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31. Dezember 2012

Familienglück, was ist das?

Das Bilderbuch «Tomte und der Fuchs» wollte ich kaufen; Astrid Lindgren, ein Klassiker. Aber die Buchhandlung hat es nicht an Lager. Stöbere ich halt sonst ein bisschen in der Auslage, wenn ich schon hier bin … Doch es verschlägt mich unglücklicherweise in die Familien-Ecke. Ich blättere in Titeln, wie «Die Elternschule» und «Was macht mein Kind im Netz?», denke bei mir: Ich weiss, was mein Kind im Netz macht, kein Problem — und staune über all die wohlmeinende Literatur. Als ob wir Eltern so hilflos wären! Dutzende Bücher, die Stossrichtung stets dieselbe: Die Kinder sind furchtbar, wir Eltern überfordert. Stimmt beides nicht.

Natürlich brachten sie mich auf die Palme …

Aber irgendjemand kauft sie offenbar, all die Bücher, wie «Hilfe! Mein Kind ist bei Facebook». Mich frappiert, welch kinderfeindlicher Ton meist angeschlagen wird. Von «Monsterkindern» lese ich in Klappentexten, von «Zahnputzverweigerern» und «Sandkastenterroristen», generell von einer «Horrorbrut», die uns Erwachsenen «das Leben zur Hölle macht». Immerzu steht da geschrieben, Alltag mit Kindern sei «ganz normaler Wahnsinn», auf einem Buchrücken wird gar von den «Schlachtfeldern des Alltags» gesprochen und die Frage gestellt: «Wie hat man Kinder und bleibt trotzdem ein Mensch?» Das ist schmissig getextet, aber blanker Unsinn. Mich jedenfalls dünkt, die eigenen Kinder erst hätten mich richtig zum Menschen gemacht. Und ich hatte nicht geahnt, dass so viel Trendliteratur auf dem Markt ist, die das Kinderhaben als Last beschreibt, als Hindernis im modernen Alltag. «Kinder, was nun?», «Warum hat mir das keiner früher gesagt?», «Gibt es ein Leben nach dem Leben mit den Kindern?», lese ich und bin glaubs nicht nur in der falschen Buchhandlung, sondern im falschen Film.

«Natürlich brachten sie mich auf die Palme …»
«Natürlich brachten sie mich auf die Palme …»

Natürlich müsste ich lügen, gäbe ich nicht zu, dass unsere Kinder mich im Jahr, das soeben ausklingt, nicht hundert Mal auf die Palme brachten — und umgekehrt ich sie; müsste ich heucheln, gestünde ich nicht, dass wir uns Ausdrücke an den Kopf warfen, die wenig druckreif sind. Vor allem aber sind sie längst vergessen, längst vergeben. Denn das ist ja das Schöne am Leben mit Kindern: das bedingungslose Gernhaben. Und dass man ob dem Lachen mit ihnen vergisst, wie sie eben noch nervten, weil sich — als sie sich endlich, endlich hinter die Mathiaufgaben machten — herausstellte, dass sie das Mathibuch in der Schule hatten liegenlassen. Schon gar nicht mag ich in den Kanon derjenigen einstimmen, die finden, sie würden der Kinder wegen das wahre Leben verpassen. Wenn es denn ein paar durchzechte Nächte weniger sind, die man erlebt — umso besser. Dafür darf ich daheim zuhören, wie Hans seinen Vortrag über den Kanton Bern übt, und schmunzle, welch Werbespot er «für meine engere Heimat, das Emmental» verfasst hat, obschon er dort nie gelebt hat.

Und dann steht da in der Buchhandlung noch, etwas abseits, das Brevier: «Familienglück, was ist das?» Tja, wenn man das zuerst in einem Buch nachlesen muss … Gekauft habe ich schliesslich einen Krimi für meine Frau. Und am Abend haben wir uns en famille «Moonrise Kingdom» angeschaut, den wunderbaren Film, in dem ein Mädchen von zu Hause ausreisst, weil es bei der Mutter ein Buch «Über den Umgang mit schwierigen Kindern» gefunden hat. Ich bin beruhigt. Bei uns liegen keine solchen Bücher rum.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli