Archiv
11. März 2013

«Es werden immer wieder Menschen hemmungslos ausgenommen, gerade von Wahrsagern oder Magiern»

Georg Otto Schmid (46) ist Mitarbeiter der Evangelischen Informationsstelle (Relinfo) in Rüti ZH. Er ist verheiratet und lebt und arbeitet in einem ehemaligen Gebäude der Heilsarmee.(Bild: zVg.)

Kann man sagen, dass mit der Schwächung der traditionellen, christlichen Religion im Westen eine Rückkehr zu einem Wunderglauben stattgefunden hat, wie er schon vor dem Erstarken des Christentums weit verbreitet war? Und dass die Esoterik ein Ausdruck davon darstellt?

Wunder sind in der Religion ohnehin wichtig, auch die katholische Kirche war gegenüber Wundern aller Art immer sehr aufgeschlossen. Bei den Charismatikern gehören sie auch wesentlich dazu, dasselbe gilt für die Esoterik. Hier ist der Bezug zu höheren, spirituellen Ebenen besonders wichtig. So gilt der Glaube, dass sich von dort Engel und grosse Gestalten der Vergangenheit durch Medien melden und dass der Mensch auch selbst auf diese höhere Ebene aufsteigen kann. Manche Praktiken versuchen, die Energie höherer Ebenen anzuzapfen, wodurch Wunder quasi normal werden. Dazu kommt die pädagogische Reinkarnationslehre. Anders als im Hinduismus, wo man bei schlechtem Verhalten auch mal als Tier wiedergeboren wird, entwickelt sich der Esoteriker wie im Schulsystem von Klasse zu Klasse höher. Wenn er ganz wild tut, bleibt er schlimmstenfalls sitzen. Dies bedeutet: Wer mal Mensch ist, kann nicht mehr Tier werden. Manche Esoteriker spinnen diesen Gedanken weiter: Wer mal Schweizer ist, kann nicht mehr in einem Slum neu auf die Welt kommen, da bleibt allenfalls noch die Goldküste. Das nächste Leben wird auf jeden Fall besser sein als das, das ich jetzt führe. Das ist natürlich attraktiv und einer der Gründe für die Beliebtheit der Esoterik. Die Landeskirchen sind da wesentlich vager, wie es im Jenseits weitergeht.

Wie viele werden angezogen von dem Gefühl, einer auserwählten Elite anzugehören, mit Zugang zu einem speziellen Geheimnis, mit dem sie sich über die grosse Masse erheben können?

Wenn Menschen sich neu für esoterische Lehren interessieren, spielt dieser Elitarismus oft eine grosse Rolle. Das Gefühl, ich bin auf dieser Leiter schon weit hoch geklettert; die anderen kommen schon auch noch, jeder wird das mal schaffen, aber sie sind weit hinter mir. Wenn meine Freundinnen das nicht verstehen, liegt das daran, dass sie fünf Stufen unter mir sind.

Dazu gehört aber auch, alles nur erdenklich Übernatürliche für potenziell möglich zu halten.

Genau, da gibt es keine Grenzen. Allerdings zeigt sich in der Realität dann nicht so viel Übernatürliches wie erwartet. So macht man sich auf nach neuen Theorien, die neue Wunder versprechen. Der Esoterik-Markt ist seit Jahren geprägt von dieser Jagd nach immer wirksameren Lehren und Praktiken. Ähnliches gilt in Teilen der Charismatik. Auch hier ist eine Sehnsucht nach Wundern vorhanden, die für neue Ideen und Strömungen offen macht.

Wer nicht mehr so recht ans Christentum glauben kann, aber nicht das Zeug zum Atheisten oder Agnostiker hat, tummelt sich in der Esoterik, richtig?

Bei Menschen mit spirituellen Bedürfnissen sind esoterische Angebote eine häufige Wahl. Interessant an der Esoterik wirkt nicht zuletzt ihr Versuch, die verschiedenen Weltanschauungen zu verbinden. Die Mutter der Esoterik ist die Theosophie, und die trat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Anspruch an, die Wahrheit hinter allen Religionen zu finden. Das ist eine eminent liberale Idee, die Vorstellung nämlich, dass sich überall Wahrheit finden lässt. Daraus wurde dann eine eigene Bewegung.

Fürs Christentum ist doch die Esoterik wie ein Rückfall in heidnische Zeiten oder? Die Vorstellung zum Beispiel, dass in einem Stein Kräfte sind, die mich beeinflussen können.

Diese Vorstellung einer Beseeltheit der Natur, von Animismus, wie sie in den traditionalen Religionen häufig vorkommt, ist dem Christentum schon sehr fremd. Fürs traditionelle Christentum ist die Natur Gottes Schöpfung, aber selbst nicht göttlich. Wo christliche Gemeinschaften mit Geistern in der Natur rechnen, werden diese meist negativ gewertet, etwa als Dämonen.

Die gibts in der Esoterik nicht?

Doch. Es gibt Geister verschiedener Stufe, höhere Geister und auch niedere Geister. Vor den niederen muss man sich in Acht nehmen, die sind noch nicht so entwickelt, haben ihre niederen Triebe noch und können Menschen schädigen. Es gibt auch dunkle Energien; nicht wenige Esoteriker verzichten deswegen auf schwarze Kleidung, weil so angeblich diese Energien angezogen werden.

Gehen Sie selbst ab und zu an die Zürcher Esoterikmesse Lebenskraft?

In den vergangenen 20 Jahren habe ich nur eine «Lebenskraft» verpasst. Die Veranstaltung ist für unsere Arbeit sehr wichtig. Man entdeckt dort immer wieder spannende neue Trends.

Zum Beispiel?

Im Moment ist die Energieheilung sehr populär, aber auch die Kristallkinder – ab 2000 Geborene, die eine besonders spirituelle Generation sein sollen in Vorbereitung auf die grosse Bewusstseinswende. Bis vor Kurzem wurde von den Indigo-Kindern, die ab 1980 geboren wurden, genau dasselbe erwartet. Diese Generation hat sich aber nicht so spirituell entwickelt wie erhofft, weshalb die diesbezüglichen Erwartungen nun auf die Kristallkinder verlagert werden. An der letzten «Lebenskraft» war natürlich der vom Maya-Kalender angeblich prophezeite Weltuntergang auf den 21.12.2012 ein grosses Thema. Ich bin schon sehr gespannt, wie man dieses Mal damit umgeht.

Der grosse Bewusstseinswandel wird ja seit bald 50 Jahren prophezeit, aber er will und will nicht kommen.

So ist es. Eine der ganz grossen Frustrationen der Esoterik-Bewegung. Man muss sich dann immer wieder neue Erklärungen einfallen lassen, weshalb sich der Wandel verzögert.

Lässt sich die Esoterik in ein paar zentrale Strömungen unterteilen, oder ist es ein ziemlich unübersichtlicher Haufen fantastischer Vorstellungen?

Es gibt schon ein paar grössere Strömungen. Die Lichtarbeiter, die darauf hoffen, dass sie auf eine spirituelle Ebene, in die 5. Dimension, aufsteigen. Der Spiritualismus, der mit Toten in Kontakt treten will. Die Neuheiden mit ihren Jahresfesten und magischen Ritualen. Die östlich inspirierten Formen von Energieheilung wie Reiki. Die ursprünglich aus dem Hinduismus stammende Satsang-Bewegung, die Erleuchtung und ein besseres Leben anstrebt. Typisch für die Esoterik-Szene ist, dass alle diese Richtungen miteinander kombiniert werden.

Haben Sie schon mal an einer esoterischen Veranstaltung teilgenommen, bei der Sie dachten, hm, vielleicht ist da doch was dran?

Wunder und unerklärliche Phänomene üben eine grosse Faszination aus, auch auf mich. Doch leider scheinen die Wunderkräfte immer Pause zu haben, wenn ich dabei bin. Dies mag aber auch daran liegen, dass ich nicht bereit bin, Phänomene voreilig als übernatürlich gelten zu lassen. Ein Wunder ist erst dann ein Wunder, wenn alle natürlichen Erklärungen versagen. Und bisher hat sich noch bei jedem vermeintlich übernatürlichen Phänomen, dem ich begegnet bin, eine plausible rationale Erklärung ergeben. Manche Menschen mit einer ausgeprägten Sehnsucht nach Übernatürlichem in ihrem Leben gehen gewissermassen umgekehrt vor: Sie werten alles als Wunder, dessen natürliche Erklärung nicht gerade offensichtlich ins Auge fällt. Und sogar dann finden sich immer wieder Leute, die bereit sind, beide Augen zuzudrücken, um das Wunder nicht zu gefährden. Wenn ich Wunder aber weiter definiere – als Ereignisse, die mir zufallen und mich glücklich machen, auch wenn sie durchaus rational erklärbar sind – dann erlebe ich Wunder immer wieder.

Gibt es irgendetwas, das bei Ihnen verfängt?

Ich bin in der reformierten Kirche aufgewachsen und würde mich heute als Vertreter des liberalen Flügels bezeichnen. Ich glaube, dass es einen Sinn gibt, der über dieses Leben hinausgeht. Diesen Sinn finde ich in biblischen Aussagen über Gott wieder, der als die Liebe beschrieben wird. In meiner Arbeit mache ich täglich die Erfahrung, dass unterschiedliche Menschen auf verschiedenen Wegen geführt werden, sodass ich es nicht wagen würde, anderen Menschen mein Verständnis vorzuschreiben. Im Kontakt mit religiösen Strömungen finden sich immer auch Elemente, durch die ich persönlich angesprochen werde, sodass jede Begegnung mit einer neuen Gruppe auch zur Anfrage an die eigene Weltanschauung wird.

Auch in der Esoterik gibt es ja fundamentalistische Elemente.

Es gibt Gruppen, die sektenhaft werden. Gefährdet sind Gemeinschaften, die sich um einzelne Meister oder Meisterinnen sammeln, die sich als ausschliesslich verstehen. Oft wachsen diese dann aus der Esoterik-Szene heraus, Uriella mit ihrem Fiat Lux ist so ein Beispiel. Für einen eigentlichen Fundamentalismus fehlt der Esoterik aber das verbindliche Fundament, also allgemeingültige heilige Schriften. Deshalb ist die Esoterik recht flexibel und hat keine grosse Mühe damit, Positionen zu verändern. In den 60er- und 70er-Jahren hatte man mit Abtreibung und Homosexualität noch grosse Mühe, heute steht man beidem meist recht entspannt gegenüber. Die Geistwesen passen sich offensichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung an.

Mehr als bei allen anderen Glaubensvorstellungen hat man beim weiten Feld der Esoterik immer wieder das Gefühl, es gehe primär um Geld. Also: Gutgläubige Menschen werden mit Unsinn abgezockt.

Eine der Schattenseiten der Esoterik. Es werden immer wieder Menschen hemmungslos ausgenommen, gerade von Wahrsagern oder Magiern. Da wechseln manchmal über die Jahre riesige Summen ihren Besitzer für irgendwelche angeblichen Schutzzauber, von denen nicht mal klar ist, ob sie überhaupt zelebriert werden. Solche Geschichten höre ich leider immer wieder.

Wie verbreitet ist das? Wie viele Heiler, Seher etc. glauben wirklich an das, was sie tun. Wie viele wollen den Leuten einfach Geld aus der Tasche ziehen?

Ein deutscher Esoterik-Kritiker und Atheist, bekannt für holzschnittartige Statements, formulierte es einmal so: Die Hälfte der Esoteriker gehöre in die Psychiatrie – weil sie selbst an ihre Fähigkeiten glaubt – und die andere Hälfte ins Gefängnis – weil sie nicht an ihre Fähigkeiten glaubt und damit ihr Publikum betrügt. Natürlich ist diese Forderung übertrieben. Zum Glück wird heute niemand mehr psychiatrisiert, nur weil er Dinge behauptet, die gesellschaftlich nicht allgemein anerkannt sind. Und ob das Versprechen sogenannt objektiv unmöglicher Leistungen wirklich Betrug ist, darüber sind sich die Gerichte uneins. Persönlich glaube ich, dass ein Grossteil der Anbieter überzeugt ist von den eigenen Fähigkeiten, also nicht bewusst abzockt. Es ist auch schwierig, über längere Zeit etwas vorzuspielen, ohne selbst anzufangen daran zu glauben. Wenn Sie dann mal Tausende von Anhängern haben, die daran glauben, dass Sie der Messias sind und Sie täglich anhimmeln, fangen Sie irgendwann an zu glauben, dass da was dran sein muss. Tausende Menschen können nicht irren. Und auch jene, die manchmal an sich zweifeln, rechtfertigen es damit, dass sie doch so vielen Menschen damit helfen konnten. Das erfolgreiche seelsorgerische Ergebnis legitimiert das zweifelhafte Verfahren.