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08. Oktober 2012

Falsch verbunden

Keine Bange, wir haben die Plastikteller mit den schnüsigen Motiven nicht weggeworfen. Nicht mal in den Keller verfrachtet, denn das hiesse ja irgendwie: Abschied von der Kindheit der Kinder nehmen. Und das wäre definitiv zu früh. Also verbleiben, Puff hin oder her, Winnie Puuh, Asterix und Bob the Builder in unserem Küchenschrank.

Der Löffel ist so alt wie sie selber: 14.

Nicht nur meinem sentimentalen Gemüt, sondern auch den Kindern selber zuliebe. Denn die können ja zwischen taffem Teenie und Kindskopf bestens switchen, sie bewahren sich − auch wenn sie komplexe Physikformeln büffeln müssen, bei denen die Eltern nur Bahnhof verstehen − ihre Kindlichkeit, und das finde ich das Wunderbare an diesem Alter. Also isst unsere Grosse ihr Frühstück nach wie vor aus ihrer «Briefe von Felix»-Schale, und zwar mit einem «Briefe von Felix»-Löffel, der so alt ist wie sie selber: 14. Das ist ein Alter, in dem Eltern vor allem eines sind: peinlich. Besonders wenn sie … An dieser Stelle würde Anna Luna, weilte sie nicht im Lager, ausrufen: «… wenn sie so Scheiss ins Migros-Blatt schreiben, ou-mann, Vati! Musste das sein?»

«Der Löffel ist so alt wie sie selber: 14.»
«Der Löffel ist so alt wie sie selber: 14.»

Weiss gar nicht, ob sie um die grosse Bandbreite − zugleich Kind und doch schon ein bisschen erwachsen − zu beneiden sind oder ob dieser Zustand einfach nur anstrengend ist. Nur eines weiss ich: Je mehr in der rasanten Welt von den Kindern verlangt wird − Twitter, Tempo, Teufel! −, desto mehr sind ihnen die Oasen der Kindlichkeit zu gönnen. Und dafür, wie selbstverständlich unsere beiden sich diese Augenblicke der Leichtigkeit nehmen, dafür bewundere ich sie. Sei es nur, dass sie beim Mittagessen zuweilen saublöd tun, indem sie zum Beispiel die gewesene Miss Anita Buri nachahmen und das Wort Tupperware x-mal thurgauisch aussprechen, bis der Vater die Nerven verliert. Aber jetzt sind sie ja im Lager, und der Vater hat furchtbar Längizyti. (Sie eventuell auch, aber das würden sie nie zugeben.) Das Fresspäckli ist unterwegs.

Und weil sie im selben Dorf, aber in verschiedenen Gebäuden untergebracht sind, wollte Hans ein Handy mitnehmen, um sich mit seiner Schwester verständigen zu können. Also kramten wir das Familienhandy hervor − ewig nicht gebraucht. Wozu auch? Hans’ Schulweg ist kurz, er ist kaum je allein unterwegs. Für Notfälle hatten wir das Prepaid-Telefon mal angeschafft. Doch irgendwie will das Ding keinen Wank mehr tun. Bei der entsprechenden Telekommunikationsfirma wird mir beschieden, ach so, ähm, ... also, diese Nummer sei längst weitergegeben worden. So was passiere automatisch, wenn man eine Nummer ein paar Monate lang nicht benutze. Da sei ich halt selber schuld. Dass ich noch Geld draufgeladen habe, und zwar aus Versehen nicht nur ein-, sondern zweimal sechzig Franken, kümmert den Hotline-«Berater» wenig. Das sei vermutlich aufs Konto unseres Nummernnachfolgers gegangen, raunt er. Und scheint das auch noch lustig zu finden.

Wer mag nun unter «unserer» Nummer erreichbar sein? Ein nigerianischer Kügelidealer? Eine Shiatsu-Therapeutin aus dem Freiamt? Am liebsten stelle ich mir vor, dass es ein Kind ist und dass es sich über die 120 Stutz Guthaben diebisch gefreut hat. Möge es sie für möglichst viele alberne SMS verwenden. Ich sage nur: «Tupperware!» Und gäbe ich ein Nachschlagewerk heraus, stünde unter «Telekommunikationsfirma»: Gangster.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli