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24. September 2012

«Europa geht es besser, als wir glauben»

Soll Griechenland aus dem Euro austreten? Für den Ökonomen Tomas Sedlacek haben wirtschaftliche Diskussionen immer auch eine moralische Dimension: Setzt man strikt das Gesetz durch, oder lässt man Gnade walten? Er selbst plädiert dafür, den Griechen wieder auf die Füsse zu helfen – und für eine Wirtschaftspolitik, die stärker auf Stabilität und weniger auf Wachstum setzt.

Tomas Sedlacek (35)
Laut Tomas 
Sedlacek liegt das Problem in Europa weniger bei der Wirtschaft als bei der mangelnden politischen 
Einheit.

So rot sind die EU-Zahlen: Die wichtigsten Zahlen und Erläuterungen zur Verschuldung der 27 Länder und der Schweiz.

Tomas Sedlacek, Sie sind Ökonom und sollten sich mit harten Fakten beschäftigen. Stattdessen haben Sie ein dickes Buch mit dem Titel «Gut und Böse» verfasst. Warum?

Ökonomen sagen den Menschen, was wichtig ist und was nicht. Das hat an sich nichts mit Zahlen zu tun. Nehmen Sie die Griechen. Sie mögen die gleiche Musik wie wir und haben den gleichen Lebensstil wie Tschechen oder Schweizer. Der einzige Unterschied sind ein paar makroökonomische Daten.

Diese Daten haben es aber in sich.

Daten haben auch eine ethische Seite. Die Diskussion um Griechenland ist primär eine moralische, nicht eine ökonomische. Es geht letztlich um ein Problem, das gerade die Christen immer wieder beschäftigt hat: Was ist wichtiger, das Gesetz oder Gnade und Vergebung?

Wie lautet Ihre Antwort?

Darauf komme ich zurück. Zunächst ist wichtig zu erkennen, dass das, was vordergründig eine rein ökonomische Debat- te zu sein scheint, in Wirklichkeit eine moralische Grundsatzdiskussion ist.

Sind Sie selbst ein gläubiger Mensch?

Jeder Mensch ist gläubig. Auch Atheisten glauben, selbst wenn sie glauben, dass sie nicht glauben. Ich fühle mich dem Christentum nahe.

Die Bibel spricht von Vergebung und Gnade. Spricht das für einen Schuldenerlass für Griechenland?

Den Banken sind bereits grosse Schulden erlassen worden, auch in der Schweiz. Vergib uns unsere Schulden, lautet das Gebet der Wall Street nach der Finanzkrise. Allerdings mit einem Zusatz, der besagt: Wir jedoch werden unseren Schuldnern nicht vergeben.

Kapitalismus basiert nun mal auf Gier, nicht auf Vergebung.

Die reine Form des Kapitalismus ist die einzig mir bekannte Wirtschaftsordnung, die sagt: Gier ist moralisch gesehen gut. «Dein Wille geschehe» bedeutet, auf die reine Marktwirtschaft bezogen, dass der Markt einen gottähnlichen Status erhält. Wir ordnen ihm alles unter und werden so von einem blinden Führer geleitet. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass wir gelegentlich in einer Sackgasse landen.

Märkte sind doch wertfrei?

Wirklich? Es gibt im Film «Der Pate» folgende Szene: Ein Mafioso tritt mit vorgehaltenem Maschinengewehr vor eine Menschengruppe. Bevor er alle niedermäht, sagt er: «Das ist nicht persönlich gemeint, das ist bloss Geschäft.» Nach diesem Prinzip funktioniert es auch bei uns. Wir bilden uns ein, dass wir in einer postideologischen Zeit leben. Das Gegenteil ist richtig: Wir leben in der schlimmsten aller ideologischen Welten, weil wir unsere eigene Ideologie nicht mehr als solche erkennen. Anders ausgedrückt: Wir wissen zwar nicht, wohin wir wollen, aber wir tun dies sehr effizient.

«Unser System gleicht einem Velofahrer. Wenn es stillsteht, fällt es um.»

Was meinen Sie damit konkret?

Wir wissen eigentlich nicht mehr, welches Wachstum wir wollen, nur dass wir es unbedingt brauchen. Auf diese Weise haben wir ein System aufgebaut, das einem Velofahrer gleicht. Wenn es stillsteht, fällt es um. Interessanterweise kollabieren diese Systeme oft ausgerechnet dann, wenn sie am schnellsten auf ein imaginäres Ziel zurasen.

An welches Beispiel denken Sie?

Irland ist bis zum Ausbruch der Krise wie verrückt gewachsen und dann gegen eine Wand geprallt.

Ist Irland beispielhaft für den Zustand des modernen Kapitalismus?

In gewisser Weise schon. Wir haben Stabilität verkauft und Wachstum erkauft. Dieses Wachstum wurde mit Schulden erzwungen, und dabei haben wir alle Vorsichtsmassnahmen über Bord geworfen. Ich habe eine gute Freundin, die eine begeisterte Motorradfahrerin ist. Sie legt grossen Wert auf eine sehr solide Ausrüstung. Ich habe ihr einmal scherzhaft gesagt: Du machst dir den Spass kaputt, wenn du dich so dick verpackst. Da hat sie mir geantwortet: Tomas, beim Motorradfahren zieht man sich nicht für die Fahrt an, sondern für einen Unfall. Diese Lektion haben wir — was unsere Wirtschaft betrifft — vergessen. Wir rasen ohne Helm und Schutz drauflos und geniessen den Fahrtwind.

Können wir einen Unfall noch verhindern? Mit Kommunismus beispielsweise?

Um Gottes willen, nein. Gerade wir Tschechen wissen, dass Kommunismus nicht funktioniert.

Tomas Sedlacek (35)
Tomas Sedlacek ortet in der gegenwärtigen Krise 
einen historischen Wendepunkt: «Wenn wir diese Krise überstehen, überstehen wir alles.»

Wie ist dann die Alternative?

Das bestehende System ist nicht natürlich gewachsen. Es ist von Menschen gemacht und lässt sich von Menschen wieder verändern. Dass wir dieses System ändern müssen, ist unbestritten. Dafür gibt es nicht nur ökonomische, sondern auch ökologische Gründe zuhauf.

Wie soll dieser Wandel geschehen?

Wir müssen uns zuerst klar darüber werden, wie viel Wandel wir wollen. Wollen wir kleine Schritte oder gar das gesamte System umstülpen? Als Ökonom kann ich höchstens kleine Schritte im Bereich der Wirtschaft anregen.

Was wären das für Schritte?

Ökonomisch gesehen brauchen wir eine Kehrtwende. Nur mit mehr Stabilität und weniger Wachstum können wir einen Kollaps des Systems verhindern. Daher muss die Wirtschaftspolitik nicht darauf angelegt sein, möglichst viel Wachstum zu erzeugen, sondern möglichst viele Schulden abzubauen.

Genau dies will doch die aktuelle deutsche Sparpolitik.

Die aktuelle Sparpolitik ist ein Schwindel. Sie reduziert bloss das Defizit, aber es geht darum, Überschüsse zu erzielen.

Bereits eine milde Form von Sparpolitik erzeugt in Ländern wie Griechenland und Spanien Massenarbeitslosigkeit und Massenelend.

Die sozialen Folgen einer Sparpolitik müssen vom Staat gemildert werden. Aber mittels Defizit erzeugtes künst- liches Wachstum ist trotzdem falsch. Sie macht die Wirtschaft süchtig und abhängig von permanentem Wachstum.

Wie lautet Ihre Therapie?

Ökonomisch befinden wir uns nicht in einer Depression, wir sind manisch- depressiv geworden. Wir pendeln zwischen Euphorie und Selbstmordgedanken. Der Staat muss daher Gegensteuer geben: Er muss die Wirtschaft bremsen, wenn sie zu manisch wird, und sie aufmuntern, wenn sie zu depressiv wird.

Bei Griechenland würde das doch bedeuten, das Wachstum um jeden Preis anzukurbeln.

Nicht zwingend. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Armen vom Wachstum profitieren. Hier gaukeln uns scheinbar objektive Zahlen eine falsche Wirklichkeit vor. Schulden werden in Prozent des Bruttoinlandprodukts ausgewiesen, als Anteil dessen, was eine Volkswirtschaft in einem Jahr produziert.

Was ist daran falsch?

Es wäre weit sinnvoller, Schulden als Anteil der Staatsausgaben zu deklarieren. Dann würden ihre wahren Dimen- sionen erkennbar. Im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt beträgt die jähr- liche Neuverschuldung ein paar Prozent, scheinbar wenig. In Prozent der Staatsausgaben beträgt sie aber mehr als 100 Prozent. Das ist dann sehr viel.

Ist das nicht bloss Zahlenspielerei?

Nein, es würde die wahren Verhältnisse klarer aufzeigen. Die Staaten verhalten sich heute so wie jemand, der sich eine Million Franken leiht und dann prahlt: Ich bin jetzt eine Million reicher geworden. Das ist doch lächerlich.

«Wer weiss, vielleicht hilft Griechen-land in 20 Jahren Deutsch-land.»

Sie sind immer noch die Antwort schuldig auf die Frage: Was soll mit Griechenland geschehen, Strafe oder Vergebung?

Dazu muss ich nochmals ein bisschen ausholen: Europa als Ganzes geht es besser, als wir glauben. Der Euro ist ziemlich stabil, und verglichen mit Japan und den USA sind auch die Staatsschulden durchschnittlich tiefer.

Wo liegt also das Problem?

Die EU besteht aus 27 Mitgliedern. Auch in den USA gibt es Bundesstaaten, denen es derzeit sehr schlecht geht, Kalifornien beispielsweise. Das Problem Europas liegt nicht darin, dass die Wirtschaft am Boden liegt, das Problem liegt darin, dass es keine politische Einheit gibt.

Heisst dies, Griechenlands Schulden müssen vergeben werden?

Wenn es Hoffnung gibt, dass die Griechen wieder auf eigenen Füssen stehen können, müssen wir ihnen helfen, ja.

Belohnen wir damit nicht Faulheit und Korruption?

Das ökonomische Schicksal von einzelnen Ländern kann sich rasch ändern. Nehmen Sie Irland. Vor 30 Jahren war es ein Drittweltland, vor fünf Jahren hatte es das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Europa, und jetzt liegt die Wirtschaft wieder am Boden. Auch die heute scheinbar übermächtige deutsche Wirtschaft hat immer wieder Krisen erlebt. Hier in Tschechien war es noch vor 20 Jahren ein riesiger Luxus, ein Coca-Cola zu trinken. Nicht zuletzt dank europäischer Hilfe ist das heute selbstverständlich geworden. Wer weiss, vielleicht hilft Griechenland in 20 Jahren Deutschland. Deshalb halte ich es für einen Fehler, die europäische Einheit wieder aufbrechen zu wollen.

Die Krise um den Euro scheint aber nicht zu bewältigen zu sein.

Erstens: Der Euro ist nicht schuld an der Krise. Wer ist zuerst in die Krise gerutscht? Grossbritannien, Island und Ungarn — alles Länder, die nicht der Euro-zone angehören. Zweitens: Wenn wir diese Krise überstehen, überstehen wir alles. Wenn wir aber den Euro fallen lassen, verlieren wir alles wieder. Und dann werden wir die wahre Krise erleben.

Bereits jetzt erleben wir einen Aufschwung von neuem Nationalismus.

Ist das wirklich so? In Tschechien hatten wir lange eine starke und dumme nationalistische Partei. Heute ist sie verschwunden. Wo ist Marine le Pen? Wo die Wahren Finnen? Beide haben keine Chance, in die Regierung zu kommen. Ungarn ist das einzige Land, für das man sich Sorgen machen muss. Die Krise hat Europa auch zusammenrücken lassen.

Eine gewagte These.

Nochmals Griechenland. Wäre diese Krise vor 50 Jahren geschehen, dann hätten wir darüber diskutiert, wie wir das Land erobern können. Das war in Europa so üblich. Das einzige, das ein Land von seinen Nachbarn in schweren Zeiten erhoffen konnte, war ein Überfall. Heute schlagen allenfalls ein paar verrückte Finnen vor, wir sollten den Griechen einige Inseln abkaufen. Das ist vergleichsweise harmlos. Insgesamt hat Europa Fortschritte gemacht, bedeutende Fortschritte.

Autor: Philipp Löpfe

Fotograf: Anne Schoenharting