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07. Oktober 2013

«Wo es Bildung und Wohlstand gibt, wirds schwierig für die Religion»

Seit Jahren schreibt der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins wortgewaltig gegen die Religion an. Nun hat der umstrittene «Gegenpapst der Atheisten» den ersten Teil seiner Memoiren veröffentlicht.

Richard Dawkins Porträtbild
Der Spitzname «Darwins Rottweiler» stört Richard Dawkins nicht. Als Biologe sei er verpflichtet, für die Evolutionslehre 
zu kämpfen.

ATHEISMUS IN DER SCHWEIZ
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Richard Dawkins, Sie kämpfen schon sehr lange gegen die Religion, dennoch ist die grosse Mehrheit der Menschen weiterhin religiös. Fühlen Sie sich manchmal wie der sprichwörtliche Sisyphus?

Ein bisschen schon, ja. Auf zwei Schritte vorwärts folgt jeweils ein Rückschritt. Doch auch das ist Fortschritt.

Sie erwarten tatsächlich, dass Religiosität irgendwann irrelevant werden könnte?

Oh ja! In den skandinavischen Ländern zum Beispiel ist Religiosität schon jetzt vom Aussterben bedroht. Wo es Bildung und Wohlstand gibt, wird es schwierig für die Religion.

Sind gut gebildete Menschen tatsächlich weniger religiös? Ich kenne Gegenbeispiele.

Einzelfälle sind nicht relevant, Statistiken sind entscheidend, und da ist der Fall klar. Gerade kürzlich gab es eine Metaanalyse, die eine Bilanz über 40 Studien gezogen hat: 38 kamen zum Schluss, dass sich Bildung und Intelligenz mit Religiosität nicht gut vertragen. Wichtig ist auch ein gutes soziales Sicherheitsnetz, wie es etwa in den skandinavischen Ländern existiert. Auch das wirkt sich negativ auf Religiosität aus.

Ist Religiosität genetisch vorbestimmt?

Zwillingsstudien haben ergeben, dass dies bis zu einem gewissen Grad wohl der Fall ist. Die Basis dieser Studien sind eineiige Zwillinge, die getrennt und unterschiedlich aufwachsen und sich dennoch in gewissen Punkten ähnlich oder gleich entwickeln. Religiosität gehört dazu.

In Ihrem Buch «The God Delusion» schreiben Sie, dass Kinder meist die Religion ihrer Eltern annehmen. Wäre es für Sie also schwieriger gewesen, wenn Sie mit evangelikalen Eltern aufgewachsen wären?

Möglicherweise schon. Aber ich hätte wohl stark dagegen rebelliert. In der anglikanischen Schule, wo ich aufgewachsen bin, realisierte ich schon mit neun Jahren, dass es viele verschiedene Religionen gibt. Und dass diejenige, mit der ich zufälligerweise gross geworden bin, nicht weiter besonders ist. Das war ein ziemlicher Schlag für meine Religiosität. Deshalb ist es auch wichtig, an Schulen vergleichenden Religionsunterricht zu betreiben.

So früh hat Sie das schon beschäftigt?

Hat es tatsächlich. Mit etwa 13 Jahren kam dann nochmals eine kurze religiöse Phase, während der ich mich sogar konfirmieren liess. Mit 15 entdeckte ich Darwin und die Evolutionslehre. Das versetzte meiner Religiosität endgültig den Todesstoss.

Und wie kam es dazu, dass Sie sich derart offensiv antireligiös äusserten? Begann das im Nachgang zum Buch «The Selfish Gene», das Sie 1976 berühmt gemacht hat und mit dessen Publikation nun der erste Teil Ihrer Autobiografie endet?

Nein, schon vorher, an der anglikanischen Schule. Dort wurden meine kritischen Äusserungen übrigens mit grosser Toleranz hingenommen. Aber zehn meiner Bücher sind rein wissenschaftlich, ich bin ja eigentlich ein Naturwissenschafter. Die Religionskritik ergab sich sozusagen als Beiprodukt.

Warum haben Sie Ihre Memoiren gerade jetzt geschrieben?

Meine Verleger hatten mich schon seit Längerem dazu gedrängt, und es schien jetzt ein guter Moment. Meine Mutter ist nun 96 Jahre alt, und ich wollte auf ihre exzellenten Erinnerungen über meine Kindheit und Jugend zugreifen können, solange das noch möglich ist.

Und wieso haben Sie die Autobiografie in zwei Bücher unterteilt?

Ursprünglich war nur eines geplant. Aber während des Schreibens realisierte ich, dass jene Teile aus meinen jüngeren Jahren sehr viel persönlicher ausgefallen waren als jene aus der Zeit danach. Das führte zu einem seltsamen Ungleichgewicht. Hinzu kam, dass «The Selfish Gene» mein Leben vollkommen veränderte. Es war also der ideale Trennungsmoment.

Wie genau hat das Buch Ihr Leben verändert?

Zuvor war ich ein ganz normaler Naturwissenschafter in Oxford und Berkeley, der in einem Labor arbeitete, forschte, unterrichtete. Danach, mit etwa 35 Jahren, wurde ich zum professionellen Buchautor, der nur noch nebenher forschte und unterrichtete. Die meisten dieser Bücher wurden zu Bestsellern.

Wie fühlte es sich eigentlich an, plötzlich über sich selbst zu schreiben? Das hatten Sie zuvor noch nie gemacht, oder?

Das war ziemlich schwierig. Wenn man mich fragte, was mein nächstes Buch sein würde, war es mir immer etwas peinlich zu gestehen, dass ich an meiner Autobiografie arbeite (lacht). Irgendwie fühlt es sich etwas anmassend an, sich für so wichtig zu halten. Aber ich hatte dann doch ziemlich Spass daran.

Wenn jemand seine Autobiografie schreibt, signalisiert das oft, dass er sich langsam zurückziehen will. Wie sieht das bei Ihnen aus?

An der Oxford University bin ich ja bereits ganz offiziell pensioniert, von daher passt das. Aber ich fühle mich nicht als Rentner. Und ich glaube, dass es weitere Bücher geben wird. So weit schaue ich allerdings in der Regel nicht voraus.

Haben Sie eigentlich religiöse Freunde?

Keiner meiner wirklich engen Freunde ist religiös. Aber ich mag einige Menschen, die zufälligerweise auch noch religiös sind. Kein Problem.

Ich habe den Ruf, dass ich Menschen mit diesem Thema terrorisiere.

Seit einiger Zeit diskutieren Sie sogar auf Twitter über Religion. Ist das bei der Kürze der Meldungen nicht schwierig?

Ich mag die Herausforderung, einen Gedanken auf 140 Buchstaben komprimieren zu müssen. Das ist gar nicht so leicht, fast schon eine Kunstform, die es durchaus wert ist, kultiviert zu werden. Ich nutze Twitter, um Fragen zu stellen und Gedanken zu äussern. Und ich hoffe, dass ab und zu jemand etwas interessant findet und sich länger damit beschäftigt. Aber ich habe auch realisiert, dass viele Leute es gar nicht mögen, wenn man sie zum Denken herausfordert.

Welche Gedankenanstösse zum Beispiel?

Angenommen, wir stossen je auf Ausserirdische: Wie viel von dem, was sie wissen, wird sich mit dem decken, was wir wissen? Kennen sie Pythagoras? Haben sie digitale Computer? Oder ein komplett anderes mathematisches System? Klar, so was ist reine Spekulation, aber es ergeben sich daraus spannende Fragen und Gedanken.

Wenn sich eine Gelegenheit zur Religionsdebatte ergibt ‒ ergreifen Sie sie?

Nun, nicht in dem Sinn, dass ich damit Leute auf der Strasse belästige. Ich weiss, ich habe den Ruf, dass ich Menschen an Dinnerpartys mit diesem Thema terrorisiere, aber das tue ich wirklich nie. Im Gegenteil: Wenn mich jemand an einer Party darauf anspricht, wechsle ich in der Regel das Thema.

Stört Sie dieser Ruf? Sie werden auch gerne «Darwins Rottweiler» genannt.

Der Spitzname stört mich nicht. Denn bei Darwin wird ja nicht die Religion angesprochen, sondern die Evolutionslehre, und die ist mir wirklich leidenschaftlich wichtig. Das ist auch ein Kampf, den wir führen müssen und wo ich als Biologe sozusagen an der Frontlinie der Kontroverse stehe, weil so viele Leute glauben, die Evolution sei eine Irrlehre. Jeder Biologe hat die Pflicht, sich da einzumischen.

Sie haben ebenfalls den Ruf, ziemlich hart und insistierend zu sein.

Ich weiss, dabei bin ich doch eigentlich ein ganz freundlicher Mensch. Aber ich habe eine Vermutung, warum ich bei religiösen Menschen so rüberkomme: Religion hat für so lange Zeit freie Hand gehabt, dass es zu einem Tabu geworden ist, sie zu kritisieren. Daran haben sich die Leute gewöhnt, deshalb kommt selbst milde Kritik bei ihnen harsch und aggressiv an. Umso mehr, wenn sie nicht lavierend, sondern klar argumentiert vorgebracht wird.

Bekommen Sie viele böse Briefe und Mails?

Einige. Auf Youtube gibt es ein kurzes Video, auf dem ich am Kaminfeuer aus diversen Mails vorlese. Das hat mir ziemlich viele Follower beschert — und die Bitte, so was wieder mal zu tun. Ein zweiter Film ist in Vorbereitung. Diesmal spielt eine Cellistin schöne Musik dazu.

Die christliche Religion betont ja gerne, wie wichtig Toleranz und Liebe ist. Gerade damit jedoch haben viele Religiöse ihre Mühe.

Religion ist so fundamental Teil ihrer Identität, dass sie sich bei Kritik sofort zutiefst bedroht fühlen. Nur schon zu sagen, in dem Punkt liegst du falsch, und es rational zu begründen, wird bereits als feindlicher Akt wahrgenommen. Die Folge davon sind Wut, Intoleranz und die Unfähigkeit, die Differenz zu sehen zwischen dem, was sie glauben und wie sie selbst sich gerade verhalten.

Religion hat für so lange Zeit freie Hand gehabt, dass es zu einem Tabu geworden ist, sie zu kritisieren.

Was ist das beste Argument für die Existenz Gottes, das Sie je gehört haben?

Es gibt keine guten Argumente für den christlichen Gott. Die besten Argumente für die Existenz einer Art übernatürlicher Kraft gäbe es wohl für den Gott der Physiker, basierend auf dem erstaunlich eleganten Zusammenspiel physikalischer Phänomene.

Würden sich Moral und Ethik ohne Religion in gleicher Weise herausbilden können?

Ich denke schon. Denn würden sie sich nur dank Religion herausbilden, hiesse das ja, dass wir Ethik nur entwickeln, weil jemand mit erhobenem Zeigefinger Strafe androht, falls wir uns nicht benehmen. Und das wäre doch ein sehr trauriger Beweggrund für ethisches Verhalten. Kommt hinzu: Wenn man liest, was die jüdischen, christlichen und muslimischen Religionstexte dies­bezüglich so sagen, ist vieles davon ziemlich grotesk und für heutige Gesellschaften gar nicht anwendbar. Aber es finden sich auch brauchbare Elemente, die ihre Gültigkeit haben. Die Kriterien, mit denen wir bewerten, was davon wir heute noch anwenden und was nicht, haben sich ausserhalb dieser religiösen Bücher entwickelt und basieren auf dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts. Es geht also ganz klar auch ohne Religion.

Was halten Sie eigentlich vom neuen Papst? Er wirkt flexibler als seine Vorgänger.

Ich weiss nicht viel über ihn. Er wird zwar in den Medien als Fortschritt verkauft, aber seine Ansichten zu Verhütungsmitteln, Abtreibung oder Homosexualität sind im Kern nicht anders als die seiner Vorgänger.

Er hat also einfach bessere PR-Leute?

Genau. Und er sieht auch freundlicher aus, speziell als Benedikt. Der ähnelte ja eher dem klassischen Schurken (lacht).

Sie sind nun 72. Sorgen Sie sich als Atheist manchmal, wenn Sie an den Tod denken?

Nein, höchstens wegen des Sterbens. Vielleicht muss ich dann in die Schweiz kommen, wenn es so weit ist. Ihr Land ist ja berühmt für die passive Sterbehilfe. Eine wirklich sehr aufgeklärte, zivilisierte Position.

Man hört immer, dass sich Leute auf dem Sterbebett doch noch Gott zuwenden. Können Sie das für sich ausschliessen?

Absolut. Aber vielleicht muss ich, wenn es so weit ist, ein Aufnahmegerät laufen lassen, damit danach niemand Lügen verbreiten kann (lacht).

Und wenn sich nach Ihrem Tod herausstellt, dass es eben doch einen Gott gibt?

Der britische Philosoph und Atheist Betrand Russell wurde mal gefragt, was er sagen würde, wenn er nach seinem Tod auf Gott träfe. Er sagte sinngemäss, er würde Gott fragen, warum er sich solche Mühe gebe, sich zu verstecken. Ich würde die Begegnung wohl nutzen, um ein paar wissenschaftliche Fragen zu klären. Zum Beispiel, wie das Universum denn nun wirklich begonnen hat, und solche Sachen.

Wichtige Links

Richard Dawkins liest erhaltene Hass-Mails

Persönliche Webseite

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Fiona Hanson