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16. Juni 2014

Familienbande

Sie sind zusammen aufgewachsen, und heute geht jeder erfolgreich seinen beruflichen Weg: Vier bekannte Geschwisterpaare über Stolz, Respekt und wie sie voneinander profitieren können. Möchten auch Sie trotz unterschiedlichen Talenten, Jobs und Leben Geschwistern eine Liebeserklärung machen? Am Ende der Porträts finden Sie alle Infos, wie Sie Ihre Nachricht übermitteln können.

Brüder, die voneinander profitieren: Schauspieler Beat Marti trägt Churs Stadtpräsident Urs Marti. 1973 war es umgekehrt: Urs hält seinen Bruder auf dem Arm. 
Beat ist das Nesthäkchen der fünf Marti-Kinder.
Brüder, die voneinander profitieren: Schauspieler Beat Marti trägt Churs Stadtpräsident Urs Marti. 1973 war es umgekehrt: Urs hält seinen Bruder auf dem Arm. 
Beat ist das Nesthäkchen der fünf Marti-Kinder.

Zusammenhalt trotz Distanz

Urs Marti (46) ist als Stadtpräsident von Chur seinem Heimatort treu geblieben, seinen Bruder Beat (42) zog es in die Welt hinaus: Der Schauspieler («Heldin der Lüfte», «Die Standesbeamtin») lebt seit 18 Jahren in Berlin. Wenn er ein- bis zweimal pro Jahr für Dreharbeiten in der Schweiz ist, wie kürzlich für Micha Lewinskys Spielfilm «Nichts passiert», freut er sich umso mehr, seine Geschwister zu sehen: «Durch die Distanz ist die Beziehung zu ihnen viel bewusster geworden.»

1973 war es umgekehrt: Urs hält seinen Bruder auf dem Arm. 
Beat ist das Nesthäkchen der fünf Marti-Kinder.
1973 war es umgekehrt: Urs hält seinen Bruder auf dem Arm. 
Beat ist das Nesthäkchen der fünf Marti-Kinder.

Fünf Kinder sind die Martis insgesamt. Seit Urs Marti der bekannteste Churer ist, sind die gemeinsamen Spaziergänge durch die Stadt aufwendiger geworden. An jeder Ecke müssen die beiden nun anhalten und Hände schütteln. Der Berliner Besuch wird überall vorgestellt, denn Urs Marti ist mächtig stolz auf seinen Bruder: «Ich habe grossen Respekt vor seiner Lebensart. Als Künstler ständig mit dieser finanziellen Unsicherheit zu leben und nicht immer zu wissen, wann der nächste Lohn reinkommt, das ist bewundernswert.» Beat Marti ist froh, dass sein Bruder ihn auf seinem Weg unterstützt hat. «Er hat mich immer ermutigt, weiterzumachen.» Urs hält das für selbstverständlich: «Dafür sind Brüder doch da.»

Beim Eishockey kam früher niemand gegen die Brüder an

Die beiden wirken vertraut, obwohl oder vielleicht gerade weil sie komplette Gegensätze sind: Beat war als Kind ein Träumer, sein grosser Bruder ging geradlinig seinen Weg. Beat ist der Künstler, Urs der Geschäftsmann, der bis vor Kurzem eine Treuhandfirma und ein Gastrounternehmen geleitet hat.

Wegen ihrer Unterschiedlichkeit profitieren die Brüder immer wieder voneinander. Als Beat Marti mit seiner Frau vor fünf Jahren eine Schauspielagentur gründete, holte er sich vom Bruder unternehmerischen Rat: «Durch ihn habe ich gelernt, konkreter zu werden und einen Geschäftssinn zu entwickeln.»

Die Kindheit in Chur haben beide in bester Erinnerung. Nach der Schule machten sie das Kleidergeschäft der Eltern unsicher. Und beim gemeinsamen Eishockeyspielen kam niemand gegen die brüderliche Allianz an.

Nationalrätin Barbara Schmid-Federer und Abt Urban Federer.
Nationalrätin Barbara Schmid-Federer und Abt Urban Federer.

Engagement liegt in der Familie

Familienferien wie damals in Italien sind heute schwierig: Nationalrätin Barbara zieht es in die Kälte, Abt Urban bevorzugt die Wärme.
Familienferien wie damals in Italien sind heute schwierig: Nationalrätin Barbara zieht es in die Kälte, Abt Urban bevorzugt die Wärme.

Die CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer (48) kennt das Leben in der Öffentlichkeit. Daran, dass seit Kurzem auch ihr Bruder von sich reden macht, muss sie sich noch gewöhnen: Urban Federer (45) amtet seit Dezember als Abt des Klosters Einsiedeln. Durch ihn kommt die Nationalrätin neuerdings nicht mehr drum herum, sich zu religiösen Themen zu äussern: «Ich kann Privatleben und Beruf nicht mehr so gut trennen.»

Als Erstgeborene sei Barbara zu Hause zwar die Prinzessin gewesen, sagt ihr Bruder, dafür musste sie die Regeln aushandeln. Abgesehen von den üblichen Streitereien verlief die Kindheit in Zürich harmonisch. Die Winterferien verbrachte die Familie jeweils in Saas-Fee, die Sommerferien in Italien.

An Feiertagen wie Ostern und Weihnachten fehlt Urban Federer

Die Beziehung unter den Geschwistern, auch mit dem jüngsten Bruder Martin (41), hat sich über die Jahre hinweg intensiviert: «Je älter wir werden, desto mehr wachsen wir zusammen.» Als 20-Jähriger eröffnete Urban Federer der Familie, dass er ins Kloster geht. «Dieser plötzliche Abschied von zu Hause war ein harter Schnitt. Das hat schon wehgetan», sagt seine Schwester. Aber: «Hauptsache, er ist glücklich.»

Manchmal besucht die Familie Urban in Einsiedeln, sonst sehen sie sich an ­Familienfesten in Zürich. Nur an den Feiertagen wie Weihnachten und Ostern fehlt Urban, weil er im Kloster gebraucht wird. «Wir sehen uns zwar nicht oft, aber wenn wir zusammenkommen, ist es sehr herzlich», sagt Urban Federer. Spannungen unter Geschwistern kennen die beiden nicht.

An ihrem Bruder schätzt Barbara Schmid-Federer sein ruhiges Gemüt. Er hingegen bewundert ihr Engagement. Das wurde allen Geschwistern in die Wiege gelegt: Bereits die Eltern setzten sich in Vereinen ein. Barbara engagierte sich nach ihrer Zeit als aktive Schwimmerin als Trainerin und Wertungsrichterin, Urban war Pfadi-Leiter. Heute ist das nicht anders: Er ist im Vorstand des Welttheaters Einsiedeln und arbeitet als Gymnasiallehrer, sie ist neben zahlreichen Mandaten Präsidentin des Roten Kreuzes Kanton Zürich.

Sind im Emmental aufgewachsen und mögen Ausflüge in die Natur noch immer: Die Brüder Tinu (links) und Ueli Heiniger.
Sind im Emmental aufgewachsen und mögen Ausflüge in die Natur noch immer: Die Brüder Tinu (links) und Ueli Heiniger.

Verwechslung nicht ausgeschlossen

Allzu viele Berührungspunkte gibt es im Leben von Ueli (69) und Tinu Heiniger (67) nicht. Der ehemalige «Zischtigsclub»-Moderator hat sich aus dem Rampenlicht zurückgezogen, reist mit seiner Frau, liest, moderiert interne Anlässe und geniesst das Grossvaterdasein. Sein jüngerer Bruder Martin alias Tinu tourt als Liedermacher weiterhin durch die Schweiz und denkt nicht im Traum daran, mit dem Musikmachen aufzuhören. Etwa vier Mal im Jahr sehen sich die beiden: am Weihnachtsfest zusammen mit dem jüngeren Bruder Jörg bei Schwester Barbara in Zürich, am Todestag der Mutter im Emmental, und sonst fast nur dann, wenn «irgendwelche Journalisten etwas wollen». Aber dann nimmt der seit sieben Jahren pensionierte Ueli gern den Zug, um von seinem Wohnort Murten ins aargauische Schöftland zu reisen, wo sein Bruder sich mit seiner Lebensgefährtin niedergelassen hat.

Nicht einmal die Mutter konnte sie am Telefon unterscheiden

Beim Fotoshooting stapfen die beiden durch die Wiese und diskutieren über Zeitungsartikel, Schriftsteller und Eishockey. Das Landleben, wie hier in der Umgebung von Schöftland, kennen sie als Emmentaler nur zu gut. Seine Kindheit und Jugendzeit auf dem Land verarbeitet Tinu Heiniger in seinen Liedern und in seinem Buch «Mueterland». Dagegen meint sein Bruder Ueli: «Öffentliche Diskussionen über unsere Kindheit langweilen mich.»

Tinu und Ueli Heiniger als Kind.
Tinu und Ueli Heiniger als Kind.

Tinu verstand lange nicht, wieso der grosse Bruder ihn, als sie noch Buben waren, nicht dabeihaben wollte, wenn er um die Häuser zog. Suchte der Jüngere beim Älteren im Pfadi-Lager Anschluss, hiess es: «Lueg sälber!» Heute ist Tinu froh über die rigorosen brüderlichen Absagen, sie haben ihn die Selbständigkeit gelehrt.

«Eigentlich habe ich Ueli immer bewundert. Er hatte stets die besten Ideen. Im Winter holte er den Gartenschlauch und machte für uns auf der Terrasse eine Eisbahn, ein andermal baute er mit Leiterwagen und Leintuch ein Segelschiff und segelte damit die Strasse hinauf.» Für die Arbeit des anderen hatten und haben die beiden Heiniger immer grossen Respekt. Ueli besucht die Plattentaufen seines Bruders, und Tinu ist stolz auf seinen Bruder, wenn die Frau an der Migros-Kasse zu ihm sagt, wie sehr sie seinen Bruder im «Zischtigsclub» geschätzt habe. «Üelu hat den ‹Club› erfunden, und er ist und bleibt der beste Moderator, keine Frage», sagt Tinu.

Wegen ihrer Art zu reden, ihrem «Berner Sound», und ihrer ähnlichen Stimme werden die beiden oft verwechselt. Am Telefon konnte nicht einmal die eigene Mutter sie unterscheiden. Ueli Heiniger kommt die Verwechslungsgefahr manchmal ganz recht. Wenn wildfremde Leute mit ihm gegen seinen Willen übers Fernsehen diskutieren wollen, sagt er: «Ich bin nicht der Ueli, du verwechselst mich mit meinem Bruder.»

Kiki und Nico Maeder.
Kiki und Nico Maeder.

Viel zu lachen

Nico Maeder (37), aufbrausend wie die Mutter, hat seiner kleinen Schwester Kiki (33) früher gerne mal das Leben schwer gemacht. Diese ist eher wie der Vater: harmoniebedürftig. Da waren Probleme vorprogrammiert. Als er zum Beispiel herausfand, dass sie rauchte, ging er damit schnurstracks zu den Eltern.

Die beiden gingen schon als Kinder nicht gerade zimperlich miteinander um.
Die beiden gingen schon als Kinder nicht gerade zimperlich miteinander um.

Dabei war sie die Musterschülerin, er das Problemkind. «Ich habe jede Zürcher Schule von innen gesehen. Als Kiki plötzlich eine Klasse hinter mir war, war klar: Ich muss mich um einen Abschluss bemühen!», erzählt Nico. Nachdem ihm das gelungen war, startete er als Gastrounternehmer und Partyorganisator durch. Mittlerweile ist er Mitinhaber von vier Zürcher Restaurants.

Kiki, geborene Christina, ist heute Schauspielerin und Aussenmoderatorin der Sendung «Happy Day» (nächste Sendung: 30. 8. auf SRF 1). Für ihren Mut bewundert ihr Bruder sie: «Der Weg in die Schauspielerei bedeutet immer ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Kiki hat sich nie unterkriegen lassen.»

Die Mutter sammelt alle Artikel: Kikis Ordner ist dicker

Während des Fotoshootings können sie das Sticheln nicht lassen. Er frotzelt: «Ich mache das viel besser als du.» Sie entgegnet: «Geh zur Seite, du füllst das ganze Bild aus.» Wenn Kiki in der Gegend ist, schaut sie in Nicos Atelier Bar in Zürich vorbei, er schaut sich ihre Bühnenstücke an. Die Mutter ist so stolz auf ihre Kinder, dass sie von beiden einen Ordner mit Zeitungsartikeln angelegt hat. «Kikis Ordner ist mittlerweile dicker als meiner», sagt Nico. Dass seine Schwester im Rampenlicht steht, macht ihn stolz. Sie schätzt an ihm seine Schlagfertigkeit. Und: «Er ist einer der lustigsten Menschen, die ich kenne.» Ihr Verlobter hat die Überprüfung durch den kritischen Bruder zum Glück überstanden: «Endlich hat sie einen Guten!»

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Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Salvatore Vinci