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10. August 2015

ETH-Rektorin Sarah Springman will Schweizerin werden

Die Engländerin Sarah Springman ist erst die zweite Rektorin an der ETH Zürich. Die zweimalige Europameisterin im Triathlon und begeisterte Ruderin möchte weibliche Akademiker fördern, bedauert den Mangel an Schweizer Doktorierenden und erklärt, wie sie bis zu elf Sitzungen pro Tag übersteht.

ETH-Rektorin Springman
Voller Energie: Im Herbst wird Rektorin Sarah Springman in Boston mit einem ETH-Team einen Ruderwettkampf bestreiten.

Sarah Springman, mit welchem Ziel haben Sie den Job als Rektorin angetreten?

Der wichtigste Aufgabenbereich einer Rektorin ist die Lehre, also die Aus- und Weiterbildung der Studierenden, das Vermitteln von Wissen. Hier haben bereits meine Vorgänger ausgezeichnete Arbeit geleistet. Aber die Gesellschaft verändert sich. Nur Wissen zu vermitteln, bringt den Studierenden heute nicht mehr so viel wie früher. Unsere Lehre muss ein gutes Fundament liefern. Die Studierenden sollen Kompetenzen entwickeln. Das heisst, sie sollen lernen, zu argumentieren und interdisziplinäre Lösungen auszuarbeiten.

Auf welches bisher erreichte Ziel sind Sie besonders stolz?

Stolz ist ein Wort, das ich nicht gern benütze. Ich bin vielmehr zufrieden, dass ich in den ersten sechs Monaten viel gelernt habe und wir gemeinsam Probleme auf den Tisch brachten.

Was haben Sie konkret gelernt?

Ich wusste im Voraus nicht, was mich in der täglichen Arbeit erwartet. Klar ging ich davon aus, dass mein Terminplan sehr dicht sein wird. Ich musste lernen, mit all den Sitzungen und der thematischen Breite umzugehen. Allein heute hatte ich elf Sitzungen. Jeweils zwei Minuten vor Ende schauen die Teilnehmer, die teilweise mehr wissen als ich, in meine Richtung und erwarten von mir einen Entscheid.

Wie schaffen Sie dieses Programm?

Mit einem Schuss britischem Humor. (lacht) Und ich bin ziemlich robust und lernfähig. Nächstes Jahr werde ich bewusst ein paar Freiräume einplanen, damit ich mehr Zeit habe, meine Papiere in Ruhe zu lesen. Am Anfang wollten mich viele Leute kennenlernen und mit mir ihre Probleme, Ideen und Chancen diskutieren.

Viele Frauen sind fleissig, kommen aber in der Karriere nicht weiter. Sie haben es geschafft. Wie?

Eben mit Humor und Arbeit. Ich hatte auch das Glück, dass ich immer von Leuten umgeben war, die an mein Potenzial glaubten und mich entsprechend förderten. Zudem habe ich gelernt, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, auch wenn diese eine andere Meinung haben.

Was ist Ihr Trick dabei?

Man muss verstehen, wie die Leute kommunizieren. Kommunizieren ist nicht nur Reden, sondern auch Zuhören. Ich rede gern. Aber ich kann auch zuhören und spüren, was andere bewegt. Das ist wichtig, wenn man ein Team baut und es entwickelt.

«Zuhören und spüren»: eine typische Frauenantwort.

Finden Sie? Das würde meine These stützen, dass Diversität wichtig ist. Denn es bringt ja nicht viel, wenn alle nur reden und keiner zuhört.

Haben Sie es auch so weit gebracht, weil Sie kinderlos geblieben sind?

Das ist sicher einer der Gründe. Als ich eine junge Frau war, habe ich viel Zeit in den Sport investiert.

Sie sind fünffache Finisherin am Ironman von Hawaii. Was haben Sie vom Sport gelernt?

Ich weiss, dass ich über mich hinauswachsen kann, wenn ich unter Druck stehe. Das gibt mir Selbstbewusstsein und Mut, schwierige Projekte umzusetzen. Mit Talent, Ziel, Arbeit und Konsensbildung kann man viel erreichen. Der beste Beweis dafür war für mich die Überquerung des Ärmelkanals im Team und im 13 Grad kalten Wasser. Wir sind heute oft bequem. Manchmal wäre es nicht schlecht, wenn wir unsere Grenzen ausloten und ausweiten würden.

Wie kommen Sie bei elf Sitzungen an einem Tag noch zum Trainieren?

Ab und zu rudere ich schon morgens um sechs Uhr auf dem Zürichsee. Danach treffe ich um acht Uhr an der ETH ein und nehme meine Termine wahr. Hie und da jogge ich an der ETH auf dem Laufband oder im Wald vor meinem Zuhause. Dort habe ich auch eine Fitnesseinrichtung mit verschiedenen Stationen. Ich organisiere mich wirklich sehr gut.

Nehmen Sie an Wettkämpfen teil?

Im Herbst reisen wir nach Boston und werden auf dem Charles River im Achter gegen rund 3000 Konkurrenten rudern. Wir sind alles Frauen, die meisten arbeiten an der ETH. Ich bin die Dienstälteste und die Älteste im Team. Dabei sind unter anderen auch die Professorinnen Ulrike Lohmann von der Meteorologie und Shana Sturla von der Toxikologie. Wir sind also sehr gut vorbereitet. (lacht) Die Olympiateilnehmerin Caroline Lüthi trainiert uns und reist mit uns. Ich werde die Reise zum Arbeiten und Rudern benützen und die Harvard University und das Massachusetts Institute of Technology besuchen.

In einem Interview sagten Sie, die Aufgabe als Rektorin gefalle Ihnen, weil man «Ideen verwirklichen kann». Welche Ideen haben Sie?

Ich will vor allem Prozesse anschauen, damit die Professorenschaft noch effizienter arbeiten und somit mehr Zeit in die Lehre investieren kann. Besonders die Interaktion zwischen Professorenschaft und den Studierenden möchte ich verstärken.

Die Lehre war Ihnen schon vor Ihrer Zeit als Rektorin wichtig. Der Verband der Studierenden hat Sie 2014 mit der Goldenen Eule ausgezeichnet. Den Preis erhalten besonders engagierte Lehrpersonen. Was bedeutet Ihnen das?

Das war für mich eine grosse Ehre. Vielleicht habe ich die Auszeichnung aber nur erhalten, weil ich als Rektorin nominiert war und die Studierenden wussten, dass sie mich als Lehrperson bald verlieren … (lacht) Bei der nächsten Wahl der Goldenen Eule möchte ich den Anlass rund um den ETH-Tag so organisieren, dass man an der ganzen ETH noch mehr über die Lehre spricht und auf unserer Website mehr darüber liest.

Wie gut ist eigentlich das Verhältnis zur ETH Lausanne, die Zürich immer mal wieder den Rang abläuft?

Ausgezeichnet. Für mich ist klar: Auch die ETH Lausanne ist eine Superuni. Zusammen sind wir das Oxbridge der Schweiz (damit sind die renommierten britischen Universitäten Oxford und Cambridge gemeint, Anmerkung der Redaktion) und weltweit gut vernetzt.

Nur ist stets von Streitigkeiten und vom Kampf um Gelder zu lesen.

Es geht nicht um Streit, sondern um Konkurrenz im besten Sinn des Wortes. Konkurrenz ist für mich kein negativ besetzter Begriff. Konkurrenz belebt den Wettbewerb und kann zu Höchstleistungen anspornen.

Zurück zum «Ideen verwirklichen». Der Frauenanteil bei den Ingenieurwissenschaften ist noch immer tief.

Als ich 1997 an die ETH wechselte, betrug er bei den Bauingenieuren 8 Prozent. Ich war erst die neunte Professorin der ETH. Jetzt ist der Frauenanteil mehr oder weniger ­übe­rall bei 30 Prozent – Bachelor, Master und Doktorat. Und das ist nicht, weil ich die erste Professorin für Bau­ingenieurwissenschaften der ganzen Schweiz war, sondern weil sich die Gesellschaft verändert. Die ETH hat auch diverse Schulen besucht und erklärt, wie interessant der Job in den Ingenieurwissenschaften ist. Zudem lockten wir mit dem Treffpunkt «Science City» 13 000 Besucher an. Der Anlass zeigt, dass Wissenschaft Spass macht und interessant ist.

Trotzdem sind Professorinnen stark in der Minderheit.

Ja, es sind etwa 13 Prozent. Aber bei den Assistenzprofessoren beträgt der Anteil 30 Prozent. Das sind ja hoffentlich unsere zukünftigen ordentlichen Professorinnen. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung.

Gibt es in 30 Jahren gleich viele Professorinnen wie Professoren?

Wenn ich im Jahr 2022 in Pension gehe, erwarte ich mindestens 15 Prozent. Wichtig ist, dass die Betreuung der Kinder vermehrt unabhängig vom Geschlecht erfolgt. Ich bin optimistisch, weil viele männliche Doktorierende 80 Prozent arbeiten. Das zeigt, dass die Väter ihren Teil zur Kinderbetreuung beitragen. In England und in den USA sind die Männer diesbezüglich weniger fortschrittlich. Die Schweiz nimmt eine Vorreiterrolle ein. Das finde ich super.

Die Uni Zürich entschied sich, die Medienprofessur mit einer Amerikanerin zu besetzen, was Unverständnis auslöste. Wie wichtig sind grosse Namen für eine Hochschule?

Wir haben eine klare Vision: Exzellente Lehrer, brillante Forschung und den besten Technologietransfer in der Gesellschaft. Wir haben eine nationale Aufgabe, die Träger der Gesellschaft von morgen auszubilden. Technologietransfer erfolgt nicht nur mit Produkten, sondern auch mit Menschen. Um die Studierenden ­optimal für die Zukunft in der Gesellschaft vorzubereiten, benötigen wir unbedingt Schweizerinnen und Schweizer – in der Lehre wie auch in der Forschung. Aber sie müssen ­unseren Anforderungen entsprechen.

Tatsache ist: Zwei Drittel der ETH-Professoren stammen aus dem Ausland. Wird sich mit der Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative etwas daran ändern?

Wichtig ist, dass wir beim EU-Förderprogramm Horizon 2020 dabei bleiben können. Dies gewährt uns den Zugang zur besten Forschung in Europa. Letztlich ist das auch ­attraktiv für die Professoren und Studierenden. Kontingente sind ein Hindernis und schaden der Schweiz.

Wieso?

76 Prozent der ausländischen Masterstudierenden bleiben der Schweizer Industrie erhalten. Sie bringen Know-how, das wir in der Schweiz nicht finden. 69 Prozent der Doktorierenden stammen aus dem Ausland – leider. Ich hätte gern, wenn wir mehr Schweizer und Schweizerinnen überzeugen könnten, eine Doktorarbeit zu schreiben. Sie entscheiden sich aber meist, gleich nach der Ausbildung einen Job anzunehmen. Die Wirtschaft ist froh, weil sie diese Fachkräfte braucht.

Sie leben seit 1997 in der Schweiz. Wie nehmen Sie die Bevölkerung wahr?

Positiv. Ich kenne die Leute in meinem Dorf und gehe im Laden einkaufen. Ich werde mit Namen begrüsst, wobei das knapp zehn Jahre dauerte. Irgendwann werde ich Schweizerin, falls das Land mich will. Die Beantragung des Schweizer Passes habe ich auf meiner Pendenzenliste.

Autor: Reto E. Wild, Andrea Freiermuth

Fotograf: Tanja Demarmels