Archiv
25. Januar 2016

«Ich hatte eine normale Kindheit»

Fabian Recher wurde als erstes europäisches Embryo wegen Spina bifida noch im Mutterbauch operiert. Mit Erfolg: kein Wasserkopf, und den Rollstuhl braucht er nur, weil ihn das Gehen mit der Zeit ermüdet. Rechts: Die grosse Reportage mit Bildstrecke zur Operation der kleinen Elisa («Operation im Mutterleib»).

Fabian Recher mit seiner Mutter
Fabian Recher mit seiner Mutter Judith (links).

«Meine Kindheit verbrachte ich mehrheitlich als Fussgänger», erzählt Fabian Recher aus Spiez BE. «Ich spielte Fussball, rannte mit anderen Kindern herum, ging zur Schule und hatte eine ganz normale Kindheit.» Keine Selbstverständlichkeit für den 16-Jährigen, der sich heute auswärts meist im Rollstuhl zeigt und nur noch zu Hause den Fussgänger gibt.

Denn vor 17 Jahren bekamen seine Eltern die Diagnose Spina bifida (rechts). «Fabian hätte wohl weder gehen noch selbständig stehen können, wäre möglicherweise geistig beeinträchtigt und hätte sicher einen Wasserkopf, den man hätte operieren müssen», erklärte Kinderchirurg Martin Meuli rückblickend die Prognose, die Fabian schon vor der Geburt bekam.

Doch Mutter Judith Recher (46) packte die kleine Chance beim Schopf und entschied sich für das Abenteuer Leben. Sie flog schon wenige Tage nach der Diagnose zusammen mit dem Zürcher Kinderchirurgen Meuli und den Geburtshelfern Zimmermann und Dürig nach Philadelphia ins Children’s Hospital, um Fabian als erste Europäerin überhaupt noch im Mutterbauch operieren zu lassen. Die Operation war damals in der Schweiz nicht möglich. Aus dem geplanten zweiwöchigen Aufenthalt wurden mehr als drei Monate, die sie teilweise zusammen mit ihrem Mann Martin (52) in Amerika verbrachte. «Die Ärzte liessen mich nicht gehen», sagt sie lachend. «Sie wollten das fertige Produkt sehen.»

Heute absolviert Fabian eine Sport-KV-Ausbildung bei der Swisscom in Bern. Seine Leidenschaft ist das Handbike, also eine Art handbetriebenes Fahrrad, mit dem er Schweizer Meister in der Kategorie U-19 wurde. Dafür trainierte er zehn Stunden pro Woche. Auch wenn er einen leichten Watschelgang hat, sässe er nicht im Rollstuhl, sähe man ihm seine Behinderung nicht an.
Der Grund für den Rollstuhl: «Das Gehen ermüdet mich sehr schnell», sagt der aufgestellte Jugendliche. «Und wenn ich sitze, fühle ich mich sicherer, denn der Rollstuhl ist wie ein Teil von mir.»

Autor: Thomas Vogel

Fotograf: Thomas Vogel