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09. Dezember 2013

Familie wie noch mal?

Seit dem 1. Januar 2013 gilt in der Schweiz ein neues Namensrecht. Beim Konkubinatspaar Businger Krebs und seinen drei Kindern hat die Änderung ein totales Namenschaos ausgelöst.

Eine Familie – drei Nachnamen
Eine Familie – drei Nachnamen: Finn (Mitte, 2 Jahre) und seine Schwestern Jael und Svea haben die gleichen Eltern, aber nicht denselben Namen.

«Das ist jetzt aber ein Witz, oder?» Christoph Krebs, dreifacher Familienvater aus Weisslingen ZH, weiss nicht, wie oft er diese Frage von Verwandten und Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen, ja selbst Ämtern und Versicherungen seit dem 13. Oktober gehört hat. An diesem Tag brachte seine Lebenspartnerin Sibylle Businger (36) die Zwillingsmädchen Jael und Svea zur Welt. Und seit diesem Tag muss der 47-jährige Elektromonteur immer wieder bestätigen: «Nein, das ist leider kein Witz! Unsere Töchter heissen zum Nachnamen weder Businger wie ihre Mutter und ihr grosser Bruder noch Krebs wie ihr Vater, sondern – Fürst!»

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Auch im Ausland registriert man viele abweichende, für Schweizer oft bizarre Namensregeln: In England wählen Kinder selbst einen Namen, und in Niger heissen sie mit Nachnamen so wie der Vater mit Vornamen. Zum Artikel

Das Paar lebt seit bald zehn Jahren im Konkubinat. Vor zwei Jahren wurde mit Sohn Finn ihr erstes Kind geboren, mit den beiden Mädchen Jael und Svea ist das Familienglück nun perfekt. Wäre da nicht der Namenswirrwarr, mit dem sich die Familie zurzeit konfrontiert sieht. Dieser ist sozusagen ein Kollateralschaden des neuen Schweizer Namensgesetzes. Seit dem 1. Januar 2013 erhält das Kind unverheirateter Eltern nämlich bei der Geburt den Ledignamen der Mutter und zwar unabhängig davon, wie diese aktuell heisst.

Zeitungsartikel löst eigene Recherchen aus

«Und genau das wird bei uns jetzt zum Problem», sagt Sibylle Businger, die nach der Scheidung 2003 den Namen ihres Ex-Manns behielt, statt ihren Ledignamen Fürst wieder anzunehmen. Und daher heissen sie und Sohn Finn (2) nach der alten Regelung Businger, während in den Geburtsurkunden der beiden Töchter Fürst steht.

Vater Christoph Krebs
Vater Christoph Krebs hat den Humor noch nicht verloren.

Dass die drei Geschwisterkinder trotz identischer Eltern und gemeinsamer Sorge nicht den gleichen Nachnamen haben würden, realisierte das Paar rund zwei Wochen vor Geburt der Zwillinge. «Meine Schwester hatte einen kleinen Artikel im ‹Beobachter› gesehen», erzählt Sibylle Businger. Christoph Krebs’ erster Kommentar? «Das ist jetzt aber ein Witz, oder?» Trotzdem ging er gleich am nächsten Morgen aufs Zivilstandsamt seiner Gemeinde, wo man die Information grundsätzlich bestätigte. «Es hiess aber auch, ich könne mit einer Vaterschaftsanerkennung und dem Geburtsschein der Mädchen gleich nach der Geburt beantragen, dass Jael und Svea sozusagen als Krebs ins Leben starten.» Seine Partnerin ergänzt: «Businger war aufgrund des neuen Namensgesetzes ja leider nicht mehr möglich und Fürst war für mich keine Option, da ich diesen Namen seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr trage.»

Namensbändeli von «Krebs» auf «Fürst» korrigiert

Und so stand denn auf den Armbändeli, die Jael und Svea nach ihrer Geburt am 13. Oktober umgebunden erhielten, jeweils «Krebs». «Aber nur einen Tag lang», erinnert sich Sibylle Businger. Dann kam nämlich vom Zivilstandsamt Uster ZH, wohin das Spital Geburtsanzeigen sowie Vaterschaftsanerkennungen geschickt hatte, die Rückmeldung, dass das so nicht gehe. Für eine Namensänderung – denn darum handle es sich – brauche es zwingend für jedes der Mädchen die Zusprechung der gemeinsamen elterlichen Sorge und einen Unterhaltsvertrag. Für diesen werden frischgebackene, nicht verheiratete Eltern meist ein paar Wochen nach der Geburt von der Jugend- und Familienberatung ihres Wohnorts aufgeboten.

Und so erhielten Jael und Svea neue Armbändeli, diesmal auf den Namen «Fürst» lautend. Deshalb lebt unter dem Dach des gemütlichen Einfamilienhauses im Zürcher Oberland eine traditionelle Familie – Vater, Mutter, drei gemeinsame Kinder –, deren Nachnamenssituation auf eine Patchworkfamilie schliessen lässt. «Dass wir keinen gemeinsamen Familiennamen haben, haben wir damals vor Finns Geburt bewusst in Kauf genommen. Sonst hätten wir ja auch heiraten können», sagen die beiden, «aber dass jetzt unsere drei Kinder aufgrund einer Gesetzesänderung nicht alle den gleichen Nachnamen haben, ist dann doch ziemlich schräg.»

Das ist jetzt aber ein Witz, oder?

Und jetzt? Am einfachsten wäre eine Heirat. «Aber wenn wir denn heiraten würden, dann sicher nicht aus namenstechnischen Überlegungen», sind sich die beiden einig. Um wenigstens die Namen der Kinder zu vereinheitlichen, werden sie in den nächsten Tagen für Finn den Namen seines Vaters beantragen, also Krebs. Da dieser seit Geburt an Mitinhaber der elterlichen Sorge ist, erlaubt eine Übergangsbestimmung diese Option noch bis zum 31. Dezember 2013. Sibylle Businger rechnet vor: «Das würde dann heissen, dass während ein paar Wochen der Zwischenstand wie schon jetzt 1:2:2 lauten würde: Statt 2 Businger, 2 Fürst und 1 Krebs einfach 1 Businger, 2 Fürst und 2 Krebs.» Anschliessend werden die Eltern, wenn die Unterhaltsverträge für Jael und Svea aufgesetzt sind, beantragen, dass diese ebenfalls den Ledignamen des Vaters erhalten. «Das hiesse dann 4:1, 4 Krebs und 1 Businger.»

Der Weisslinger Familie ist trotz Namenswirrwarr der Humor nicht vergangen. Es hätte nämlich noch viel schlimmer kommen können. Wäre Christoph Krebs ebenfalls bereits einmal verheiratet gewesen und hätte er den Namen seiner damaligen Frau, zum Beispiel Kaiser, angenommen und nach der Scheidung auch behalten, dann ... «Dann könnten wir via Namenserklärung zwar erreichen, dass Finn, Jael und Svea den gleichen Nachnamen haben, also entweder Fürst oder Kaiser. Damit würden aber auch alle anders als ihre Eltern heissen.»

Familienchaos im Namen des Gesetzes

Familie Businger Krebs (und Fürst) auf dem Sofa
Familie Businger Krebs (und Fürst) auf dem Sofa: Welche Namensvarianten ermöglicht(e) ihnen (bisher und neu) das Gesetz?

Konkubinat, eine frühere Ehe und ein neues Namensgesetz: Für Familie Businger Krebs eine Kombination mit Folgen.

FAKT IST – Unsere Familie hat sich bis auf Weiteres für folgende Namen entschieden:
Sibylle Businger
Christoph Krebs
Finn Krebs (aktuell Businger)
Jael Krebs (aktuell Fürst)
Svea Krebs (aktuell Fürst)
Sie hofft, dieses Ziel bis Ende Januar 2014 erreicht zu haben.

Das sagt das Namensgesetz bei Geburt vor 1. 1. 2013:
§ Sind die Eltern nicht miteinander verheiratet, erhält das Kind den Namen der Mutter.
Für unsere Familie bedeutet das:
Sibylle Businger (ledige Fürst)
Christoph Krebs
Finn Businger

Die Zwillinge Jael und Svea kamen am 13. 10. 2013 zur Welt und damit nach der Einführung des neuen Namensrechts. Ihr leiblicher Vater ist Christoph Krebs.
Das sagt das Namensgesetz bei Geburt

ab 1. 1. 2013:
§ Sind die Eltern nicht miteinander verheiratet, erhält das Kind den Ledignamen der Mutter.
Für unsere Familie bedeutet das:
Sibylle Businger (ledige Fürst)
Christoph Krebs
Finn Businger
Jael Fürst, Svea Fürst

§ Ist auch der Vater Inhaber der elterlichen Sorge, können die Eltern gemäss neuem Namensrecht gemeinsam innerhalb eines Jahres erklären, dass das nach dem 1. 1. 2013 geborene Kind den Ledignamen des Vaters führen soll.
Für unsere Familie würde das bedeuten:
Sibylle Businger (ledige Fürst)
Christoph Krebs
Finn Businger
Jael Krebs (aktuell Fürst)
Svea Krebs (aktuell Fürst)

§ Wurde der Vater vor dem 1. 1. 2013 Mitinhaber der elterlichen Sorge bei einem Kind, kann er auch für dieses noch bis Ende 2013 seinen Ledignamen beantragen.
Für unsere Familie würde das bedeuten:
Sibylle Businger (ledige Fürst)
Christoph Krebs
Finn Krebs (aktuell Businger)
Jael Fürst, Svea Fürst

Sibylle Businger behielt nach der Scheidung von ihrem ersten Mann dessen Namen.
Das sagt das neue Namensgesetz: § Die Möglichkeit der Wiederannahme des Ledignamens steht nach Auflösung der Ehe durch Scheidung, Tod eines Ehegatten, Verschollenerklärung oder Ungültigerklärung offen, auch wenn die Ehe seit Jahren aufgelöst ist.
Für unsere Familie würde das bedeuten:
Sibylle Fürst (aktuell Businger)
Christoph Krebs
Finn Businger
Jael Fürst, Svea Fürst

§ Soll mit der Wiederannahme des Ledig­namens der Mutter auch Sohn Finn Fürst heissen, müssten seine Eltern ein Namensänderungsgesuch gemäss ZGB Artikel 30 Absatz 1 einreichen.
Für unsere Familie würde das bedeuten:
Sibylle Fürst (aktuell Businger)
Christoph Krebs
Finn Fürst (aktuell Businger)
Jael Fürst, Svea Fürst

Will die ganze Familie gleich heissen, muss geheiratet werden.
Das sagt das neue Namensgesetz:§ Von der Wiege bis zu Bahre: Seit dem 1. 1. 2013 behält jeder seinen Namen. Will ein Ehepaar den gleichen Namen tragen, kann es als Familiennamen entweder den Ledignamen der Braut oder den des Bräutigams wählen.
Für unsere Familie würde das bedeuten:
Sibylle Fürst (aktuell Businger)
Christoph Fürst (aktuell Krebs)
Finn Fürst (aktuell Businger)
Jael Fürst, Svea Fürst

Oder wahlweise:
Sibylle Krebs (aktuell Businger)
Christoph Krebs
Finn Krebs (aktuell Businger)
Jael Krebs (aktuell Fürst)
Svea Krebs (aktuell Fürst)

Autor: Almut Berger

Fotograf: Paolo Dutto