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07. November 2011

Facebook-Dorf Obermutten

Obermutten ist weltberühmt – Facebook sei Dank. Tausende von Menschen rund um den Globus sind Fan des verschlafenen Bündner Bergdorfs. Gemeindepräsident Martin Wyss freut sich über die gelungene Werbeaktion und hofft auf viele Touristen.

«Fanarbeit»: Barbara und Martin Wyss.
«Fanarbeit»: Gemeinsam mit den Enkeln Nicola (links) und Gianin begutachten Barbara und Martin Wyss die vielen Fans.

Nach mehr als 20 Kurven ist Obermutten, hoch über dem Albulatal, endlich erreicht. Am Ende einer Schotterstrasse steht eine mehrere Meter breite Informationstafel. Hier, 1860 Meter über Meer, ist keine Menschenseele zu sehen. Der Föhn heult um die Ecken der wenigen Holzhäuser. Hinter den Gebäuden steht eine kleine protestantische Kirche aus dem 18.Jahrhundert. Ein Auto fährt vor. Daraus steigen Martin Wyss (58) und seine Familie. Mit seiner Frau Barbara (55) und den Enkeln Gianin (6) und Nicola ( 4) hängt der Gemeindepräsident von Mutten GR, wozu der Weiler Obermutten gehört, an der Informationstafel des Dorfs spezielle Ausdrucke auf: Es sind die neusten Facebook-Fans von Obermutten. «Inzwischen haben wir über 8500 Fans aus mehr als 20 Ländern und sämtlichen Kontinenten», sagt Wyss erfreut. Die Zahl ist enorm, wohnt doch in Obermutten nur eine Hand voll Menschen. Auf dem gesamten Gemeindegebiet von Mutten sind es 78. Einige dieser Einwohner, darunter Bauer Hans-Peter Bucher, hängen jeden Mittwoch die Ausdrucke der neusten Facebook-Supporter auf. Die Fans werden mit einem gut ein Zentimeter grossen Bild aus dem sozialen Netzwerk auf der neu gestalteten Holztafel von Obermutten verewigt.

«Fanarbeit»: Barbara und Martin Wyss.
Alle packen mit an: Hans-Peter Bucher (links) und Barbara und Martin Wyss mit ihrem Enkel Gianin beim Befestigen der BIlder der neusten Facebook-Fans.

Angefangen hat alles mit der Marketingorganisation Graubünden Ferien und der Werbeagentur Jung von Matt/Limmat, die für Obermutten das Facebook- Profil kostenlos eingerichtet haben. Die Werber und Marketingleute wollten das bis anhin weitgehend unbekannte Bergdorf mit Hilfe des sozialen Netzwerks aus dem Dornröschenschlaf wecken. «Ich sagte beim ersten Telefongespräch mit Graubünden Ferien sofort zu», sagt Martin Wyss, der hauptberuflich als Agenturleiter bei einer Versicherung in Davos arbeitet. «Ein Zeitungsinserat würde uns sehr viel Geld kosten.» Vom Ja zu Facebook erhofft sich der Gemeindepräsident, der seit 24 Jahren im Amt ist, einen touristischen Aufschwung und dass sich die eine oder andere Familie entscheidet, nach Obermutten zu ziehen. Der zweifache Familienvater Wyss ist vor 30 Jahren mit gutem Beispiel vorangegangen. Er heiratete die Deutsche Barbara Stotz. Sie stammt aus dem Raum Stuttgart und verbrachte jeweils ihre Ferien in Mutten.

Martin Wyss setzte sich im September 500 Facebook-Fans als Ziel. Anfang Oktober hingen aber bereits über 4000 Profile an der Wand einer alten Holzscheune. Und mit dem Erfolg kommt der Hunger: Das neue Ziel von Martin Wyss sind 10 000 Benutzer, die im Facebook- Auftritt von Obermutten den «Gefällt mir»-Button gedrückt haben. Aus Platzgründen und um die Ausdrucke vor der Witterung zu schützen, musste eine erweiterte Informationstafel mit einem Schutz aus Plexiglas her. Am alten Standort entfernten Freiwillige aus dem Dorf über 1000 Bostitchklammern.

50 Millionen Menschen kennen nun Obermutten

Bis anhin ist der Werbefeldzug des Gemeindepräsidenten aufgegangen. Am belgischen Radio war Obermutten genauso Thema wie in der Hauptnachrichtensendung Südkoreas. Über 50 Millionen Menschen rund um den Globus haben von Obermutten gehört oder gelesen. Neugierige aus der Schweiz und Deutschland besuchten einzig wegen Facebook den verschlafenen Weiler und übernachteten im 41-Betten- Hotel Post, das eine atemberaubende Aussicht auf das Rothorn und Richtung Lenzerheide bietet.

Die Informationstafel von Obermutten mit den zahlreichen Facebook-Fans.
Die Informationstafel von Obermutten musste wegen der zahlreichen Facebook-Fans verlängert werden.

«Für Obermutten ist der Hotelbetrieb sehr wichtig. Erhöhen wir die Belegung, sichern wir das Überleben des Betriebs», sagt Martin Wyss. Allerdings wurde das Bergdorf bisher nicht von Touristen überrannt, denn für die Facebook- Fans gibts keine Rabatte oder speziellen Aktionen. Ihr einziger «Profit» ist die Präsenz auf der hölzernen Infotafel des Orts.

Jetzt, in der Zwischensaison, wenn es nicht mehr richtig Herbst ist und der Schnee noch auf sich warten lässt, herrscht in Obermutten trotz Facebook «tote Hose», wie sich Wyss ausdrückt. Der Bündner erwartet erst während der Feiertage wieder Besucher. Vor allem über Silvester sei der abgelegene Ort bei den Jungen derart beliebt, dass sie bis zu einem Jahr im Voraus buchen. Das war aber schon vor Facebook so. Zudem fährt hier das Postauto zwischen Oktober und Mai nur auf Vorbestellung. Facebook und Obermutten, das passt zusammen. Ob aus dem virtuellen Gag aber ein realer Gewinn für den Weiler resultieren wird, steht noch in den Sternen. Eines ist aber schon heute klar: Bergler leben keineswegs hinter dem Mond. Das haben Martin Wyss und Obermutten eindrücklich bewiesen.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Samuel Trümpy