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18. Februar 2013

Familie Loosli lässt die Puppen tanzen

Seit zwei Generationen begeistert die Zürcher Familie Loosli mit ihrem Puppentheater kleine und grosse Kinder. Und die Begeisterung für die Marionetten ist ungebrochen. Oben zeigt Tobias Loosli seine Lieblingsfiguren – das Beste aus seiner Puppenstube.

Raurinde und Muggestutz
Raurinde und Muggestutz aus «Muggestutz de Haslizwerg». Für Loosli ist die Neuinszenierung des Klassikers seiner Eltern gelungen, bedeutet aber, grausam viel Material zu schleppen und aufzubauen.
Tobias und Lois Loosli, Landstreicher Illi und Huhn Gakri
Argwöhnisch beäugt Huhn Gakri den Landstreicher Illi, während es den Platz fegt. Fast vergisst man, dass Tobias und Lois Loosli die Puppen führen.

Ungeduldig rutschen die Kinder der Unterstufe Bürglen TG auf ihren Stühlen herum und warten darauf, dass es losgeht. «Guten Morgen, Kinder», begrüssen Tobias (59) und Lois (55) Loosli ihre jungen Zuschauer und erzählen, welches Stück heute gespielt wird. «Was ist denn ein Landstreicher, habt ihr eine Idee?» — «Einer, der auf den Landstrassen geht», tönt es aus dem Publikum. «Und wieso geht er auf den Landstrassen?» — «Weil er kein Zuhause hat», schreien die Kinder zurück.
Die Looslis verstehen es, die Kinder miteinzubeziehen, und routiniert dirigieren sie die Antworten zum Spielanfang. Musik ertönt, und pfeifend kommt Illi der Landstreicher auf die Bühne, die gerade von Huhn Gakri gefegt wird. Dahinter stehen, leicht erhöht, Tobias und Lois Loosli im Halbdunkel und führen die Puppen an Fäden.

Mucksmäuschenstill sitzen die Kinder auf ihren Plätzen und verfolgen fasziniert das Geschehen auf der Bühne. «Die Puppen bewegen sich, sprechen, singen und tanzen fast wie Menschen, sind aber viel kleiner, kleiner noch als die Zuschauer. Schon das allein macht sie sympathisch», wissen die Looslis. Und Kindergärtnerin Doris Frei, die den Landstreicher Illi nach Bürglen geholt hat, ergänzt: «Auch die Handlung verläuft in einem Tempo, das dem kindlichen Aufnahmevermögen entspricht. Viele Fernsehprogramme sind viel zu schnell und überfordern die Kinder.»

Das Licht der Welt erblicken die Puppen wie der Landstreicher Illi, das Huhn Gakri oder der Zwerg Muggestutz im Dorf Herschmettlen im Zürcher Oberland. Drei Generationen Looslis wohnen dort im alten Schulhaus unter einem Dach. In der Scheune, die als Werkstatt dient, stellt der gelernte Schreiner Tobias Loosli die Puppen und Bühnenbilder in Handarbeit her.

Looslis verstehen es, die Kinder ins Stück miteinzubeziehen
Das junge Publikum ist begeistert: Die Looslis verstehen es, die Kinder ins Stück miteinzubeziehen.

Fantasievolle Frisuren und wunderschöne Kleider
Die Figuren haben nicht nur ganz eigene Charakterzüge, sie tragen auch unterschiedliche Frisuren, manche auch Bärte oder Brillen, und alle tragen wunderschöne Kleider. Eineinhalb Wochen brauchen die Looslis, um eine Puppe zu fertigen. «Der Körper ist aus Holz und besitzt anatomisch korrekte Gliedmassen, Arme, Beine, Hände und Füsse und manchmal sogar einen beweglichen Daumen», erklärt der Puppenmacher.

Zuerst modelliert Lois Loosli den Kopf aus Ton, erst dann wird er von Tobias Loosli aus Holz geschnitzt. Der Tonkopf dient ihm als Modell. Die Kleider, für die früher Mutter Trudi Loosli verantwortlich war, fertigt heute Lois Loosli. Immer wieder sucht sie nach ganz besonderen Stoffen, verarbeitet diese liebevoll und gibt den Puppen so ihr eigenes Aussehen. «Schon meine Eltern kreierten ihre Figuren und auch die Bühnenbilder mit viel Herzblut hier in der Werkstatt», erzählt Tobias Loosli.

Mehr als 50 Jahre haben Peter W. Loosli und seine Frau Trudi das Puppenspiel geprägt. Dieses Erbe der Eltern wollen Tobias und Lois bewahren und weiterführen. So haben sie einerseits Stücke wie «Die Kinderbrücke» von den Eltern Loosli übernommen, auf der anderen Seite Stücke wie «Muggestutz dä Haslizwerg» neu inszeniert und dafür auch die Figuren hergestellt.

Tobias Loosli in der Werkstatt in Herschmettlen
In der Werkstatt in Herschmettlen im Zürcher Oberland baut Tobias Loosli alle seine Figuren in sorgfältiger Handarbeit.

War für Tobias Loosli denn immer klar, dass er einmal das Puppentheater übernehmen würde? Er verneint. Zirkus und Zaubern, das habe ihn fasziniert, aber nach seiner Lehre als Möbelschreiner wollte er vor allem auswandern. Nach einem ersten Amerikatrip gründete er mit seinem Kollegen Jaco Palaveri den Strassenzirkus «Paff und Staff». «Mit unserem Döschwo fuhren wir vor, bauten unseren Zirkus auf und spielten ein Stück, bei dem es vor allem ums Paffen ging», lacht Loosli. Erste Auftritte als Zauberer Buccini kamen dazu.

Doch eigentlich wollte er weg aus der engen Schweiz. Erst zog es ihn nach Neuseeland, wo er als Zauberer und Jongleur arbeitete, dann nach Kalifornien. Ein selbstbestimmtes Leben wollte er führen, Geld spielte dabei eine Nebenrolle. Wichtiger waren ihm der Respekt gegenüber anderen, Humor, Theater und Kunst.

Auch die Amerikanerin Lois lebte einfach und selbstbestimmt. Nett habe sie ihn gefunden, den gemütlichen Schweizer, sagt sie heute und schmunzelt. Nach vier unbeschwerten Jahren im sonnigen Kalifornien zog es die beiden zurück in die Schweiz, wo auch ihre beiden Kinder Nina und Alexander zur Welt kamen. «Tobias und ich teilten uns die Kinderbetreuung, so habe ich auch noch auswärts arbeiten können», erzählt Lois.

Der Spieler muss sich in die Puppen hineinversetzen können
Tobias spielte dann häufiger mit dem Vater und übernahm die Handpuppenspiele «De Hansdampf im Schnäggeloch» und «Rumpelstilzli». Mit «Muggestutz dä Haslizwerg» produzierten und spielten Lois und Tobias erstmals ein Stück gemeinsam, weitere, darunter auch «Illi de Landstriicher», folgten.

Und wie schafft man es, dass eine Puppe täuschend echt auf einer Gitarre spielen kann? «Man muss den Puppen eine Seele geben, sich in sie hineinversetzen», sagen Lois und Tobias. Bei den Proben werde jeder Wechsel mehrmals wiederholt, jede Minute sei durchchoreografiert, und geübt werde auch schon mal vor dem Spiegel. Wichtig sei, dass man die Puppen nicht zu stark bewege. So steht das Huhn Gakri im «Illi» manchmal bockstill auf der Bühne, und auch der Hase Hoppla fällt nicht dauernd über seine Füsse.

In Bürglen klatschen die Kinder, als die Geschichte vom «Illi» doch noch gut ausgeht. Mit den Kleinsten wird Kindergärtnerin Doris Frei später die Geschichte nacherzählen. Und auch eine Freundschaftssuppe, die im Stück eine zentrale Rolle spielt, kochen.

Das Marionetten-Motto: Gemeinsam geht es besser
Die prominentesten Marionettenfiguren aus dem Hause Loosli stehen in ihren Stücken auch für eine Moral: Gemeinsam geht es besser. (Bild zVg)

Tobias und Lois freuen sich über den Applaus. Für sie sind die Stücke aber mehr als reine Unterhaltung. «Wir spielen mit Lust und Spass, aber unsere Geschichten haben eigentlich immer eine Moral», erklärt Loosli. Und diese Moral heisse meist, offen und nett zueinander zu sein, einander nicht auszugrenzen und dass zusammen alles besser geht. So wie im «Illi», einem Stück, das von der Angst vor dem Fremden handelt und der Erfahrung, dass andere Kulturen unser Leben bereichern. Eine simple Moral mit grosser Aktualität, die Kinder fast noch besser verstehen als viele Erwachsene.

Pioniere der Kleinkunst

Über 50 Jahre hat der Gründer von Looslis Puppentheater, Peter W. Loosli, gemeinsam mit seiner Frau Trudi das Puppenspiel geprägt, die Schweiz und Europa bespielt und mit Stücken wie «Pinocchio» oder «Rumpelstilzchen» unzählige Kinderherzen höher schlagen lassen. Für seine Interpretation des «Kleinen Prinzen» von Saint-Exupéry wurde Loosli sogar vom französischen Kulturministerium als «Chevalier» in den Orden der Künste und der Literatur aufgenommen. Looslis Inszenierung des «Kleinen Prinzen» erschütterte 1955 die Welt des Puppentheaters: Erstmals trat er als Erzähler sichtbar mit den Puppen auf, was bis dahin verpönt gewesen war. Die Neuheit schuf ein Figurentheater auch für Erwachsene, und Loosli verschaffte damit dem Kleinkunstgenre ein Ansehen weit über die klassischen Kindervorstellungen hinaus.
2011, als Peter W. Loosli und seine Frau Trudi mit dem Ehrenpreis für ihr Lebenswerk im Bereich Kleinkunst ausgezeichnet worden waren, nahmen Lois und Tobias Loosli gemeinsam mit Schauspieler Jeannot Hunziker den «Kleinen Prinzen» wieder ins Programm auf. Im Dezember 2012 starb Peter W. Loosli im Kreis seiner Familie.

www.looslispuppentheater.ch

Autor: Martina Gradmann

Fotograf: Vera Hartmann