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27. Mai 2013

ETH-Rektor Lino Guzzella: «Wir sind Opfer des eigenen Erfolgs geworden»

Seit dem 1. August 2012 ist Lino Guzzella, Sohn italienischer Einwanderer, Rektor der ETH Zürich. Der Professor über die Herausforderung, dem Ansturm von immer mehr Studierenden gerecht zu werden, über das mangelnde Interesse der Frauen sowie Banken, die Lehrstühle finanzieren.

Lino Guzzella, Rektor ETH
Es dürfe nicht sein, dass jemand nicht an der ETH studieren kann, weil ihm das Geld fehlt, sagt Lino Guzzella, der selbst aus einfachen Verhältnissen stammt.
ETH-Haupgebäude in Zürich
ETH-Haupgebäude in Zürich

DAS ERFOLGSREZEPT DER ETH
Der Special zum Interview: Die Hochschulen Europas im Vergleich und warum die ETH Zürich so viel besser abschneidet als andere Universitäten. Zum Artikel

Lino Guzzella, Sie treten am Zürcher Sechseläuten auf und äussern sich in den Medien zu gesellschaftlichen Themen. Wollen Sie damit das Image der ETH Zürich popularisieren?

Mir ist es wichtig, dass die ETH in der Bevölkerung verankert ist. Die ETH lebt von der Schweiz und den Steuerzahlern. Ihnen und dem Land schulden wir, dass wir etwas zurückgeben — in Form von gut ausgebildeten Menschen, Forschungsresultaten und gegründeten Firmen. Wir müssen erklären, wer wir sind und was wir machen.

Weil die Mehrheit noch immer nicht weiss, wofür die ETH wirklich steht?

Punktuell ist das so. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen auf mich zukommen und sagen: «Ah, Sie arbeiten an der ETH, kennen Sie Herrn Soundso?» Ich antworte, es tue mir leid, ich kenne nicht alle persönlich. Wir zählen inzwischen rund 18'000 Studierende und fast 8000 Mitarbeitende. Die ETH Zürich ist ein riesiger Laden. Und was wir wirklich machen, ist in der Öffentlichkeit noch immer nicht ganz klar. Es ist unsere Aufgabe, das zu erklären. Und das machen wir mit grosser Freude.

Wie machen Sie das?

Beispielsweise, indem wir Anlässe wie die «Scientifica» oder den «Treffpunkt Science City» organisieren, wo wir uns mit der Bevölkerung austauschen. Als Rektor der ETH bin ich für die Lehre und Ausbildung zuständig. Und damit gehören die Gymnasien, Behörden, aber auch die Fachhochschulen zu unseren wichtigen Partnern. Wir müssen mit den Menschen reden.

Was gibt es sonst noch zu verbessern?

Ich weiss, das hören die Journalisten nicht gerne: Aber uns läuft es sehr gut. Klar, jede Organisation hat Schwachstellen. In der Lehre sind wir in gewissen Departementen ein Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Ein Beispiel: In meinem alten Departement, dem Maschinenbau, hatten wir vor Jahren 200 Studierende pro Jahrgang. Jetzt sind es mehr als doppelt so viele.

Was heisst das im Alltag?

Wir müssen immer mehr Studierende betreuen und dabei sicherstellen, dass auch in Zukunft die Qualität im Unterricht stimmt. Und wir müssen neue Ansätze mit elektronischen Hilfsmitteln finden.

Wie geht das konkret?

Ein Beispiel: Wir haben eine neue App für Smartphones entwickelt, die Studierenden hilft, den richtigen Hörsaal oder die Übungsunterlagen zu finden, und sie können während der Vorlesung über diese App Fragen stellen. Ein Doktorand beantwortet diese online. Ich habe diese App in meiner eigenen Vorlesung ausprobiert, die ich auch als Rektor noch einmal wöchentlich gebe.

Sie wollen an der Front sein.

Ja, ich bin überzeugt, man ist kein glaubwürdiger Leiter, wenn man nicht weiss, was läuft und wovon man redet. Ich will auch als Rektor geerdet bleiben und kein Schreibtischtäter werden.

Wie haben sich die Studierenden verändert?

Die Jungen sind noch immer die Gleichen. Sie wollen ernst genommen werden. Der grösste Teil der Studierenden ist hoch motiviert und blitzgescheit. Wir verlangen viel von ihnen, und ebenso erwarte ich von den Professorinnen und Professoren, dass sie engagiert unterrichten.

Sie haben in der Vergangenheit kritisiert, die Matura sei zu leicht, und die Jungen zu wenig motiviert. Haben Sie seither Ihre Meinung geändert?

Ich habe in früheren Interviews betont und betone es auch heute, wie wichtig eine gute Matura aus ETH-Sicht ist. Sie ist das prüfungsfreie Eintrittsticket in ein Hochschulstudium und darf auf keinen Fall verwässert werden.

Seit 2004 ist die Zahl der Studierenden um rund 50 Prozent gestiegen. Die Mittel haben wohl kaum im selben Umfang zugenommen.

Das ist teilweise richtig. Unsere Mittel wurden so erhöht, dass wir die Inflation und die zusätzlichen Studierenden halbwegs bewältigen konnten. Wir sind effizienter geworden und haben den Anteil der Drittmittel stark ausgebaut.

Drittmittel heisst Privatwirtschaft?

Nicht nur. Ein grosser Teil der zusätzlichen Gelder stammt vom Nationalfonds, aber auch von EU-Fördergeldern. Die ETH und die Schweizer Hochschulen sind generell sehr erfolgreich im Anwerben von EU-Geldern. Wir strecken uns also nach allen Richtungen.

Laut ETH-Rat werden die Studiengebühren von 1160 Franken frühestens ab dem Herbstsemester 2015 verdoppelt.

Der Entscheid über die Studiengebühren liegt nicht bei der ETH und schon gar nicht bei Lino Guzzella. Der muss einfach mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln etwas Vernünftiges anfangen. Wir müssen an der ETH noch besser werden mit sozialen Stipendien, und ich muss mich aktiv darum kümmern, dass der Lehre mehr Gelder zufliessen. Das Letzte, was ich als Secondo will, der in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist: dass jemand, der motiviert und talentiert ist, nicht an der ETH studieren kann, weil ihm das Geld fehlt. Das darf es nicht geben.

Seit ich an der ETH bin, machen wir alles, um den Frauenanteil zu erhöhen.

Der Ansturm ausländischer Studierender mit teilweise minderwertigen Abschlüssen «gefährdet die Qualität der Ausbildung», sagte der Präsident der ETH Zürich schon vor gut zwei Jahren. Hat sich das Problem bei einem Ausländeranteil von 36 Prozent verschärft?

Wir hatten nie ein Ausländerproblem. Vor zwei, drei Jahren wurden wir jedoch überrollt von Bewerbungen aus dem Ausland für ein Masterstudium bei uns. Mittlerweile haben wir ein gut funktionierendes System mit klaren Anforderungsprofilen für die einzelnen Studiengänge. Jene, die bei uns studieren, bereichern die ETH. Drei Viertel von ihnen bleiben nach dem Studium in der Schweiz und leisten für unser Land einen grossen wirtschaftlichen Beitrag.

Bleiben wir bei den Zahlen: Elf Prozent der Professuren an der ETH sind von Frauen besetzt, bei den Studierenden machen die Frauen knapp ein Drittel aus. Was sagen Sie dazu?

Verzweiflung (lacht). Seitdem ich an der ETH bin, unternehmen wir alles, um den Frauenanteil zu erhöhen. Wir haben für Studentinnen und Nachwuchswissenschafterinnen spezielle Programme. Wir führen Robotikwochen für junge Frauen durch. Bei Professorenwahlen entscheiden wir uns bei gleichwertigen Kandidaten für die Frau. Zudem haben wir Assistenzprofessuren eingeführt, hier stellen Frauen ein Drittel aller neu berufenen Personen. Wenn wir in den Gymnasien anfangen, Mädchen für mathematische, technische oder naturwissenschaftliche Fächer zu begeistern, sind wir schon zu spät. Eigentlich müssten wir bereits im Kindergarten oder in der Primarschule damit anfangen.

Weshalb machen Sie es nicht?

Ich habe schon an Kinderuniversitäten Vorlesungen gehalten und die Werbetrommel für den Ingenieurberuf gerührt. Das neue Departement Gesundheitswissenschaften und Technologie hat bei den Neueintritten einen Frauenanteil von 50 Prozent. Weniger gut sieht es in meiner früheren Heimat aus, in der Elektrotechnik und im Maschinenbau. Es braucht Zeit, es braucht Medien, die immer wieder darüber schreiben, wie faszinierend das Ingenieurwesen ist. Dort hat man viel mit Teamarbeit, Kommunikation und Kreativität zu tun. Das müsste doch auch Mädchen interessieren.

Zu einem anderen Thema: Die EU-Kommission finanziert das «Human Brain Project» der ETH Lausanne mit einer Milliarde Euro. Zürich geht leer aus. Was macht Lausanne um Präsident Patrick Aebischer besser?

Ich freue mich für die Kollegen in Lausanne. Letztlich waren bei der Kommission noch vier Projekte im Rennen, drei davon mit Schweizer Beteiligung. Stellen Sie sich vor, an den Ski-WM rangieren drei Schweizer unter den ersten vier. Wie würde da die Presse jubeln! Jetzt haben wir die gleiche Situation in der Wissenschaft. Das ist doch super. Ich verstehe nicht, wie das als Misserfolg der ETH Zürich interpretiert werden kann.

Nun, die ETH Zürich zieht gegenüber Lausanne den Kürzeren.

Na und, man kann nicht immer zuoberst auf dem Treppchen stehen! Ich persönlich habe ein sehr freundschaftliches Verhältnis mit meinen Kollegen aus Lausanne. Ich habe die ganze ETH Lausanne nach Zürich eingeladen. Sie führt hier Mitte September ihre Wissenschaftstage durch. Am Abend werden wir zusammen nachtessen und ein Glas Wein trinken. Es ist doch das Beste, was passieren kann, dass wir in der Schweiz zwei sehr gute technische Hochschulen haben. Davon profitiert unsere Wirtschaft. Klar, wir sind auch Konkurrenten. Aber, was ich nicht will, ist Rivalität. Die können wir uns als kleine Willensnation nicht leisten.

Die UBS finanziert an der Universität Zürich fünf Lehrstühle. Andere Unternehmen zahlen Projekte und Lehrstühle an der ETH Zürich. Wie stehen Sie dazu?

Die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der ETH gehören zu unseren zentralen Werten, und es wäre geradezu töricht, wegen ein paar Millionen diese Werte aufs Spiel zu setzen. Andererseits will es aber das ETH-Gesetz, dass wir zum Wohl des Landes mit der Wirtschaft zusammenarbeiten. In den letzten 20 Jahren haben ETH-Absolventen fast 300 Spin-Offs gegründet. Diese Firmen sind teilweise sehr erfolgreich. Dass Google und Disney nach Zürich gezogen sind, dass IBM ein Forschungszentrum betreibt, hat damit zu tun, dass die ETH eine hervorragende Technische Hochschule und offen für die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ist.

Sie haben sich lange mit der Entwicklung von alternativen Antriebssystemen beschäftigt und gelten als Ökopionier.

Danke, das höre ich gerne.

Sie wissen also am besten, auf welche Energieform die Schweiz in Zukunft setzen sollte.

Energie gehört zu den zentralen Voraussetzungen für eine funktionierende und moderne Gesellschaft. Welche Energien die Schweiz ausnützen will, muss die Politik entscheiden. Den Beschluss der Gesellschaft versuchen wir so sinnvoll wie möglich zu unterstützen — in der Forschung und Ausbildung. Wir bilden junge Menschen aus, die dann in fünf oder zehn Jahren die Gesellschaft in Energiefragen unterstützen.

Sie sind Sohn italienischer Einwanderer und in Zürich aufgewachsen. Waren Ihre Eltern Arbeiter oder ebenso gebildet wie Sie?

Meine Eltern haben einzig eine fünfjährige Primarschule besucht. Mein Vater musste nach dem Zweiten Weltkrieg Militärdienst leisten, meine Mutter kam mit 18 Jahren in die Schweiz. Mein Vater kam aus Venezien und arbeitete zuerst bei den Zürcher Ziegeleien, meine Mutter aus Ravenna und war Köchin. Die konnte kochen, Mamma mia! Sie haben sich hier kennengelernt und geheiratet, ich kam 1957 in Zürich auf die Welt.

Leben Ihre Eltern noch?

Nein, leider nicht. Das gehört zu den grossen privaten Tragödien meines Lebens. Sie haben sich frühzeitig pensionieren lassen und in Italien ein Häuschen gebaut, um den alten Traum aller Immigranten zu verwirklichen. Beide starben kurze Zeit später.

Sie sagen, der Unterschied zwischen Rektor und Professor sei ein Kilogramm pro Jahr. Sie sehen noch immer schlank und rank aus.

Ich bin auch noch nicht ganz ein Jahr im Amt (lacht). Fragen Sie mich in zehn Jahren wieder. An Apéros versuche ich, nur Wasser zu trinken, und ich treibe einmal pro Tag Sport. Im Sommer komme ich mit dem Velo zur Arbeit, und als Vorbereitung auf die Sola-Stafette (Laufstaffete im Kanton Zürich, Anm. der Red.) von Anfang Mai ging ich regelmässig joggen.

Sie gehen schon morgens um 5 Uhr aus dem Haus und kommen teilweise erst abends um 22 Uhr zurück. Wie erholen Sie sich?

Es ist immer schön, wenn die Wochenenden frei sind. Am Freitagabend mache ich zu Hause eine Flasche Wein auf. Und am Samstag und Sonntag spiele ich zwei Tage Käfer, liege auf dem Rücken und erhole mich mit Lesen. Ich lese sehr gerne wissenschaftliche oder technische Bücher. Romane finde ich nicht mehr so spannend.

Autor: Reto Wild, Silja Kornacher

Fotograf: Florian Kalotay