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18. März 2013

«Es war eine Riesenbefreiung»

Der BIID-Betroffene Daniel Kramer* hat sich in Asien das linke Bein amputieren lassen. Der Naturwissenschaftler würde wieder so handeln und setzt sich für legale Eingriffe ein.

Anders als Matthias Graber realisierte Daniel Kramer* die Amputation tatsächlich
Anders als Matthias Graber realisierte Daniel Kramer* die Amputation in Asien tatsächlich. (Bild Tina Steinauer / *Name der Red. bekannt)

Daniel Kramer* (49) leidet unter Xenomelie, seit er denken kann. Doch jetzt ist er geheilt, sagt er. Im Dezember 2010 hat er sich in Asien sein linkes Bein amputieren lassen. «Als ich aus der Narkose aufwachte, spürte ich sofort: BIID ist weg. Mir ist nicht nur ein Mühlstein vom Hals gefallen, sondern ein ganzes Zementwerk. Es war eine Riesenbefreiung.» Er kennt ein gutes Dutzend Betroffene, die sich haben amputieren lassen. «Die sind jetzt allesamt ausnahmslos glücklich.» Umso wichtiger ist es aus seiner Sicht, dass solche Operationen auch in Europa legal möglich werden.
Kramer war egal, an welcher Stelle genau am Bein die Amputation erfolgte oder ob es das linke oder rechte war. Er wollte einfach ein Bein loswerden, nicht zuletzt, weil er seine Sexualität nur dann richtig lustvoll ausleben konnte, wenn er sich bei sich selbst eine solche Behinderung ausmalte. Es wurde dann das linke Bein, weil er so weiter Auto fahren konnte, ohne es umbauen lassen zu müssen.

Niemand aus Kramers Umfeld weiss Bescheid, was damals auf seiner Asienreise wirklich passiert ist – weder Frau und Kind noch sonst die Familie, Freunde oder Arbeitskollegen. Die offizielle Version hat sich der deutsche Naturwissenschaftler, der nach wie vor als Projektleiter beim selben Unternehmen im Rheinland tätig ist, im Vorfeld seiner Reise sorgsam zurechtgelegt: Er sei bei der Ankunft am Flughafen in eine Glasscherbe getreten, die Wunde habe sich entzündet, was zu einem Blutstau geführt habe, weshalb das Bein dann abgetrennt werden musste, um ihm das Leben zu retten. «Solche Fälle gibt es tatsächlich, die Geschichte war also völlig plausibel.»

Die Wahrheit vor allen Angehörigen und Freunden zu verbergen, fiel ihm nicht schwer. «Ich hatte ein Leben lang gelogen, was BIID betraf, war darin also geübt. Ich hatte einfach nie den Mut zu sagen, was wirklich war.» Zudem: Als er die Geschichte erzählt habe, hätten alle sie geglaubt, und nun bohre auch niemand mehr nach. Allerdings fiel es ihm wirklich schwer, bei seiner Rückkehr aus Asien die grosse Freude und Erleichterung zu verbergen, die er fühlte. Denn rundherum herrschte natürlich Entsetzen und Betroffenheit; und alle erwarteten, dass es ihm schlecht geht. «Zum Glück hatte ich damals ziemlich starke Phantomschmerzen im amputierten Bein, so dass ich dann wirklich ein bisschen litt und nicht mehr nur schauspielern musste.»

Kramer will nicht verraten, in welchem Land er die Operation hat durchführen lassen. «Es gibt meines Wissens nur genau diesen einen Ort, wo man das machen lassen kann. Würde er publik, bekämen dieser Arzt und seine Klinik Schwierigkeiten und würden vermutlich damit aufhören. Damit würde man allen anderen, die ebenfalls eine solche Operation machen möchten, diesen Weg verbauen.» Nur wer glaubwürdig darstellen kann, dass er selbst Xenomelie hat, hat eine Chance, weitere Details zu erfahren. Dann braucht er auch noch das notwendige Kleingeld: Mit mindestens 20’000 Franken muss man rechnen für Reisekosten, die Operation und die notwendigen offiziellen Papiere, die eine Amputation aufgrund einer Krankheitsfolge bescheinigen.

Kramer geniesst das Gefühl der Befreiung noch immer. «Ich freue mich jeden Tag daran. In den eineinhalb Jahren habe ich es vielleicht zwei Minuten lang bereut, alle anderen Minuten habe ich es genossen.» Es gab da dieses eine Mal, als er gerne mit seinem Sohn in einem steilen, brombeerbewachsenen Hang herumgetobt hätte. Und das ging nicht. Aber solche Momente sind aus seiner Sicht vernachlässigbar. Er habe jetzt den Kopf endlich frei und könne tun, was ihm wichtig sei. «Auch beruflich hat mir das sehr geholfen.» Er räumt ein, dass sein Alltag in kleinen Bereichen ein wenig beschwerlicher geworden sei mit den Krücken und der Prothese. «Aber es gibt nichts, was ich nicht machen kann. Ich gehe schwimmen, fahre Fahrrad und Auto, mache meine Arbeit, habe meine Hobbys und Freunde.» Er fühle sich nicht eingeschränkt und treibe nun auch Sport, anders als früher. «Die Krücken sind mir keine Last, sondern eine Lust.»

Beruflich hat er keine Nachteile. Zunächst war sein Chef etwas besorgt wegen Geschäftsreisen, aber inzwischen kann Kramer alles so weiter machen wie vorher. Staatliche Unterstützung erhält er nur indirekt: Behinderte profitieren in Deutschland von einem verminderten Steuersatz, zahlen keine KFZ-Steuer für ihr Auto und dürfen pro Woche eine Stunde weniger arbeiten. «Im Gesetz ist klar festgelegt, dass eine Behinderung anzuerkennen ist, egal, aus welchem Grund sie erfolgt ist», erklärt Kramer. Auch wenn die Behörden die Wahrheit wüssten, hätte das keine Folgen. «Sonst könnte man ja auch dem Raucherbeinbesitzer sagen, er sei letztlich selber schuld und kriege keine Unterstützung.»

Auch sein Sexualleben hat sich deutlich verbessert. Etwas, das eine Psychotherapie vor ein paar Jahren nicht geschafft hatte. Dort hatte Kramer auch sein BIID thematisiert. «Aber die Therapeutin war davon offensichtlich überfordert.» Erst 2006 realisiert er, dass es andere gab wie ihn und war dann stark in entsprechenden Foren aktiv. Er sieht starke Parallelen mit der Situation von Transsexuellen, hält BIID aber dennoch für eine Störung. «Hätte es eine Pille gegeben, die sie beseitigt, hätte ich die wahrscheinlich genommen», sagt Kramer. «Und dann halt ein ganz normales, langweiliges Zweibeinerleben geführt.»
*Name der Redaktion bekannt

Autor: Ralf Kaminski