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15. Juli 2013

Established 1965

Bänz Friedli ist alt. Oder jung. Wie mans nimmt.

Jetzt macht auch das Gurtenfestival auf retro, wissend vermutlich, dass die Jungen einen Hauch von anno dazumal cool finden. Das Berner Open Air bietet heuer Shirts mit der Aufschrift «1977» an. Sieht mächtig nach «Wow!» und «Tradition!» und «legendär!» aus, ganz im Stil amerikanischer Kleidermarken, die Slogans wie «Established 1973» und «American Eagle Since 1977» auf ihre Kleider sticken — und die Jugendlichen denken: Poah, gibts die schon lang!

«Sophie, 47, ledig, sucht …»
«Sophie, 47, ledig, sucht …»

Mich auch. Mich gibts auch schon eine Weile. Established 1965, wie meine Rückennummer im Fussball verrät. «65», liess ich hinten aufs Jersey drucken in der Hoffnung, es möchte den jungen Gegenspielern Respekt einflössen. Falls ich denn eingesetzt werde. Als Teamsenior bin ich in einem Alter, da freut man sich, wieder mal von An- bis Abpfiff durchspielen zu dürfen, weil einige der Kameraden offenbar am Zürifäscht überbordet haben und Sonntag früh nur gerade zehn zum Meisterschaftsspiel erscheinen. Elf bräuchte es. Also freut man sich, durchspielen zu können, doch irgendwann Mitte der zweiten Halbzeit, wenn der halb so alte Stürmer — Jahrgang 1989, ich hab nachgefragt — einen zum x-ten Mal düpiert, wird das Können zum Müssen. Nicht, dass ich jammern wollte! Ist alles freiwillig, ich weiss. Hätte ja im Bett bleiben und die anderen ihrem Schicksal überlassen können. (Sie hätten zu neunt vermutlich ähnlich abgeschnitten wie nun mit mir.) Aber, wissen Sie, das Schwinden der Jugend wird einem dauernd um die Ohren gehauen. Wenn man als 48-jähriger Mann auf Facebook zugange ist, erscheinen am rechten Bildrand die Werbeanzeigen «Ein Trick für einen flachen Bauch», «Gelassen älter werden» und «Sophie, 47, ledig, sucht …» Verdammt, die datenschnüffelnden Geschäftemacher des Web kennen mein Geburtsdatum, und das beunruhigt mich irgendwie mehr als die Vorstellung, dass Herr Obama, wenn er wollte, meine Mails lesen könnte; vermutlich hat Obama nämlich Gescheiteres zu tun. Aber welcher Sauhund beamt mir «Sophie, 47, ledig» auf den Bildschirm? Dazu das Bild einer vielleicht 26-jährigen Blondine, die sich als Sophie, 47, ledig ausgibt, aber ganz bestimmt nicht am allerersten Gurtenfestival war.

Sophie, 47, ledig, sucht …

Ich schon. Ich war dort, 1977. Ralph McTell gab «Streets of London» zum Besten, Rees Gwerder schwyzerörgelte, Walter Lietha sang «Bim Vreni», und uns wurde warm ums Herz, aber wir begriffen noch nicht recht, weshalb. Letzten Sommer ging ich wieder mal hin, Norah Jones spielte auf, ich summte mit, war guter Dinge und holte mir am Getränkestand ein Bier. Als ich meinen Becher etwas zittrig ergriff und beinahe verschüttet hätte, murmelte ich: «Gopf, man könnte meinen, ich sei alt …». Das Mädel hinterm Tresen, blutjung, mit knappem Oberteil, könnte meine Tochter sein … Was sage ich? Enkelin! Sie schaut mich nur an: «Du bisch alt!» Betonung auf «bisch». Peng, jetzt wusste ichs. Monate später fragte ich nach dem wunderbaren Zürcher Konzert von Kris Kristofferson die mir unbekannte Sitznachbarin: «War das nicht schön?» Worauf sie erwiderte: «Aber dass sooo jungi Lüüt wie Sii das no losid!», und sie sagte wirklich so mit drei o. Da war mir klar: Ich muss öfter mal ins Kongresshaus.

Wenn Sie nun denken, ich würde den Gurten dieses Jahr meiden … Falsch! Ich will die Toten Hosen sehen. Aber ein «1977»-Shirt werd ich vermutlich keines kaufen. Dünken mich irgendwie zu eng geschnitten.

Der Berner Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli