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21. Mai 2012

Experiment «Grüne Zukunft»

Ökologie, Nachhaltigkeit, Schutz der Umwelt: Auf einem Bauernhof im Emmental üben drei Familien die konsequente Lebensweise. migrosmagazin.ch erklärt dazu die Energieziele von «Oil of Emmental».

Die Balmegg
bergler von links: 
Anton Küchler-Pey, Simone Küchler-Pey, Micha Lanz, Alexander 
Bätscher, Ronja Küchler, Sandra Lanz, Matéo Lanz, Silvan Küchler, Marco Büttner, 
Janine Laube.

Geschlossene Energiekreisläufe: Was sind die Ziele von «Oil of Emmental»?

Das Dorf Trub BE, eingebettet in die grüne Emmentaler Hügellandschaft, weit abseits der urbanen Schweiz, verliert von Jahr zu Jahr Einwohner. Aber in Trub gibt es auch neue Einwohner: Seit sieben Jahren lebt hier eine zugezogene Familie, die von Abschottung nichts wissen will, auch wenn es auf den ersten Blick anders aussieht. Anton und Simone Küchler-Pey leben auf einem Hügel oberhalb des Dorfs in einem alten Bauernhaus. Sie praktizieren mit zwei weiteren Paaren das, was der an der ETH ausgebildete Umweltwissenschafter Anton Küchler in der Theorie schon lange kennt: geschlossene Kreisläufe, nachhaltiges Wirtschaften, achtsame Landwirtschaft. Kurz: die Permakultur.

Vier Kinder drängen um den grossen Holztisch vor dem Bauernhaus und buhlen um die Aufmerksamkeit der Erwachsenen. Ronja, Micha (beide 4 Jahre alt), Silvan (5) und Matéo (8) heissen die Jüngsten der Gemeinschaft, und neben Anton (35) und Simone (37) sind von den Erwachsenen auch Marco (40) und Janine (31) anwesend. Sandra (40) ist im Garten zu erkennen, Alex (42) ordnet die letzten Reste der Baustelle.

Ein idyllisches Fleckchen Erde: der  Balmeggberg im Emmental.
Ein idyllisches Fleckchen Erde: der Balmeggberg im Emmental.

Auf dem Balmeggberg wurde letztes Jahr gebaut: Das über 300-jährige Bauernhaus mit den drei winzigen Schlafzimmern war zu klein für drei Familien, vor allem im Winter, wenn der Schnee monatelang liegt. Der Umbau beschäftigte die hier Lebenden ein ganzes Jahr. Ein Grossprojekt, für das sie auf auswärtige Hilfe angewiesen waren. «Wir hatten Helfer aus der ganzen Welt: Russland, Japan, Korea, Neuseeland, Saudi-Arabien, Bahrain, Serbien, Frankreich, Deutschland», sagt Anton Küchler. Wohnen konnten die freiwilligen Helfer in einer Jurte, als Gegenleistung für die Arbeit gab es selber gekochtes Essen mit frischem Gemüse aus dem Garten.

Selbst gezogene Pilze, glückliche Hühner und Brot vom Lehmofen

Das Wohnhaus wurde nach Öko- und Permakulturkriterien vergrössert und optimiert: die Materialien stammen so weit wie möglich aus der direkten Umgebung — das Holz etwa aus dem eigenen Wald. Gedämmt wurde mit Schafwolle, für die Wände im Innern verwendeten sie Lehmziegel, die sie auf dem Hof selber herstellten.

Neben einem Lehmofen, in dem sie Brot und anderes backen, hat die Gemeinschaft einen Erdstall für Hühner errichtet. Da drin ist es im Sommer stets kühl und im Winter ohne Energiezufuhr von aussen frostfrei. Auch einen Pilzgarten haben sie angelegt, da wachsen selber gezüchtete Stockschwämmchen und Austernseitlinge. Einige Meter unterhalb des Wohnhauses steht das Hotel für Wildbienen. Und sogar eine eigene, natürliche Kläranlage haben die Balmeggbergler gebaut, sie nennen sie liebevoll Klara. Lauter Aktivitäten, die Permakulturinteressierte auf den Balmeggberg pilgern lassen, um mit eigenen Augen zu sehen, was alles möglich ist. Aber trotz dieser anschaulichen Beispiele und obwohl Anton Küchler und Marco Büttner auf dem Hof auch Permakulturkurse geben, fällt es ihnen nicht ganz einfach, ihre Philosophie zu erklären. «Ziel sind geschlossene Kreisläufe», sagt Küchler. «Dabei lassen wir uns auch von neuen Erkenntnissen inspirieren. So verwenden wir zum Beispiel die Holzkohle, die beim Brotbacken durch das Verbrennen entsteht, als Bodenverbesserer im Garten. Dass Holzkohle diese Wirkung hat, hat man erst vor ein paar Jahren wiederentdeckt.»

Ohne einen Lohn können auch Idealisten nicht leben

Jeder leistet seinen Teil, damit das Hofleben klappt.
Jeder leistet seinen Teil, damit das Hofleben klappt.

Geschlossene Kreisläufe und Selbstversorgung — neu sind diese Ideen nicht. Was unterscheidet die Gemeinschaft von früheren Aussteigerbewegungen? Bei dieser Frage zögert Anton Küchler, der bodenständige Wissenschafter und Unternehmer, der mit seiner Firma im Auftrag von Behörden und Unternehmen Energie- und Nachhaltigkeitskonzepte erarbeitet, keine Sekunde: «Wir sind nicht Aus-, sondern Einsteiger. Wir sind ins reale Leben eingestiegen. Die natürlichen Ressourcen werden heute ausgebeutet und verschwendet, die Böden ausgelaugt und kontaminiert. Dass es so nicht weitergehen kann, ist klar. Wir haben für uns entschieden, Nachhaltigkeit nicht nur als Konsumenten zu wünschen, sondern selber praktisch in diese Richtung zu arbeiten.» Nachhaltigkeit bedeute Respekt und Achtsamkeit gegenüber Natur, Mensch und Tier, sagt Küchler, «dem haben wir uns verschrieben». Von dem praktischen Wissen, das sie generieren, so hoffen die Balmeggbergler, wird auch die Gesellschaft profitieren.

Wichtig ist uns der Respekt gegenüber Natur, Mensch und Tier.

Anton Küchler hat für die Region Emmental die Energievision «Oil of Emmental» mitentwickelt: Erdöl durch lokale Energien wie Sonne und Holz ersetzen und beim Verbrauch sparen. Dadurch, rechnet er vor, liessen sich 160 Millionen Franken lokaler Kaufkraft, die derzeit in die erdölproduzierenden Staaten fliessen, in der Region behalten. Man wäre unabhängiger, es entstünden neue Arbeitsplätze und eine nachhaltige, umweltschonende Energieversorgung: «Mein Ziel ist es, die vorhandenen Ressourcen optimal zu nutzen.»

Auf dem Holztisch vor dem Haus stehen selbst gebackene Kuchen. Zvieri-Zeit. Janine liest in ihrem Laptop die E-Mails und berichtet von ihren Engagements als Tänzerin in Basel und im Elsass. Simone erzählt, dass sie nebenbei als Betreuerin einer Tagesschule in Langnau arbeitet, und auch Alex hat fern vom Hof eine Teilzeitanstellung. Er arbeitet in der Notschlafstelle in Biel, wo er und Partnerin Sandra herkommen.

Mit der Natur, nicht gegen sie arbeiten: Das ist eines der Grundprinzipien der Permakultur.
Mit der Natur, nicht gegen sie arbeiten: Das ist eines der Grundprinzipien der Permakultur.

Die beiden gelernten Landwirte sind erst seit ein paar Monaten auf dem Hof. Sie hatten auf dem Balmeggberg einen Permakulturkurs absolviert und so Hof und Menschen kennengelernt. Allein von der Arbeit hier oben auf 1019 Meter über Meer könnten sie nicht leben, erzählt Sandra, die Mutter von Matéo und Micha, trotzdem sieht sie sich noch lange Zeit hier wohnen. «Was mir gefällt, ist die Vielfalt. Ich möchte nicht einfach nur gärtnern oder kochen. Hier kann ich all das und noch viel mehr tun.»

Rund 1000 Stunden, so viel investiert jeder Einzelne im Jahr in den als Verein organisierten Hof, die Betreuung der Kinder nicht mitgerechnet. Immer am Sonntagabend besprechen die sechs grossen Bergler die kommende Woche: Kochtage werden verteilt, es wird besprochen, wer die Kinder in Schule, Kindergarten oder Spielgruppe bringt, oder es wird ein Tag abgemacht, um gemeinsam Arbeiten im Garten oder im Wald zu erledigen. Die Arbeitsbelastung sei ein Reibungspunkt, sagt Küchler. Und weil immer wieder neue Helfer und Kursteilnehmer für Tage oder Wochen auf dem Balmeggberg leben, sei es stets turbulent, «Ruhe können wir nicht bieten».

Ländliche Regionen werden in Zukunft das Überleben sichern

Auf einem abgelegenen Hof leben, aber stets mit neuen Menschen konfrontiert sein, dazu permanent arbeiten, aber nichts fürs eigene Konto erwirtschaften — das sind hohe Anforderungen, selbst für Idealisten. Ein Paar hat den Balmeggberg deshalb vor Kurzem verlassen. Anton Küchler hingegen ist überzeugt, dass mittel- und langfristig die peripheren ländlichen Regionen wieder eine andere Bedeutung bekommen werden, als sie in der globalisierten Wirtschaft haben. «Heute sind die ländlichen Regionen eher Ärgernisse, da sie in ihrer Entwicklung von den wirtschaftlichen Zentren unterstützt werden. Morgen werden sie wieder lokal, regional und national die Grundlage für das Überleben der Gesellschaft bilden.»

Autor: Esther Banz

Fotograf: Daniel Rihs