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30. September 2013

«Es war der Reiz, trotz der Gefahr zu überleben»

Der Sport-Thriller «Rush» zeigt die Rivalität zwischen den Formel-1-Legenden James Hunt und Niki Lauda. Der österreichische Autorennstar über seinen Einfluss auf die Dreharbeiten, seinen Ausflug in die Airline-Branche und den «pubertären» Rennsport.

Eine lebende
 Legende des 
Autorennsports: 
Niki Lauda (Bild: Philipp Horak/Anzenberger).
Niki Laudas Unfall im Jahr 1976
Niki Laudas Unfall im Jahr 1976 (Bild: Keystone).

CHRONOLOGIE DES TODES
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Niki Lauda, wie nahe ist Ron Howards Film «Rush» an der Realität?

Sehr nahe. Natürlich haben sich die Filmemacher einige Freiheiten rausgenommen, aber es war ja klar, dass es keine Dokumentation über mein Leben wird, sondern ein Spielfilm. Entscheidend ist, dass es als Ganzes funktioniert, und das tut es. Das eher versöhnliche Gespräch zwischen James Hunt und mir am Filmende hat sich real zum Beispiel etwas anders abgespielt. Ich war damals ziemlich grantig, weil ich die Weltmeisterschaft verloren hatte, und war nicht gross an einem Gespräch interessiert.

Wie waren Sie in den Filmprozess involviert?

Ich wurde in meinem Leben schon Dutzende Male gefragt, ob ich bereit wäre, einen Film aus meiner Geschichte zu machen. Ich habe immer Nein gesagt, weil mir die Projekte nie interessant genug erschienen. Aber Drehbuchautor Peter Morgan kannte ich flüchtig von früher. Also dachte ich, mit dem rede ich mal. Er hat mich dann schnell überzeugt, und anschliessend sass ich tage- und nächtelang mit ihm zusammen, um ihm die damalige Zeit zu erklären. Er hatte nämlich keine Ahnung von der Formel 1.

Durften Sie das Drehbuch absegnen?

Nein, darauf hatte ich keinen Einfluss. Er hat mir zwischendurch immer mal was daraus vorgelesen, um die Fakten zu checken, aber das war es dann auch.

«Ich war rational, aber nicht so besessen wie im Film.»

Und wie finden Sie den Film?

Es war für mich sehr interessant, in die Perspektive des Zuschauers versetzt zu werden. Nach meinem Unfall hatte mich damals sehr aufgeregt, dass die Leute mich so anstarrten und so unhöflich auf mich reagierten. Dank dem Film verstehe ich nun etwas besser, dass ich die Leute mit meinem Aussehen wirklich erschreckt habe.

Finden Sie, Daniel Brühl bringt Sie in Ihren jungen Jahren gut rüber?

Wahnsinnig gut. Nachdem er die Rolle übernommen hatte, besuchte er mich in Wien. Ich habe ihn gefragt, wie es sei, mich zu spielen. Er sagte: «Fürchterlich! Weil Sie ja leben, Sie sind im Fernsehen, die Leute kennen Sie. Das umzusetzen, ist enorm schwierig.» Aber er hat es unglaublich gut hinbekommen, vor allem auch mein Englisch.

Was wollte er von Ihnen wissen?

Alles. Wie das damals war. Er hatte auch viele technische Fragen zum Rennfahren: Wann setzt man den Helm auf, wann macht man das Visier zu? Er hat mich selbst während des Drehens noch wegen solcher Fragen angerufen. Wir haben uns jedenfalls gut verstanden, ich habe ihn vor den Dreharbeiten sogar noch zu einem Grand-Prix nach Brasilien mitgenommen.

Zu Beginn des Films sind Sie ja nicht gerade der Sympathieträger. Waren Sie damals wirklich so kühl und aufs Rennen fixiert?

Tendenziell ja. Der Film betont natürlich die unterschiedlichen Persönlichkeiten von James und mir. Aus dramaturgischen Gründen wurden wir beide noch ein bisschen stärker so dargestellt, wie wir tatsächlich waren. Ich war kühl und rational, aber nicht ganz so besessen wie im Film — und ich war lustiger. Etwas mehr Ironie wäre nett gewesen, aber ich kann mit der Darstellung gut leben.

«Man fuhr stets an der Grenze zwischen Leben und Tod.»

Im Film steht die Rivalität mit James Hunt im Zentrum. Gleichzeitig waren Sie offenbar aber auch befreundet?

Freunde waren wir nicht. Aber ich habe ihn respektiert, ich kannte ihn ja schon aus der Formel 3. Respekt war sehr wichtig, denn mit diesen Autos damals fuhr man stets an der Grenze zwischen Leben und Tod. Je mehr der andere respektiert wurde, desto knapper konnte man mit 300 km/h an ihn ranfahren, ohne dass etwas passierte. Und auf James konnte man sich immer verlassen. Der Film bringt unser Verhältnis sehr gut rüber.

Waren Sie nach dem Ende Ihrer aktiven Zeit noch in Kontakt mit ihm, bevor er 1993 starb?

Oh ja, auch in seinen schlechten Zeiten, als er kein Geld hatte. Ich habe ihn mehrmals in England getroffen und ermahnt, er müsse wieder zurück ins Leben finden. Was er dann ja auch sehr erfolgreich getan hat. Die letzten vier Jahre war er superfit, hat bei der BBC gearbeitet und nicht mehr getrunken. Ich war völlig geschockt, als ich von seinem Herzinfarkt erfuhr. Wir hatten uns ein paar Wochen vorher erst noch getroffen, weil er ja durch die BBC-Arbeit bei allen Grands-Prix dabei war.

Wie war Ihr Verhältnis zum Schweizer Rennfahrer Clay Regazzoni, der ja im Film auch vorkommt?

Sehr gut. Zu Clay hatte ich auch neben der Rennbahn ein perfektes Verhältnis, ein sehr netter Kerl. Wir haben bei Ferrari immer zusammengehalten, auch gegen die Werksführung, wenn es sein musste. Er war lange mein Vorbild.

Im Film wird ja viel aus dem Reiz an der Todesgefahr im Rennsport gemacht. War das auch für Sie eine wichtige Motivation?

Es war der Reiz, trotz der Gefahr zu überleben. Und den verspürte ich schon auch. Mir ging es ums Siegen und Überleben — was ein Gegensatz ist, denn je schneller man fährt, desto eher fährt man irgendwo rein. Die richtige Balance zu finden, das Auto zu beherrschen, das war die Herausforderung. Jeder, der das damals überlebt hat, kann sagen: Ich habe es richtig gemacht. Denn pro Jahr sind immer ein bis zwei tödlich verunglückt.

Später ersetzten Sie die Faszination für schnelle Autos durch die für Flugzeuge?

Die war eigentlich immer schon da, ich bin schon früh selbst geflogen. Später kam dann das Interesse am kommerziellen Geschäft hinzu.

Weshalb sind Sie letztes Jahr ganz aus dem Fluggeschäft ausgestiegen?

Air Berlin wollte mir die Niki abkaufen, und kurz darauf kam das Angebot, Aufsichtsratsvorsitzender des Mercedes-Formel-1-Teams zu werden. Also trat ich aus dem Verwaltungsrat von Air Berlin zurück, weil beides zeitlich schlicht nicht möglich gewesen wäre.

Ich bin lustigerweise mit Niki für dieses Gespräch nach Wien geflogen.

Und, wie wars? Es hat schon sehr nachgelassen, finde ich.

«Es ist absurd, dass viele Airlines am Passagier sparen.»

Es war gut. Das Sandwich war deutlich besser, als man es sonst gewohnt ist. Aber finanziell ist es ja schon eine schwierige Branche. Wie beurteilen Sie aus der Distanz Ihr Engagement mit der Gründung der Lauda Air und später Niki – würden Sie das wieder machen?

Man muss immer alles zum richtigen Zeitpunkt tun, sonst funktioniert es nicht. Heute wäre das schwierig, weil inzwischen alle Lücken mehr oder weniger geschlossen wurden. Die traditionellen Airlines haben es wegen der Billig-Airlines schwer, Geld zu verdienen. Niki hat ein Low-Cost-Konzept, bei dem man immer den richtigen Preis anbieten muss, sonst kommt kein Mensch. Wenn aber der Preis stimmt und das Produkt noch dazu, dann buchen Sie das nächste Mal wieder, weil zum Beispiel das Sandwich besser war als bei den anderen. Deshalb finde ich es absurd, dass so viele Airlines immer am Passagier sparen. Er ist der Einzige, der da einsteigt. Und er kommt nur, wenn das Gesamterlebnis positiv ist. Sparen muss man woanders, aber sicher nicht bei den Sitzen oder dem Catering.

«Ich glaube, dass jeder Autorennfahrer einmal zur Vernunft kommen muss, um mit diesem pubertären Sport aufzuhören.» Ihre Worte. Dennoch sind Sie dem Rennsport noch immer eng verbunden.

Das habe ich gesagt, als ich damals aufgehört habe und in die Fliegerei eingestiegen bin. Aber interessieren tuts mich schon immer noch, und als nun das Angebot von Mercedes kam, konnte ich nicht Nein sagen.

Aber zur Aussage mit dem «pubertären Sport» stehen Sie noch?

Das fand meine frühere Frau Marlene damals: Wir seien wie kleine Kinder, die im Kreis um die Wette fahren. Und das stimmt schon, zu der Aussage stehe ich.

Privatautos werden immer ökologischer. Wie sieht es bei der Formel 1 aus?

Dort auch. Heute braucht man 150 Kilogramm Sprit für 300 Kilometer, nächstes Jahr dürfen es nicht mehr als 100 Kilo sein. Da wird es die ersten 6-Zylinder-Motoren 1,6-Liter-Hybrid mit Turbolader geben, die werden derzeit von Mercedes, Ferrari und Renault entwickelt — eine Riesenherausforderung. Und nun jammern alle, dass die Turbomotoren weniger Lärm machen und anders klingen, aber ich finde es das richtige Konzept. Man muss nur die Ohrenstöpsel rausnehmen, dann ist es genauso laut wie vorher.

Nicht viele führen ein Leben, das von Hollywood verfilmt wird. Wie lebt es sich als lebende Legende?

Es erschreckt mich manchmal schon. Ich warte ja immer darauf, dass die Popularität mal nachlässt, weil sie natürlich auch belastet. Aber mein neuer Job bei Mercedes, die Erfolge, die wir im Rennsport haben, und nun noch der Film oben drauf — das führte dieses Jahr zu einer Explosion von Interesse. Es ist fast schon beängstigend.

Wenn Sie in Wien auf die Strasse gehen, werden Sie erkannt und angesprochen?

Dauernd. Nasebohren kann ich nicht einfach so im Freien (lacht). Und jeder Zweite fragt nach dem Film, früher waren es immer die Formel 1 oder die Reifen oder so was. Aber das gehört dazu. Natürlich wäre es angenehmer, wenn es nicht so wäre, aber es ist nun mal so. Ich mache das Beste draus und erfülle alle Wünsche, soweit es möglich ist.

Sie sind ja vor vier Jahren nochmals Vater geworden ‒ wie fühlt sich das an, in diesem Alter zwei Kleinkinder bändigen zu müssen?

Super! Damit habe ich überhaupt keine Probleme. Meine Frau ist kürzlich für ein paar Tage nach New York geflogen und hat mir die Zwillinge übergeben, sehr skeptisch, ob ich das schaffe. Aber ich habe mich ganz alleine von 6 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags um sie gekümmert, mit allem Drum und Dran. Überhaupt kein Problem. Ich verstehe gar nicht, warum Mütter immer so jammern!