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04. Mai 2015

Ein Mann für alle Glocken

Matthias Walter ist der Experte für die rund 20'000 Glocken in der Schweiz. Der Berner Kunsthistoriker kümmert sich um deren Klang und Lautstärke. Hier finden Sie die Soundcloud-Playlist mit elf typischen Schweizer Glockenklängen.

Betglocke im Berner Münster
Matthias Walter im Berner Münster: Das neunteilige Geläut mit einer Gesamtmasse von fast 30 Tonnen ist historisch wertvoll.

Ein Automatikwerk sorgt immer kurz vor 11 und vor 15 Uhr dafür, dass die Betglocke mit ihrem Klöppel aus Weicheisen in Schwung kommt. Matthias Walter (37) überprüft ganz oben im Kirchturm das Glockengeläut des Berner Münsters. «Ich beschäftige mich mit dem Klang und will dafür sorgen, dass er als schön empfunden wird. Schlägt der Klöppel zu stark an, kann die Glocke zerspringen», sagt er.

Das neunteilige Münstergeläut mit einer Gesamtmasse von fast 30 Tonnen stammt aus sechs Jahrhunderten und sagt viel über die Geschichte der Gesellschaft aus. Die Armesünderglocke von 1734 läutete beispielsweise immer bei Hinrichtungen. «Sie zeigt, dass die Glocke auch ein politisches Instrument sein kann.» Die Grosse Glocke ist rund zehn Tonnen schwer und tatsächlich die grösste und schwerste der Schweiz.

Glockenklänge auf dem Klavier nachspielen

Schon als Dreijähriger war Matthias Walter vom Glockengeläut fasziniert. «Ich bin in Bümpliz zwischen der katholischen und reformierten Kirche aufgewachsen und versuchte, Glockenklänge am Klavier nachzuspielen.» Gefallen habe ihm nicht nur die Glocke selbst, sondern das Zusammenspiel, «dass der Turm und damit das Dorf eine Stimme haben».

Der Stadtberner Kunsthistoriker und zweifache Vater verdient sein Geld hauptsächlich als wissenschaftlicher Autor bei der kantonalen Denkmalpflege. Dort schreibt er zurzeit an einem Buch für die Reihe «Die Kunstdenkmäler der Schweiz». Rund zehn Stunden pro Woche beschäftigt er sich mit Glocken, arbeitet bei Projekten am Berner Münster mit, an der Kathedrale von Freiburg, jener von Solothurn oder in Wangen bei Olten. Er untersucht Anlagen, schreibt Gutachten für Kirchgemeinden, begleitet mit seiner Beratung Sanierungen und Restaurierungen. Und er möchte schonend das klangliche Maximum aus einer Glocke herausholen. «Ich bin überzeugt, dass die Klöppelform einen grösseren Einfluss auf die Klangfarbe hat als bisher angenommen. Ich begutachte deshalb die neu zu erstellenden Klöppel, mache Änderungsvorschläge und fertige teilweise auch Skizzen an, um den Firmen für die Dimensionierung eine Tendenz vorzugeben, die aufgrund meiner Erfahrungen musikalisch überzeugend ist.»

Die Aufgabe der Glockenexperten hat sich gewandelt: Früher mussten sie mit einer Stimmgabelanalyse herausfinden, ob der Glockengiesser gute Arbeit geleistet hat. Noch vor 100 Jahren war der Glockenklang im Alltag wichtiger, weil nur wenige Armbanduhren trugen.Heute werden kaum mehr Glocken gegossen,«und der Klang darf nicht polarisieren», sagt Walter. Um die Qualität des Tons zu analysieren, hält er meist nur noch ein Aufnahmegerät hin. Die Arbeit erledigt er anschliessend ganz unromantisch zu Hause am Computer.

Historischer Glockenbestand in der Schweiz

Zum Spezialisten hat er sich parallel zum Studium ausgebildet: in den deutschen Städten Heidelberg und Regensburg, weil es in der Schweiz keine ähnliche Ausbildung gibt. Dafür könne die Schweiz auf ihren historischen Glockenbestand stolz sein. «Es existieren gegen 20 000 Glocken. Unsere Nachbarländer haben durch die Französische Revolution und die beiden Weltkriege viele Glocken verloren.»

So alt wie die Glocke selbst ist auch das Störpotenzial ihres Klangs. Das Rathaus in Bern wurde schon im 15. Jahrhundert mit einer gewissen Distanz zum Münster gebaut. «Es gibt immer wieder Anwohner, die das Geläut zum Sündenbock für schlaflose Nächte machen. Ich glaube aber, dass man dieses Problem in den Griff bekommt, wenn man mit Experten einen Kompromiss aushandelt.» Dank seines Vorschlags wurde beispielsweise an der Thomaskirche Liebefeld in Köniz BE vor Kurzem das Läutesystem leiser gestellt. Dazu beschwerte man die Tragbalken und sägte beim Klöppel den untersten Teil ab.

Matthias Walter
Das Lied der Glocke beeinflusst das Leben von Matthias Walter auch privat. Hier prüft er den Klang im Berner Münster.

Das Lied der Glocke beeinflusst das Leben von Matthias Walter auch privat: Er liebt Kulturreisen und besucht Kirchen im Ausland mit Freunden. Es sei anregend, mit ihnen über die Gründe verschiedener Klangwirkungen zu fachsimpeln. So hat er sich ein enormes Wissen angeeignet. Inzwischen reist der zweifache Vater der Familie zuliebe nur noch drei bis vier Tage pro Jahr ins Ausland. Er schwärmt: «Viele französische Kathedralen haben sehr schöne Glockengeläute aus dem 19. Jahrhundert, weil nach der Französischen Revolution ein enormer Aufholbedarf bestand.»

Besonders angetan ist er vom Klang der Einzelglocken in Lyon und vom Ensemble in Nantes. Aber auch das Berner Münster nehme mit seinen Glocken aus sechs verschiedenen Jahrhunderten international einen Spitzenrang ein. Seine Reisen im In- und Ausland haben dazu geführt, dass bei ihm zu Hause über 4000 Tonaufnahmen von Kirchenglocken lagern. Diese Aufnahmen sind auch in der Radiosendung «Zwischenhalt» auf SRF 1 zu hören, die samstags um 18.30 Uhr als Einstimmung zum Sonntag ausgestrahlt wird.

Matthias Walter spielt die erste Geige

Nebenbei amtet Matthias Walter als Präsident des Vereins Gilde der Carillonneure (Glockenspieler) und Campanologen (Glockenexperten) der Schweiz. Und er spielt Geige im Thuner Stadtorchester. Seine vielen Aktivitäten hätten allerdings dazu geführt, dass er schon seit neun Jahren an seiner Doktorarbeit über den Kirchenbau von 1900 bis 1920 in der Deutschschweiz schreibe. Seine Faszination hat auf die nächste Generation abgefärbt. Sein bald einjähriger Sohn Aaron habe ziemlich Freude an einem Glöckchen, das ihm geschenkt worden sei. Ob da ein neuer Glockenexperte heranwächst?

Autor:Reto E. Wild