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01. Februar 2016

Fernsehen als modernes Lagerfeuer

Einst traf sich die ganze Familie vor der Flimmerkiste. Youtube, Netflix und Co. haben dem gemeinsamen TV-Abend den Garaus gemacht.

In den 60er-Jahren brauchte es nicht viel Überredungskunst, um die Kinder in die Stube zu locken.
In den 60er-Jahren brauchte es nicht viel Überredungskunst, um die Kinder in die Stube zu locken.


Als das Fernsehen vor rund fünfzig Jahren in die Schweizer Stuben einzog, funktionierte es noch wie ein neuzeitliches Lagerfeuer: Es brachte Jung und Alt in trauter Verbundenheit zusammen – etwa zu «Was bin ich?», jenem heiteren Beruferaten mit Robert Lembke. Legendär war seine Frage: «Welches Schweinderl hätten S’ denn gern?». In der vierten Runde erschien jeweils der Stargast.

Was bin ich? (BFS 1955–1958 u. 1961–1989)

Klar gab es manchmal Streit um das Programm. Aber die Auswahl war nicht gross, und um den Kanal zu wechseln, musste man noch aufstehen. Und überhaupt: Artete die Diskussion aus, sprach der Vater einfach ein Machtwort.
In den 80er-Jahren kamen die Privat-TV-Sender auf, und manche Haushalte besassen mehr als ein Fernsehgerät. Doch mit grossen Samstagabendkisten gelang es dem Fernsehen nach wie vor, die Generationen auf dem Sofa zu vereinen. Legendär war etwa «Wetten, dass ..?». Wir Kinder fanden das Gelaber von Thomas Gottschalk zwar ziemlich langweilig, und auch die Prominenten interessierten uns nicht sonderlich. Dafür fieberten wir bei den Wetten umso mehr mit. Erst recht bei der Kinderwette, die ab 2001 das Format der Sendung komplettierte. Der Dinosaurier unter den Quizshows wurde im vergangenen Jahr eingestellt. Das Format galt als grösste Fernsehshow Europas und erreichte unter Frank Elstner regelmässig um die 20 Millionen Zuschauer.

Wetten dass..? (ZDF, ORF und SRF 1981–2014)


Überlebt haben günstigere Formate wie «Deutschland sucht den Superstar» oder «Wer wird Millionär?».

Deutschland sucht den Superstar (RTL seit 2002)

Die Hochzeit des Familienfernsehens ist aber definitiv vorbei: Kinder und Jugendliche nutzen lieber Youtube, Netflix oder Zattoo. Immer und überall. Aber egal: Ein Ausflug in den Wald und ein echtes Lagerfeuer ist pädagogisch sowieso viel wertvoller – und kann die Kids auch heute noch begeistern.

Autor: Andrea Freiermuth