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08. Juli 2013

Es ist nichts

Ein grosses altes Haus irgendwo auf dem Land; mit einer Werkstatt. Das wärs. Da hätte unser Sohn Platz für sein Werkzeug und seinen Kabelsalat, könnte er basteln und konstruieren, sägen und hämmern und seinen ganzen Karsumpel zuletzt hinterlassen, wie ihm beliebt. Das tut er jetzt in unserer Stadtwohnung natürlich auch. Nur liegt dann manchmal ein Sägemehlschleier auf Sofa und Esstisch, sind Bohrmaschine, Messer und Ösen überall verteilt: in Küche und Schlafzimmer, auf dem Balkon, im Bad.

«In unserer Stube liegt so ein Ding.»
«In unserer Stube liegt so ein Ding.»

Aber ich will mich nicht beklagen. Zu berichten ist nämlich über eine Familie vom Bucheggberg, die einst ihre Badewanne einen ganzen Sommer lang nicht benutzen konnte: Die Wanne war — so hatte es der experimentierfreudige Sohn gewollt — mit Steinen, Erde und Grasbüscheln gefüllt und diente seinen Kaulquappen als Biotop. Die Übung sei erst abgebrochen worden, erzählt mir die Mutter des damaligen Lausbuben, als die kleinen Frösche bereits in der Wohnung herumhüpften … Da komme ich mit einem zweckentfremdeten Duschvorhang, ein paar Pinseln im Spülbecken und einigen Zangen auf dem Parkett ja glimpflich weg.

In unserer Stube liegt so ein Ding.

Man fragt sich halt nur manchmal: Woher hat er das bloss? Woher hat unser Hans sein tüftlerisches Flair? Von mir nicht. Ich bin eine handwerkliche Null und technisch nicht sonderlich interessiert. Aber irgendwie prägt man seine Kinder ja doch. In unserer Wohnstube liegt so ein Ding: ein hölzernes Objekt, das ich einst, noch ledig und zahlungskräftig, einer jungen Künstlerin abkaufte. Eine schiefe, mit schwarz glänzendem Klavierlack überzogene Kiste, die sich nicht öffnen lässt, aber hohl klingt, wenn man dran klopft — und man weiss nicht, was drin ist. Ein kleines Mysterium. Schon früh beantworteten meine Liebste und ich die Frage der Kinder «Wozu ist die da?» unbedacht mit: «Für nichts.» Allerdings nicht, ohne nachzuschieben: «Es ist Kunst.» Womit wir vermutlich ihren Kunstbegriff geprägt haben. Fragte ein Besuch, was das sei, antworteten die Kinder fortan nicht etwa: «Es ist nichts.» Sondern: «Das ist Kunst.» Wir hatten ihnen ungewollt eine simple Definition vermittelt, was Kunst sei: für nichts. Stimmt ja auch, unser schwarzes Dings hat keine offensichtliche Funktion, steht nur nichtsnutzig da, dümmstenfalls im Weg. Und man sieht ihm noch nicht einmal die Kunst an … Besucher setzen sich zuweilen darauf, besonders Kinder. Wunderbar, sie geben der Kunst einen temporären Zweck. Und womöglich ist der Kunstbegriff «für nichts» gar nicht so schlecht. Nicht nur, weil Anna Luna, wenn ihr eine Eisenplastik in einem Verkehrskreisel missfällt, ausrufen kann: «Da’sch für nüt!», sondern auch, weil die Kinder dank der schwarzen Kiste gelernt haben, dass nicht alles immer einen offensichtlichen Nutzen haben muss. Vielleicht reicht es ja, dass es die Fantasie anregt?

Wenn unser Hans zimmert, klebt und verdrahtet, erschliesst sich mir der Sinn nicht immer auf Anhieb. Sehen Sie? Irgendwie hat ers halt doch von mir. Und dann noch immer zu Unzeiten! Ruft er, wenn es schon gegen das Abendessen geht, plötzlich: «Ich hole die Stichsäge. Hast du ein ganz dickes Karton? Und wo ist Grosis Nähmaschine?», entfährt mir reflexartig: «Jetzt ist der falsche Zeitpunkt für so eine Übung, Hans!» Doch im Innersten weiss ich, dass es jetzt, genau jetzt, sein muss. Denn das Eigensinnige, leicht Ungehorsame, das Nicht-glauben-Wollen, dass etwas «nicht geht» — das hat er bestimmt von mir.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)
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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli