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08. September 2014

Esel am Berg

Das Ziel: Der Gipfel des Piz Palü. Die Ausgangslage: Untrainiert und voller Zweifel. Die Frage: Kann das gut gehen, oder macht man sich zum Esel? Die Angst vor der Blamage läuft Schritt für Schritt mit. Dazu vier etwas leichteren Gletschertour-Alternativen («Mit viel Eis und Aussicht»).

Üsé Meyer (links) 
und Bergführer Peter Gujan sich an
Um 4.45 Uhr seilen 
Üsé Meyer (links) 
und Bergführer Peter Gujan sich im Schein der Stirnlampen an, bevor es über den Gletscher nach oben geht.

«Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.» Oh ja! Wie recht er doch hatte, der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal. Ich verfluche mich selbst: Wie blöd muss man sein, um auf die Idee zu kommen, die eigene Leistungsgrenze auszuloten und den Ostgipfel des Piz Palü auf 3882 Metern zu besteigen? Im fortgeschrittenen Alter von 46, als Gelegenheitsraucher, Bier- und Weinliebhaber, ohne Training, ohne Akklimatisation an die Höhe? Ich befürchte, wie der Esel am Berg zu stehen. Im Unterland in den Zug zu steigen, hat schon viel Überwindung gekostet, lieber wäre ich – im Sinne von Blaise Pascal – zu Hause im Zimmer geblieben.

Vorbei an Gletscherspalten
Vorbei an Gletscherspalten...

Klar, der Piz Palü ist ein Berg, der einen magisch anzieht. Jeder, der das Massiv mit seinen drei Gipfeln schon mal in natura gesehen hat, wird das bezeugen können. Kein Wunder, liest man auch Entsprechendes über das Dreigestirn: Die Rede ist vom «schönsten Schnee- und Eisberg der Welt», von der «grossen Schatzkammer der Alpen», die «das Bergsteigerherz höher schlagen lässt». Und auch mein Bergführer Peter Gujan (37) schaut beim Nachtessen auf der Diavolezza rüber zum Berg und schwärmt: «Ja, der Palü ist der Star hier im Engadin.»

Nervenkitzel im heimtückischen Labyrinth
Um 3 Uhr morgens düdelt das Smartphone. Mein Schlaf ist auf dieser Höhe (2973 Meter über Meer) sehr kurz und unruhig gewesen. Und nun stehen wir in der Schlange vor dem Frühstücksbuffet. Um 3.30 Uhr! Wir sind halt nicht die einzigen Bergsteiger hier. Um 4 Uhr knipsen wir unsere Stirnlampen an und laufen unter dem klaren Sternenhimmel los – hinab Richtung Gletscherrand. Der ruppige Weg verläuft über Blocksteine und steile, teilweise rutschige Erdpfade.

Der Gipfel leuchtet bereits in der Morgensonne
Der Gipfel leuchtet bereits in der Morgensonne.

Habe ich mich beim Start erstaunlich gut gefühlt, verwundert es mich bei der Ankunft am Gletscher, wie schlecht ich mich fühle. Das kann doch nicht sein! Erst 45 Minuten unterwegs, und schon brennen die Oberschenkel, schlottern die Beine. Verdammt – ich verfluche meine Unsportlichkeit. Meine Hoffnung: Jetzt, beim Hinauflaufen, werden sich die Muskelpartien, die es zum Hinablaufen braucht, wieder erholen können.

Der Palü zieht einen magisch an – er ist der Star hier im Engadin.

Dank der kalten Nacht ist der Schnee hart, und das Laufen geht tatsächlich wieder recht gut. Um 5.30 Uhr dämmert es bereits, und wir können unsere Stirnlampen wieder ausknipsen. Eine weitere halbe Stunde später bleibt Peter stehen und blickt zurück: «So schön, unglaublich … schau … ist das nicht grandios?» Jawoll! Wirklich! Wow! Die Farben der Wolkendecke im Norden variieren von dramatischem Schwarz über Violett zu Tiefrot. Darunter reihen sich die dunklen Silhouetten diverser Bergketten aneinander, und am fernen Horizont leuchtet bereits der hellblau-orange Morgenhimmel. Nun geht es hinauf durch die Cambrenabrüche mit ihren eindrucksvollen Spalten. Bis zu fünf Meter breit sind sie, die Tiefe ist nur zu erahnen. Das Spaltenlabyrinth des Persgletschers gilt als heimtückisch und anspruchsvoll. Ich bin froh, mit Peter einen erfahrenen Bergführer an meiner Seite zu haben – er stand bereits rund 50 Mal auf dem Gipfel des Palü.

Das pessimistische spielt mit dem optimistischen Ich Schach
Die Morgensonne steht nun etwas höher und taucht die Gipfel des Palü in ihr oranges Licht. Ich atme tief durch und bin recht optimistisch, was den Gipfelerfolg angeht. Auf dem Schnapsboden auf rund 3400 Metern machen wir eine kurze Stehpause: reichlich trinken und trotz ausbleibendem Hungergefühl etwas essen. Zu viele und zu lange Pausen würden mehr zur Ermüdung als zur Erholung beitragen, sagt Peter. Also gehts gleich weiter. Steil nach oben. Die Luft wird immer knapper, die Muskeln immer schwächer, der Kopf immer zweifelnder. Ich schaffs doch nicht, denke ich jetzt. «Die meisten scheitern an der Leistungsgrenze im Kopf, nicht an jener des Körpers», wird mir Peter später sagen. Ich versuche mich von den negativen Gedanken abzulenken, zähle meine Schritte jeweils bis 10, um dann wieder bei 1 anzufangen. Es ist, als ob mein optimistisches gegen mein pessimistisches Ich Schach spielen würde. Das, welches das andere besser austrickst, gewinnt.

Ein herzhaftes «Yihaaah!» auf dem Ostgipfel
Ein herzhaftes «Yihaaah!» auf dem Ostgipfel.

Auf gut 3700 Metern erreichen wir den Sattel. Von hier eröffnet sich uns der Blick erstmals Richtung Süden – zu den Bergen des Puschlavs und des Veltlins. Weit ist es nicht mehr zum Ziel, und das Gipfeladrenalin tätigt seine Wirkung: Plötzlich fühle ich mich wieder bestens. Das ist gut so. Denn das letzte Stück Weg erfordert nochmals viel Konzentration: Zuerst geht es über eine steile, vor allem im Abstieg heikle Flanke hoch und auf einem schmalen Grat hinüber zum Ostgipfel. Zuoberst, auf 3882 Metern, staune ich schliesslich fast mehr über mich selbst als über das grandiose Panorama. Wie habe ich doch am Gipfelerfolg gezweifelt.

Der Abstieg gehe nun leicht, sagt Peter. «Der ist fast geschenkt.» Eine typische Bergführeruntertreibung, sind wir doch nochmals rund drei Stunden unterwegs. Und die letzten 45 Minuten, die wieder durch das Blocksteingelände aufwärtsführen, werden nochmals zur Qual. Als wir um 11.15 Uhr wieder beim Berghaus Diavolezza ankommen, brennen meine Füsse, die Knie schmerzen, der Rücken zwickt – aber ich fühle mich sauwohl. Und dieses Glücksgefühl rührt in erster Linie daher, dass ich mich raus aus dem sicheren Zimmer ins Abenteuer gewagt habe.

Infos zur Palü-Hochtour

Die Route auf den Gipfel
Die Route auf den Gipfel. (Karte: WSGrafik)

An- und Rückreise: Mit Bahn/Bus via Pontresina bis «Bernina Diavolezza» und mit Bergbahn hoch zur Diavolezza.

Tour: Diavolezza (2973 m)–Fuorcla Trovat (3019 m)–Piz Palü Ostgipfel (3882 m)–Fuor­cla d’Arlas (3083 m)–Diavolezza (2973 m).

Höhenmeter: je 1200 Meter Auf- und Abstieg.

Dauer: circa 7 bis 8 Stunden.

Anforderung: Trittsicherheit, sauberes Gehen mit Steigeisen, Schwindelfreiheit, gute Kondition, Hochtourenerfahrung.

Sicherheit: Für Unerfahrene ist die Begleitung durch einen Führer unbedingt ratsam.

Saison: Juni bis Oktober.

Ausrüstung: Hochtourenausrüstung (u. a. feste Bergschuhe, Klettergurt, Steigeisen, Pickel, Seil).

Kosten Bergführer: Gruppentour an fixen Daten (max. 3 Personen) Fr. 390.‒/Person, Privatbergführer Fr. 830.‒ (1 Person), Fr. 960.‒ (2 Personen), Fr. 1090.‒ (3 Personen).

Bergführer: Bergsteigerschule Pontresina, Tel. 081 842 82 82, www.bergsteiger-pontresina.ch

Übernachtung und touristische Infos: Berghaus Diavolezza, Tel. 081 839 39 00, www.diavolezza.ch ; Tourist-Information Engadin/St. Moritz, Tel. 081 830 00 01, www.engadin.ch

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Thomas Hablützel