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04. Juni 2012

Esther fährt ihrem Erich um die Ohren

Für Esther Süss, Mountainbike-Marathon-Weltmeisterin 2010, geht mit der Qualifikation für London ein Traum in Erfüllung. Das Velofahren hat sie dank ihres Partners und Mechanikers Erich Birchler entdeckt.

Vor ihrer Haustür in Küttigen AG findet Esther Süss beste Trainingsbedingungen. Erich Birchler ist nur selten dabei. (Bild: Gerry Nitsch)

Zwei winzige Zentimeter verraten die ganze Leidenschaft von Esther Süss (38): Ein vergoldetes Kunstwerk, in Form eines Velos, ziert ihr linkes Ohrläppchen. Die Aargauerin ist begeisterte Mountainbikerin. Diese Passion verdankt sie, die vorher über 14 Jahre lang Korbball gespielt hat, ihrem Freund Erich Birchler (41). Sie lernte ihn 1998 in einem Schulskilager in Lungern OW kennen, das beide leiteten. Bald schon nahm Erich sie mit auf seine Rennvelotouren: «Es ging nicht lange, und sie wollte unbedingt schneller sein als ich.»

Als Esther und Erich 2001 nach Küttigen bei Aarau zügelten, fuhren sie von ihrem Wohnort aus immer öfter mit dem Mountainbike über die Juraausläufer. Im gleichen Jahr nahm Esther an der Hobbybike-WM im österreichischen Saalbach teil. «Das war ein super Erlebnis. Ich setzte mir in den Kopf, einmal einen Bikemarathon zu gewinnen, und arbeitete darauf hin.» Mit Erfolg: 2009 gewann Esther Süss an den Mountainbike-Marathon-Weltmeisterschaften in Graz die Silbermedaille, 2010 im deutschen St. Wendel wurde sie sogar Weltmeisterin, und 2011 reichte es in der Nähe von Venedig zur Bronzemedaille.

Sie jongliert zwischen drei Jobs – er raucht gern mal einen Stumpen

«Erich ist für mich eine grosse Stütze. Während der Wettkämpfe ist er vor allem für mein Velo und meine Verpflegung verantwortlich», sagt Esther Süess. Ihm vertraue sie blind. Wenn er ihr Velo vorbereitet habe, kontrolliere sie es vor dem Start nicht mehr. Der Mann ist vom Fach, denn der gelernte Zimmermann führt mit BikErich in Küttigen seinen eigenen Veloladen.

Es ging nicht lange, und Esther wollte schneller sein als ich. – Erich Birchler

Obwohl die beiden heute nur noch einmal pro Monat gemeinsam mit dem Mountainbike unterwegs sind — Esther ist zu schnell geworden und Erich zu schwer — sehen sie sich oft. Sie leben in einem Reiheneinfamilienhaus, und neben ihrem Job als Teilzeitlehrerin für textiles Werken macht Esther die Buchhaltung von BikErich. Sind bei so viel Zweisamkeit Reibungen nicht vorprogrammiert? Letztlich wissen sie nur zu gut, dass ihr Zusammenleben nur funktioniert, wenn beide an einem Strang ziehen, sagt Esther, um dann doch schmunzelnd zuzugeben: «Selbst wenn ich gestresst bin, raucht Erich gemütlich auf dem Gartensitzplatz einen Stumpen und löst Kreuzworträtsel. Das bringt mich auf die Palme.» Erich sieht das gelassen: «Ich bewundere Esther, wie sie das Training, den Unterricht und den Haushalt unter einen Hut kriegt.» Sie zeige beim Training noch immer viel Biss. «Und sobald sie eine Startnummer übergezogen hat, überfällt sie ein unbändiger Wille, die Schnellste zu sein.»

Ein Olympisches Diplom ist Esther Süss’ Ziel

Einer der grössten Erfolge von Esther Süss: Im August 2010 triumphiert sie an der Marathon-WM in St. Wendel. (Bild: Keystone/Martin Platter)
Einer der grössten Erfolge von Esther Süss: Im August 2010 triumphiert sie an der Marathon-WM in St. Wendel. (Bild: Keystone/Martin Platter)

Die Kraft dafür zieht die mehrfache Europa- und Schweizer Meisterin auch aus Magnet-Power-Bändeln, die sie seit vergangenem Herbst trägt. «Seither bin ich im Nacken weniger verspannt — man muss aber an die Magnetkraft glauben.» Was ihre sportlichen Ziele an den Olympischen Spielen betrifft, gibt sich die Mountainbikefahrerin betont locker: «Ich möchte London geniessen und das Beste geben.» Erst auf erneutes Fragen hin sagt sie, dass sie gerne ein Olympisches Diplom herausfahren möchte. Dafür müsste sie mindestens den achten Platz belegen. Die Mai-Weltcuprennen im tschechischen Nove Mesto sowie in La Bresse verliefen allerdings für sie mit einem 24. und einem 23. Rang enttäuschend. Auf der sumpfigen und rutschigen Strecke in Frankreich stürzte die Athletin sogar und fuhr mit schmerzenden Armen und Beinen weiter.

Trotz dieser negativen Ausgangslage will Erich Birchler die Olympischen Spiele auf keinen Fall verpassen. «Auf diesen Moment hat sich Esther jahrelang vorbereitet. Ich will so nah wie möglich dabei sein.» Seine Begründung: «Ich glaube nicht, dass Esther in vier Jahren nochmals an einer Olympiade antritt. Und dann für eine Teilnahme am Grossereignis die Partnerin zu wechseln, habe ich nicht vor.»

Autor: Reto Wild