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24. Februar 2014

Gförchige Kunst

Roger Stalder ist Lozärner Fasnächtler durch und durch. Ein Besuch beim Maskengestalter, der für Guggenmusiker und Wagengruppen gruselige Fratzen, Ungeheuer und Narrengesichter aus Kunststoff anfertigt. In der Bildgalerie (oben) können Sie die wichtigsten Schritte im Entstehungsprozess seiner Masken verfolgen.

Roger Stalder am Arbeitstisch mit Brille und vielen Töpfen und Flaschen
Roger Stalder zeigt Schritt für Schritt, wie aus einer Idee ein «gförchiger Grend» wird. Anhand von Fotos, Zeichnungen und eigenen Skizzen gestaltet er das Modell.

OH DU SCHEENE SCHNITZELBANGG!
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Mit einer Airbrushpistole verleiht Roger Stalder der «Bikersau» den letzten Schliff.
Mit einer Airbrushpistole verleiht Roger Stalder der «Bikersau» den letzten Schliff.

DAS PORTRÄT
Krieger, Kürbisköpfe, Drachen, Monster: Roger Stalder ist der Meister der «gförchigen Grende». Seit 22 Jahren stellt der 41-Jährige Fasnachtsmasken her. Früher als Hobby, heute hauptberuflich.
Betritt man Stalders Atelier in Sursee LU, schlägt einem sofort der beissende Geruch von Terpentin und Farben entgegen. Direkt beim Eingang stehen ein Dutzend grimmige Masken, daneben liegt ein Sack mit Plastikaugen. An der Wand hängen Bilder zur menschlichen Anatomie, und auf der Werkbank liegt Töpferwerkzeug bereit, um dem Modellkopf aus Plastilin Haare, Lippen oder Ohren zu verleihen. In der Spritzkabine schliesslich haucht der Maskenmacher seinen Fratzen Leben ein, verpasst ihnen Furchen und Falten. Das geschieht mit Airbrushtechnik aus der Druckpistole.

Das Motto der Guggenmusik bleibt bis Fasnachtsbeginn geheim
Roger Stalder befindet sich mitten im Endspurt, denn am 27. Februar, dem Schmutzigen Donnerstag, geht es los: Die Wagengruppen und «Guuggenmusigen» ziehen durch die Luzerner Gassen und machen mit Pauken und Trompeten dem Winter den Garaus. Bis dahin wird Stalder bereits die eine oder andere Nachtschicht hinter sich haben. Rund zwölf Guggenmusiken stattet er pro Saison mit Masken oder «Grende», wie die Luzerner sagen, aus. Der Surseer ist auf Filmhelden und -schurken spezialisiert, die Auftragslage hingegen schaut meist anders aus: Dieses Jahr wünschen die Kunden eine «Bikersau» oder einen Harald Glööckler, den glitzernden Modezaren aus Deutschland. Aktuell besonders beliebt ist auch das Motto Ikea, also hat Stalder kurzerhand ein Modell mit geblümtem Lampenschirm auf dem Kopf kreiert. Welche Guggenmusik welches Motto hat, ist indes streng geheim und soll erst am Schmutzigen Donnerstag mit viel Getöse präsentiert werden.

Die Fasnacht spielt auch in Roger Stalders Privat­leben eine grosse Rolle. Zwischen Schmutzigem Donnerstag und Güdisdienstag macht er selbst die Gassen unsicher, ist sogar Präsident einer Surseer Wagenbaugruppe. Woher kommt die Faszination für Fasnachtsmasken? «Ich bin ein wenig vorbelastet», antwortet er schmunzelnd. Das «Fasnächtele» liege einfach in der Familie. Schon als Kind habe er mit seinem Onkel leidenschaftlich gerne Masken gebastelt. Weniger leidenschaftlich hingegen habe er in der Guggenmusik Posaune gespielt. Deshalb begnügt er sich heute mit einer Wagenbaugruppe ohne Orchester. Was für Stalder zählt, ist das Gemeinschaftsgefühl. «Alles ist möglich, man taucht komplett ab in eine andere Welt.» In das Motto stürze er sich voll rein: «Mein Kostüm für dieses Jahr hat sogar mehr gekostet als einst mein Hochzeitsanzug», gesteht er.

Blick auf die Farb- und anderen Töpfe
Ein Blick auf die Farb- und anderen Töpfe des Maskengestalters Roger Stalder.

Der fertige «Grend» kostet zwischen 250 und 450 Franken
Seine Frau Andrea (42) hat er bei der Guggenmusik kennengelernt. «Und obwohl man sagt, solche Beziehungen hielten nicht lange, sind wir seit 22 Jahren zusammen.» Da sowohl Andrea als auch die gemeinsamen Kinder Sebastian (10) und Aurelia (7) ebenfalls begeisterte Fasnächtler sind, haben sie Verständnis für sein Engagement. Einen Monat vor dem bunten Treiben bleibt nämlich kaum noch Zeit für die Familie. Dann setzt sich Roger Stalder bereits um vier Uhr morgens an seine Modelle und verlässt das Atelier erst für das Abendessen wieder. Eine Woche braucht er durchschnittlich für Modell und Negativform. Plus fünf bis sechs Stunden Arbeit an der bis zu zwei Kilogramm schweren Einzelmaske. Ein fertiger «Grend» von Roger Stalder kostet zwischen 250 und 450 Franken. Besonders kostspielig sind die Masken der Tambourmajoren: Sie sind pompöser, und man muss gegen 1500 Franken berappen. Erst ab Aschermittwoch kann es Stalder «wieder etwas lockerer» nehmen: Das ausgelassene Treiben ist dann vorbei, und die einzigen Narren sind die «Grende» in seinem Atelier.

Trotz der vielen Aufträge kann Roger Stalder nicht ganz vom Maskenbau leben. Nebenbei giesst der ausgebildete Holzbildhauer Replika von Ausstellungsstücken und arbeitet als Techniker in einem Museum. Doch nach der Fasnacht ist bekanntlich vor der Fasnacht: Bereits im März macht er sich an Aufträge für die nächste Saison. Diesmal auch von einem Kunden aus Deutschland.

www.maskengestalter.ch

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Herbert Zimmermann