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01. September 2014

Familienfreundliche Jobs: Zehn Hindernisse

Mangel an Strukturen, Unterstützung oder an Respekt und Verständnis: Wo ecken Eltern im Job zuerst an? Verraten Sie uns zu den Top Ten Ihre eigene Erfahrung im Kommentar (unten) oder in der Abstimmung. Dazu rechts die Kurzporträts von vier Angestellten in familienfreundlichen Firmen.

Wiedersehensfreude
Wiedersehensfreude: Mami kommt von der Arbeit zurück. (Bild Getty Images)

Kaum Teilzeit- oder moderne Arbeitszeitmodelle
Schon schwieriger gestalten es Unternehmen ohne Möglichkeit, nach Jahresarbeitszeit abzurechnen oder Gleitzeitmodelle zu wählen. Gänzlich unmöglich wird es jedoch erst, wenn im Regelfall keine Teilzeitarbeit angeboten wird – oder sicher keine für attraktive Stellen, besonders im Kaderbereich oder mit Projektverantwortung. Dies, meist weil Jobsharing bloss als Zusatzaufwand betrachtet wird. Da bleiben Eltern, mindestens diejenigen mit Projekt- und Führungserfahrung, aussen vor.
Keine Unterstützung bei der Betreuung
Als ebenso entscheidend erweist sich die Frage, ob der Arbeitgeber Hilfe bei der Betreuung von (Klein-)Kindern leistet. Im Idealfall handelt es sich bei Firmen ab einer bestimmten Grösse um interne Hortangebote, ansonsten vielleicht um Beiträge, im Minimum um Beratung und Kontakte. Vielerorts herrscht auch diesbezüglich Flaute. Speziell für Alleinerziehende ist das ein Jobkiller.
Mangelnde Sensibilität und fehlendes Verständnis
Oft scheitert ein beiderseitig befriedigendes Anstellungsverhältnis bereits an der Bereitschaft von Vorgesetzten, Kollegen und Personalabteilung, sich bisweilen in die Rolle von Eltern hineinzuversetzen. Es kann etwa zu kurzfristigen Absenzen bei Krankheit des Kindes kommen, ohne familienfreundliche Einstellung mangelt es dann an Toleranz. Oder der Ferienwunsch von Eltern deckt sich zwangsläufig mit jenen ihrer Schulkinder. Häufig fehlt dafür die Akzeptanz im Team, zudem schüren viele Vorurteile mitunter gar Widerstand. Hauptverantwortlich: Keine Erfahrung seitens der Mitarbeiter.
Die intransparente Karrierebremse
In einigen Unternehmen stösst die Laufbahn einer Mutter oder eines (engagierten) Vaters schon vor respektive bei der ersten Beförderung an Grenzen: Verlangt die Firmenkultur stillschweigend scheinbar uneingeschränkte Verfügbarkeit, verharren selbst erfolgreiche und begabte Mütter und Väter auf der Ebene ihrer ersten Anstellung. Intransparente Vorgaben erschweren den Aufstieg allen, Eltern verunmöglichen sie ihn aber geradezu.
Der versteckte Lohndeckel
Firmen ohne den gelebten Grundsatz von «gleichem Entgelt für gleichwertige Arbeit», der auch schrittweise überprüft wird, tendieren generell dazu, den Aufwand höher zu entlohnen als die Effizienz in der Arbeit. Dabei fahren die an vorhersehbare und begrenzte Arbeitsleistungen gebundenen Eltern in der Regel schlechter. Oft stagniert ihre Lohnentwicklung.
Einseitig vorausgesetzte Flexibilität
Auf Flexibilität setzende Unternehmen müssen aber keineswegs schlechte Arbeitgeber für Mütter oder Väter sein. Auf Dauer fahren diese aber dort schlecht, wo bloss vom Angestellten Flexibilität in Form von Überzeit und -stunden oder Sondereinsätzen erwartet wird, dieser aber nicht umgekehrt wieder kompensieren und Freizeit einziehen kann, wenn Aufgaben und Projekte es erlauben.
Ausgeschlossene Heimarbeit
Ein weiterer wichtiger Punkt stellt die Kontrollmöglichkeit tatsächlicher Arbeitsleistung – nicht der Ergebnisse! – dar: Vielerorts wird auf lückenlose Anwesenheit während der Arbeitszeit gesetzt, die Leistung soll ausnahmslos vor Ort (meist im Büro) erbracht werden, Telearbeit ist zumeist ausgeschlossen.
Verzicht auf Stellvertretungen
Unabhängig von Teilzeitmodellen kommt es für die Erfüllung von Jobs mit Verantwortung auch darauf an, ob konsequent Stellvertretungen definiert und tatsächlich aktiv wahrgenommen werden. Firmen ohne diese Struktur gestalten Eltern den Erfolg schwieriger.
Minimaler Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub
Selbstverständlich ist auch die erste Zeit der Elternschaft von Bedeutung, um die Familienfreundlichkeit von Arbeitgebern zu beurteilen. Klar längere Mutterschaftsurlaube – gesetzlich vorgegeben: 14 Wochen – und ein Vaterschaftsurlaub von mehr als ein bis zwei Tagen sind natürlich hilfreich, aber nicht über Branchen und Regionen hin weit verbreitet.
Ausblenden wertvoller Familienerfahrung
Oft vergessen geht bei der Beurteilung neben den Kriterien, bei denen der Arbeitgeber Verständnis oder Entgegenkommen zeigen könnte, das Gegenteil: Wo profitiert er denn von Angestellten mit tatsächlich gelebter Verantwortung für die Familie? Viele Eltern entwickeln mit der Zeit Fähigkeiten, die bei der Führung von KMUs und oftmals grösseren Unternehmenseinheiten mehr als nützlich sind: Konzentration aufs Wichtige, Organisationstalent oder Zeitmanagement. Bloss gilt es, diese wahrzunehmen und einzusetzen – da hapert es meist. Im Übrigen führen auch überdurchschnittliche Jobtreue, hohe Einsatzbereitschaft und oft relativ wenig Absenzen dazu, dass sich Eltern für die Firma «rechnen».
IHRE ERFAHRUNGEN
Haben Sie als Angestellte(r) mit Kind(ern) weitere schwer überwindbare Hindernisse angetroffen oder speziell Positives erlebt? Was stellte sich als Knackpunkt heraus?
Verraten Sie uns Ihre Erfahrung hier in einem Kommentar (auf Wunsch anonym respektive mit erfundenem Namen). Vielen Dank!

Autor: Reto Meisser