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10. September 2012

Es lebe das Theater!

Theater, eine veraltete Kunstform? Im Gegenteil, sagt Schriftsteller Charles Lewinsky. Theater ist lebendiger als Kino und Fernsehen. Mit Bruno Hitz verrät er die zehn Stücke, die man gesehen haben muss.

Charles Lewinsky
Es komme durchaus mal vor, dass er sich im Theater tödlich langweile, sagt Charles Lewinsky. Dennoch freut er sich bereits auf die nächste Vorstellung. (Bild: Gaëtan Bally)

Die perfekte Formulierung fand ich mal auf einem dieser Ansteckknöpfe, die vor ein paar Jahren Mode waren. «Theater ist Leben», stand da. «Kino ist Kunst. Fernsehen ist Möblierung.»

Theater ist lebendig. Das ist sein nie aufzuholender Vorsprung gegenüber allen anderen darstellenden Medien. Jede Theatervorstellung findet nur einmal statt. Keine noch so sorgfältige Regie kann verhindern, dass die nächste Aufführung desselben Stücks schon wieder ein bisschen anders ausfällt. Das liegt nicht nur an den Darstellern, die, wie wir alle, an jedem Tag «ein bisschen anders drauf» sind, sondern mindestens so sehr an den Zuschauern. Mit ihren Reaktionen (oder Nicht-Reaktionen) beeinflussen sie die Stimmung der Vorstellung viel mehr, als sie in den meisten Fällen realisieren. Und es kann, wie das Oscar Wilde einmal formuliert hat, durchaus passieren, dass das Publikum eine glatte Fehlbesetzung ist.

«Auf der Leinwand fällt kein Darsteller ungeplant auf die Schnauze.»

Schauspieler und Zuschauer befinden sich in einem permanenten Dialog: Weil der Darsteller nie weiss, was für ein Publikum ihn erwartet, gleicht er ein bisschen einem Raubtierdompteur, der jeden Abend zu anderen Löwen und Tigern in den Käfig steigen muss. Manchmal sind sie ganz zahm, und manchmal wird er von ihnen auch gefressen. Englischsprachige Schauspieler haben einen sehr sprechenden Ausdruck für jene gefürchteten Abende, an denen sie einfach nicht ankommen: «I died», sagen sie dann. «Ich bin gestorben.»

Gehe ich ins Kino, fehlt diese Spannung des Unmittelbaren. Auf der Leinwand fällt kein Darsteller ungeplant auf die Schnauze. Wenn er hinfällt, stand das so im Drehbuch. Und wahrscheinlich war es erst noch ein Stuntman, der für ihn die Knochen hingehalten hat.

Das Gemeinschaftserlebnis lässt sich nicht auf DVD bannen

Und Fernsehen … Na ja. Das ist doch diese Kiste, die im Hintergrund läuft, während man gleichzeitig mit etwas intellektuell viel Anspruchsvollerem beschäftigt ist, mit Wäschebügeln zum Beispiel.

Wer nie ins Theater geht, lässt sich einen wichtigen Aspekt unserer Kultur entgehen. Und ich meine das ganz wörtlich: Ins Theater gehen, man muss vor Ort sein. Auch die mit grösstem Aufwand gedrehte Aufzeichnung einer Vorstellung ist dafür kein Ersatz. Das Gemeinschaftserlebnis, aus dem Theater erst entsteht, lässt sich nicht auf DVD festhalten. Theater sieht man sich nicht allein an. Nur Ludwig II. von Bayern setzte sich ganz allein ins Opernhaus und liess sich Wagner-Opern vorführen. Aber der war ja auch verrückt. Natürlich, auch im Kino bin ich in der Regel nicht allein. Aber ich verschmelze mit meinen Nachbarn nicht zu jener Einheit, die sich Publikum nennt und durch ihre Reaktionen das Geschehen auf der Bühne beeinflusst. Das Auto in der obligaten Verfolgungsjagd fährt immer im gleichen Sekundenbruchteil gegen die Wand, ganz egal, ob alle gespannt hinsehen oder lieber nach dem letzten Rest Popcorn tasten.

Die Fantasie vollendet, was die Schauspieler vorbereiten

Noch etwas: Ich müsste lügen, wenn ich behaupten wollte, ich käme nach jeder Theatervorstellung glücklich nach Hause. Ich habe mich auch schon tödlich gelangweilt und bei der selbstbezogenen Experimentiererei eines sogenannten Projekts beim dritten unauffälligen Blick auf die Armbanduhr gedacht: Eigentlich sollte man die Herrschaften bei ihren privaten Verrichtungen nicht stören. Aber wenn es funktioniert, wenn der Funke von der Bühne ins Parkett und auf die Galerie überspringt, dann geschieht jenes Wunder, nach dem ich süchtig bin. Dann wird ein simpler, waagrecht gehaltener Stock zum Meeresspiegel, unter dem gerade ein Schiff versinkt, oder ein Paar Stelzen zum verzauberten Wald im «Sommernachtstraum».

Dann habe ich etwas erlebt, das mir kein Eisberg in «Titanic» und kein computergenerierter Urwald in «Avatar» bieten kann. Dann hat meine Fantasie das Kunstwerk vollendet, das die Schauspieler für mich vorbereitet haben.

Und ich freue mich schon wieder auf die nächste Vorstellung.

Text: Charles Lewinsky


Buchtipp: «Bühne frei! 101 Theaterstücke von Augustinus bis Zadek». 2000 Jahre Theater, miterlebt aus der ersten Reihe, herausgegeben von Bruno Hitz und Charles Lewinsky, erhältlich ab September 2012 bei Ex Libris für 31.90 Franken

Zehn Theaterstücke, die man gesehen haben muss

Sophokles (Bild Keystone)
Sophokles (Bild Keystone)

Sophokles: «König Oedipus»

Kaum zu glauben: Das Stück ist fast 2400 Jahre alt und immer noch spannend. Auch wenn man – wie die Zuschauer im alten Athen – den Ausgang schon kennt. Man könnte Sophokles’ Meisterwerk als den allerersten Krimi der Weltliteratur bezeichnen. Oedipus, der König von Theben, sucht nach dem Mörder seines Vorgängers Laios und gelangt zur schmerzhaften Erkenntnis, dass er nicht nur selber diese Tat begangen hat, sondern dass er ausserdem Laios’ Sohn ist.

Hamlet  (Bild Keystone)
Hamlet (Bild Keystone)

William Shakespeare: «Die Tragödie von Hamlet, Prinz von Dänemark»

Gäbe es einen Wettkampf um den Titel «bestes Theaterstück aller Zeiten» – «Hamlet» wäre bestimmt auf dem Siegertreppchen. Nicht wegen seiner Fülle an klassischen Zitaten von «Sein oder nicht sein» bis zu «Der Rest ist Schweigen», sondern aus einem anderen Grund. Shakespeares unübertroffenes Gefühl für theatralische Wirkung fasziniert den Zuschauer immer. Man muss «Hamlet» nicht einmal im Leben gesehen haben, sondern ein paarmal.

Warten auf Godot  (Bild Keystone)
Warten auf Godot (Bild Keystone)

Samuel Beckett: «Warten auf Godot»

Wie kann man einem Stück, in dem eigentlich überhaupt nichts passiert, trotzdem mit atemloser Spannung folgen? Samuel Beckett hat dieses Kunststück geschafft. Die beiden Landstreicher Wladimir und Estragon warten – ohne dass wir je einen Grund dafür erfahren – auf eine Person namens Godot, von der sie absolut nichts wissen. Ja, sie sind nicht einmal sicher, ob es diesen Godot überhaupt gibt. Wenn das Stück zu Ende ist, warten sie immer noch.

Der Diener zweier Herren  (Bild Keystone)
Der Diener zweier Herren (Bild Keystone)

Carlo Goldoni: «Der Diener zweier Herren»

Die grosse Zeit der Commedia dell’arte ging schon zu Ende, als Carlo Goldoni für deren Hauptfigur, den Spassmacher Arlecchino, die perfekte Rolle schuf: ein Diener, der sich, weil das Geld knapp wird, gleich bei zwei Herrschaften verpflichtet, deren Bestellungen und Aufträge durcheinanderbringt und damit jede Menge komischer Verwicklungen schafft. Und natürlich – wie könnte es in einer Komödie anders sein? – am Schluss für das Happy End sorgt.

Der Besuch der alten Dame (Bild Keystone)
Der Besuch der alten Dame (Bild Keystone)

Friedrich Dürrenmatt: «Der Besuch der alten Dame»

Die Milliardärin Claire Zachanassian besucht ihre Heimatstadt Güllen. Sie kommt, um Rache zu nehmen an Alfred Ill, der vor Jahren die Vaterschaft an ihrem Kind geleugnet und damit ihr Leben zerstört hat. Durch ihre Ehen unendlich reich geworden, bietet sie der Stadt einen teuflischen Pakt an: Eine Milliarde will sie bezahlen, wenn die Güllener dafür Ill umbringen. Mit dieser Geschichte schrieb Dürrenmatt das Trauerspiel einer Welt, in der alles seinen Preis hat. Auch das Gewissen.

Wozzeck  (Bild Keystone)
Wozzeck (Bild Keystone)

Georg Büchner: «Woyzeck»

Das Dramenfragment, das der dichtende Revolutionär Georg Büchner bei seinem Tod 1837 hinterliess, wurde erst 1913 zum ersten Mal auf die Bühne gebracht. So lang dauerte es, bis man verstand, was für ein grosser Wurf dem jungen Genie gelungen war. Heute ist die Geschichte vom Soldaten Franz Woyzeck, der unter Halluzinationen leidet und als malträtiertes Versuchskaninchen eines pfuschenden Arztes schliesslich zum Mörder wird, auf allen Bühnen dieser Welt zu Hause.

Maria Stuart  (Bild Keystone)
Maria Stuart (Bild Keystone)

Friedrich Schiller: «Maria Stuart»

Friedrich Schiller war Professor für Philosophie und lehrte an der Universität Jena als Historiker. Dennoch überrollt er in seinen historischen Dramen den Zuschauer nicht mit seinem Wissen, sondern zeigt uns die menschliche Seite geschichtlicher Ereignisse. Wenn sich die beiden verfeindeten Königinnen Elisabeth I. und Maria Stuart begegnen, dann treffen da einfach zwei Frauen aufeinander, denen das Schicksal keine andere Wahl gelassen hat, als sich bis auf den Tod zu bekämpfen.

Der zerbrochene Krug  (Bild Keystone)
Der zerbrochene Krug (Bild Keystone)

Heinrich von Kleist: «Der zerbrochene Krug»

Die Parallele zu «Oedipus» ist verblüffend: Auch hier ist der Richter, der einen Fall aufklären soll, selber der Täter. Aber weil Heinrich von Kleist eine Komödie geschrieben hat, geht es in dem Prozess nur um einen zerbrochenen Krug, und selbstverständlich weiss Dorfrichter Adam von Anfang an, dass er ihn bei einem gescheiterten Liebesabenteuer selber zerbrochen hat. Es sind seine verzweifelten Versuche, den Hals doch noch aus der Schlinge zu ziehen, die uns so amüsieren.

Dreigroschenoper  (Bild Keystone)
Dreigroschenoper (Bild Keystone)

Bertolt Brecht und Kurt Weill: «Die Dreigroschenoper»

Das Rezept der «Dreigroschenoper»: Man nehme eine 200 Jahre alte englische Gaunerkomödie, lasse sie aktualisiert ins Deutsche übersetzen und ergänze sie durch Lieder, die von Vorbildern wie François Villon mehr als nur ein bisschen inspiriert sind. Ergebnis: das erfolgreichste deutschsprachige Bühnenstück des 20. Jahrhunderts. Und auch im 21. wird der unmoralische Zweikampf zwischen dem Bettlerkönig Peachum und dem Gauner Mackie Messer sein Publikum finden.

Geschichten aus dem Wiener Wald  (Bild Keystone)
Geschichten aus dem Wiener Wald (Bild Keystone)

Ödön von Horváth: «Geschichten aus dem Wienerwald»

Horváth benannte sein Stück in bitterster Ironie nach dem weltberühmten Walzer von Johann Strauss, aber was hier gezeigt wird, ist alles andere als walzerselige Gemütlichkeit. Im Österreich der Weltwirtschaftskrise sind keine verlogenen Happy Ends mehr möglich. Die Welt hat nichts mehr zu bieten als den erbarmungslosen sozialen Abstieg. Und wenn am Schluss geheiratet wird, ist das keine glückliche Wendung, sondern nur der Beginn der nächsten Tragödie.