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29. September 2014

Exotisches im Rüebliland

Jeden Monat besucht Gartenbloggerin Almut Berger einen ihrer Mitblogger. Andrea Gloor trifft sie in Seon unter Bananenbäumen und Engelstrompeten.

Nein, mit Rüebli könne sie definitiv nicht dienen, schraubt Andrea Gloor (54) aus Seon AG die Erwartungen der Gartenbloggerin bereits am Telefon herunter. Rüebli würden bei ihr überhaupt nicht gedeihen. In ihrem Garten wachse dafür aber etwas anderes: Bananen.

Tatsächlich: Wer sich dem am Hang gelegenen Grundstück nähert, glaubt sich einen Moment lang in Costa Rica oder auch Ostasien statt im Rüebliland: Übermannshohe Bananenstauden lassen das Einfamilienhaus aus den 30er-Jahren in einem Meer aus Grün verschwinden. Andrea Gloor schmunzelt: «Manch einer mag denken, die spinnen, die Gloors. Uns gefällts!»

Mit dem Exotenvirus infiziert hat sich die dreifache Mutter vor bald einem Vierteljahrhundert. Auslöser der Infektion war aber keine Banane, sondern eine Engelstrompete, ein Nachtschattengewächs, das ursprünglich aus Südamerika stammt und bis zu fünf Meter gross wird. «Bei einer Nachbarin stand ein wunderschönes Exemplar. Ein Steckling davon war sozusagen die Urmutter meiner eigenen Zucht.»

Aktuell stehen sechs Trompetenbaumriesen zwischen den Bananenstauden, Andrea Gloors Mann hat sie im Frühling im Erdboden versenkt. Rund 40 kleinere Exemplare in Töpfen sorgen im restlichen Garten für Farbtupfer. Weiss, Gelb, Lachsfarben, Rot, Violett – unterdessen gebe es Züchtungen in allen Farbnuancen, weiss die Hobbygärtnerin, «ausser Blau, das ist noch niemandem gelungen.» Sie selber vermehrt ihre Engelstrompeten nicht mehr via Stecklinge, sondern durch Handbestäubung: «Es ist immer spannend zu sehen, welche Farbe sich diesmal durchsetzt.» Das Know-how dazu hat sie aus dem Internet, wo sich in speziellen Foren Hobbyzüchter aus aller Welt austauschen.

Bei solch einem Züchter hat die Aargauerin vor sechs Jahren dann auch ihre Liebe zur Bananenpflanze entdeckt. Die Japanische Faserbanane Musa basjoo beispielsweise würde die hiesigen Winter problemlos überstehen, erzählt sie. «Wir schneiden sie jeweils auf einen halben Meter zurück und bedecken den Stummel mit Häcksel.» Die rötliche Zierbanane Ensete Maurelli hingegen müsse «in Schärme», wie übrigens auch all die Engelstrompeten. «Das ist dann jeweils eine rechte Übung, bei der vor allem mein Mann ran muss.»

Gewächshaus erleichtert das Überwintern der Exoten

Seit ein paar Jahren steht hinter dem Haus der Gloors ein grosses Gewächshaus, das sie als Occasion günstig kaufen konnten. «Seither können wir die Pflanzen, statt runter in den Keller zu buckeln, ebenerdig mit dem Sackrolli transportieren», freut sich die Besitzerin, die früher ihren Engelstrompetennachwuchs auch mal im Schlafzimmer überwintert hat. Der Nachteil: Obwohl das Gewächshaus im Winter auf gerade mal fünf Grad geheizt wird, ist die Stromrechnung hoch, was es ihr aber wert sei: «Andere Leute reisen für viel Geld in die Tropen, wir investieren in unseren eigenen Dschungel.»

Apropos Reisen: Andrea Gloor, die halbtags in der Spedition einer Flugzeugmodellfirma arbeitet, verreist selber nur in der kalten Jahreszeit. Im Sommer sei nämlich Giesskannenschleppen ohne Ende angesagt: «Vor allem die Engelstrompeten sind gewaltige Süffel!» Zwei Regenwassertanks à 1000 Liter sorgen für Nachschub. «Die Brugmansia mag zwar Leitungswasser lieber, die Wasserrechnung wäre aber enorm.»

Brugmansia? Lautet der lateinische Name des Trompetenbaums nicht Datura? Die Züchterin schüttelt den Kopf. Die beiden würden gern verwechselt: «Die Engelstrompete oder Brugmansia ist mehrjährig und hat glatte Früchte. Datura oder Stechapfel ist einjährig, die Früchte sind stachlig.» Giftig sind beide.

Ende Oktober ziehen die nicht winterfesten Bananen und alle Engelstrompeten ins Gewächshaus um. Bis dahin hofft Andrea Gloor noch auf ein paar schöne Herbstabende. Abends würden die Engelstrompeten nämlich am stärksten duften. «Wenn dann so ein Duftschwall über die Terrasse schwappt, sagt mein Mann jeweils, jetzt haben wieder die Engel gefurzt.»

Autor: Almut Berger

Fotograf: Almut Berger