterung vor allem bei Mädchen ab Mitte Pubertät?

Das hat auch viel mit den Angeboten zu tun. Man hat herausgefunden, dass Mädchen, die eine Lehre machen, weniger Sport treiben als Studentinnen, denen mit dem Hochschulsport ein breites und günstiges Angebot zur Verfügung steht.

Autor: Andrea Fischer Schulthess