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11. März 2013

«Es macht grossen Spass, Leute zu spielen, die für sich ihre eigenen Regeln erfinden»

Der britische Filmstar Jeremy Irons spielt die Hauptrolle in der Verfilmung von Pascal Merciers «Nachtzug nach Lissabon». Vor der Premiere in Bern sprach er mit dem Migros-Magazin über die Dreharbeiten, seine weiteren Projekte und sein Faible für zwielichtige Figuren.

«Nighttrain to Lisbon»
Jeremy Irons in einer Szene aus «Nighttrain to Lisbon». (Bild: Studio Hamburg Filmproduktion/C-Films AG/Palm Star Entertainment)

Einen Weltstar trifft man ja nicht alle Tage. Und der britische Schauspieler Jeremy Irons (64) hat den Ruf, bei Dreharbeiten nicht immer ganz einfach zu sein wegen einer gewissen Neigung zum Perfektionismus. Die leichte Nervosität erweist sich jedoch als unbegründet. Nicht nur ist Irons ausgesprochen freundlich, er ist auch äusserst entspannt. Mitten im Gespräch steht er auf, fischt ein Tabakpäckchen aus seiner Manteltasche, dreht sich eine Zigarette und spaziert damit zur Balkontür des Hotelzimmers, während er weiter Fragen beantwortet. Dort pafft er dann zufrieden in die eisige Berner Luft hinaus, hinter ihm an der Wand des Zimmers gross ein Nichtraucherzeichen ...

Jeremy Irons, in den nächsten paar Wochen werden Sie in drei komplett unterschiedlichen Rollen zu sehen sein. Als etwas biederer Lateinlehrer in «Nighttrain to Lisbon», als durchtriebener Papst in der dritten Staffel von «The Borgias» und als Familienoberhaupt eines Hexenclans in «Beautiful Creatures». Wie wählen Sie Ihre Rollen aus?

Immer aus ganz verschiedenen Gründen. «Nighttrain» hat mich gleich mehrfach angezogen. Ich mag Regisseur Bille August, wir haben schon einmal zusammengearbeitet und damals ebenfalls in Lissabon gedreht, eine tolle Stadt. Und ich mochte das Buch ausserordentlich, als ich es dann gelesen habe. Mir schien allerdings, dass es schwierig zu verfilmen sein würde, weil es sich so stark um Ideen und philosophische Fragen dreht. Aber wenn jemand es hinkriegt, dann Bille August. Also dachte ich mir, das dürften fünf sehr nette Wochen werden, und so war es dann auch.

«The Borgias» ist einer Ihrer seltenen Ausflüge ins Fernsehen, liess Sie das zuerst zögern?

Nicht wirklich. Es werden heutzutage immer weniger Filme von der Art gedreht, die ich gerne mache: Filme, die sich eher an ein kleineres Publikum richten, aber dennoch ziemlich viel kosten. Mehr und mehr Drehbuchautoren wandern deshalb zum Fernsehen ab, wo derzeit viele tolle Qualitätsserien entstehen. Neil Jordan, den ich sehr bewundere, tat das auch, nachdem er vor etwa zehn Jahren schon einmal versucht hatte, aus dem Stoff einen Film zu machen. Und er fragte mich, ob ich die Hauptrolle übernehmen würde. Es war eines dieser Projekte, wie ich sie mag, und es ist eine ganz tolle Rolle. Also sagte ich zu und bin damit nun fünf Monate im Jahr beschäftigt.

Jeremy Irons spielte unter anderem in der TV-Serie «The Borgias» mit
Der britische Filmstar Jeremy Irons spielte unter anderem in der TV-Serie «The Borgias» mit. (Bild: Dukas)

Das ist ja zeitlich eine ziemliche Verpflichtung, kam es deswegen schon zu Kollisionen mit anderen Projekten?

Bis jetzt nicht. Oder wenn, dann hat mein Agent mir davon nichts gesagt (lacht). Bisher ist es immer gelungen, darum herum zu arbeiten.

«Beautiful Creatures» scheint eine vergleichsweise untypische Rollenwahl ...

Es ist kein Film, den ich selbst im Kino sehen würde. Aber ich hatte schon länger nicht mehr für ein grosses Hollywood-Studio gearbeitet, und ich weiss, dass diese Streifen im Zuge von «Twilight» sehr populär sind. Die Figur hat Esprit und ein paar schöne Szenen. Also dachte ich, warum nicht?

Übernehmen Sie auch manchmal Rollen, weil sie gut bezahlt sind?

Das habe ich etwa drei Mal in meinem Leben getan, und es ist schon länger her. «Dungeons & Dragons» ist ein Beispiel, und dann war da noch ein Film, in dem ich jemanden mit einem weissen Gesicht gespielt habe … ich komm gerade nicht auf den Titel …

«The Time Machine»?

Genau. Die habe ich beide gemacht, während ich unser kleines Schloss in Irland renoviert habe. Da war es sehr nützlich, ein gutes Honorar zu kriegen.

Wann haben Sie das letzte Mal für eine Rolle vorsprechen müssen?

Puh, das ist lange her. Nach der Drama-Schule für Rollen im Theater, also etwa mit 22 Jahren. Heutzutage bekomme ich Angebote und entscheide, was ich will oder nicht will.

Kommt es manchmal vor, dass Sie eine Rolle unbedingt haben möchten, aber dann nicht bekommen?

Das kommt vor, aber das letzte Mal ist auch schon länger her. Ich hätte sehr gerne Robert Redfords Rolle in «Out of Africa» gehabt, konnte den Regisseur Sydney Pollack aber nicht überzeugen. Er und Redford waren gut befreundet.

Die Vorlage von «Nighttrain to Lisbon» thematisiert viele philosophische Fragen, auch Religion ist immer wieder ein Thema. Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Jeremy Irons als Gymnasiallehrer Raimund Gregorius und Sarah Spale-Buehlmann als «schöne Unbekannte» in einer Szene des Films «Nachtzug nach Lissabon». (Bild: Sam Emerson/NTTL production/C-Fi)
Jeremy Irons als Gymnasiallehrer Raimund Gregorius und Sarah Spale-Buehlmann als «schöne Unbekannte» in einer Szene des Films «Nachtzug nach Lissabon». (Bild: Sam Emerson/NTTL production/C-Fi)

Vor rund 20 Jahren haben Sie schon mal mit Bille August in Lissabon gefilmt. Wie hat er sich verändert seither, wie die Stadt?

Er hat sich kein bisschen verändert. Mehr Kinder hat er, aber das ist es dann schon. Ich glaube auch, dass ich mich nicht so stark verändert habe. Trotzdem war alles neu, weil es um eine ganz andere Geschichte ging. Und wir drehten auch in einer anderen Ecke der Stadt, vor allem in der Altstadt – wunderschön, gerade auch weil sie ein bisschen vor sich hin bröckelt.

Hat Ihnen Bille August viel Freiheiten gelassen bei der Interpretation der Figur, oder wusste er genau, was er wollte?

Er weiss ziemlich genau, was er will. Aber er sucht sich auch die Leute, von denen er weiss, dass sie ihm das bringen. Wenn man etwas tut, das ihm nicht passt, sagt er das auch. Was gut ist. Ein Regisseur ist eine Art Resonanzkörper, das braucht man als Schauspieler. Man hofft, dass man die richtige Note trifft, aber kann nie ganz sicher sein, weil man sich ja selbst nicht sieht und hört. Da braucht es jemanden, der einem beim Feinschliff hilft. Das bedingt natürlich, dass man dem Geschmack des Regisseurs vertraut, was ich bei Bille tue.

Aber das war auch schon anders?

Oh ja, ich will hier aber keine Namen nennen.

Und dann rebellieren Sie?

Man realisiert es oft erst, wenn man den fertigen Film sieht. Während der Dreharbeiten habe ich gedacht: Na gut, doch, das lässt sich rechtfertigen. Dann sah ich den Film und dachte, oh nein, völlig falsch, wir hätten es so tun sollen, wie ich es wollte.

Sie haben Ihren kurzen Besuch in Bern während der Dreharbeiten letztes Jahr genossen, habe ich gelesen. Wie gut kennen Sie die Schweiz?

Nicht sehr gut, leider. Ich gehe ab und zu zum Skifahren nach St. Moritz, auch jetzt übrigens wieder nach diesem Besuch hier in Bern. Aber das ist es dann auch schon.

«The Borgias» machen Sie ja nun fürs Fernsehen, ist das irgendwie anders?

Überhaupt nicht. Es ist wie auf einem Filmset, sogar eher ein bisschen luxuriöser: Wir haben etwas mehr Zeit und eine bessere Ausrüstung. Aber das liegt schon daran, dass es eine Qualitätsserie ist. Ich habe Freunde, die Soaps in den USA drehen, bei denen klingt das deutlich weniger angenehm.

Rodrigo Borgia ist eine sehr vielschichtige Figur, ein ruchloser Intrigant. Und dennoch spielen Sie ihn so, dass man ihn mag und hofft, dass seine Pläne funktionieren.

Ein sehr interessanter Charakter. Ich habe viel über ihn gelesen, lange recherchiert, und das hat ein sehr breites Charakterspektrum eröffnet, mit dem ich arbeiten kann. Die Päpste nach ihm haben ihn gehasst, und deren Interpretation von ihm dominiert heute. Das hat die Reputation der Borgia-Familie ziemlich ruiniert, die ganzen Geschichten mit dem Inzest zum Beispiel. Ich bin überzeugt, dass das ein Zerrbild ist, und so interpretiere ich ihn auch. Ich suche die Zwischentöne, die Widersprüche, die wir ja alle in uns haben. Wir verhalten uns manchmal gut und manchmal schlecht.

Sie mögen es, diese Art von Figuren zu spielen, richtig? Etwa in «Lolita» …

Diese Rolleninterpretation haben mir einige wirklich übel genommen.

Sie haben den Verführer einer 12-Jährigen zu «nett» gespielt?

Man fragte mich: Wie konntest du nur? Meine Antwort: Leute, die Schlechtes tun, sind nicht notwendigerweise böse.

Dennoch scheinen Sie auch die richtigen Bad Guys gerne zu spielen: «The Time Machine», «Die Hard with a Vengeance» …

Oh ja. Warum sind Bad Guys bad? Weil sie den Regeln nicht folgen, sie suchen sich ihren eigenen Weg, ausserhalb der Konventionen der Gesellschaft. Es macht grossen Spass, Leute zu spielen, die sich ihre eigenen Regeln erfinden. Und man gibt dem Publikum die Gelegenheit, Leuten zuzusehen, die sich so verhalten, wie sie es in der Regel nicht können, aber insgeheim vielleicht auch gerne mal würden.

Sie haben mal gesagt, dass Sie besonders stolz sind auf «Dead Ringers», «Lolita» und «The Mission». Gilt das noch immer?

In «Lolita» konnte ich wirklich alles zeigen, was ich kann, es ist sicher mein komplettester Film. Auch auf die anderen beiden bin ich weiterhin stolz, obwohl ich nie so gut bin, wie ich gerne wäre.

«Lolita» war eine riskante Rolle, Sie rauchen, Sie fahren Motorrad – Sie flirten offenbar gerne mit der Gefahr.

In der Tat. Risiken einzugehen bringt Bereicherung ins Leben. Ich habe es auch noch nie bereut. Wenn mal was nicht so läuft wie erhofft, dann sage ich mir, okay, trotzdem erschien es sinnvoll, als ich entschieden habe, es so zu machen. Also, was solls. Bedaure nicht, sondern mach einfach weiter. Ich versuche, nicht zurück- und nicht vorwärtszuschauen, sondern im Moment zu leben.

Sie sagen ja immer, es habe mit dem Rauchen zu tun, dass Sie eine so tolle Stimme haben. Aber ich kenne einige Raucher, und keiner hat eine solche Stimme! Wie machen Sie das?

(lacht) Ich habe keine Ahnung. Sie ist einfach so. Gute Gene! Und natürlich ist es toll, etwas zu haben, das auffällt.

Stimmt es, dass Sie auf einem Filmset manchmal schwierig sein können, weil Sie so ein Perfektionist sind?

Das war wohl einmal so, aber das habe ich hinter mir gelassen. Ich bin heute sehr viel entspannter und versuche, vor allem eine gute Zeit zu haben. Wenn alle Spass haben und entspannt sind, erhöht das die Chance, dass sie gute Arbeit leisten.

Ihre Frau und einer Ihrer Söhne sind ja ebenfalls als Schauspieler tätig. Schauen Sie gegenseitig Ihre Filme an, geben sich Ratschläge und kritisieren?

Das tun wir. Allerdings hat sich das Filmbusiness enorm verändert, seit der Zeit, als wir angefangen haben. Das macht es schwierig für uns, einem jungen Schauspieler Karrieretipps zu geben. Aber ihm ist es wichtig zu wissen, was wir von seiner Arbeit halten. Das Gleiche gilt für mich und meine Frau, was unsere Filme betrifft.

Hat Ihre Frau Sie schon mal so richtig heftig kritisiert für eines Ihrer Werke?

Oh ja, und wie. Ich hab einmal vor einiger Zeit in London Theater gespielt. Sie hat sich die Generalprobe angesehen und anschliessend gesagt: «Du bist wirklich schlecht in dem Stück!» (lacht)

Sehr oft sehen Sie sich ja vermutlich nicht. Alle sind pausenlos irgendwo unterwegs und machen Filme. Ist das nicht manchmal hart?

Ach, daran haben wir uns gewöhnt, es war ja schon immer so. Wir treffen uns, wenn wir können. Unsere Söhne leben beide in London. Und wenn wir Zeit miteinander verbringen, geniessen wir das umso mehr.


YOUTUBE-AUSSCHNITTE AUS NEUEN FILMEN

Nighttrain to Lisbon
Beautiful Creatures
The Borgias
(TV-Serie)