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18. März 2013

«Es ist mein Idealbild: Wie ich sein sollte»

Martin Korber* leidet ebenfalls an Xenomelie. Er schildert migrosmagazin.ch, wie sich seine Amputationssehnsüchte seit der Kindheit entwickelten. Auch er würde sich gern des linken Beins entledigen.

Martin Korber* war etwa fünf Jahre alt, als er zum ersten Mal einen einbeinigen Mann gesehen hat, vor einem Spital – und er war komplett fasziniert davon. «Es war, wie wenn ein Blitz eingeschlagen hätte. Die Krücken, die Asymmetrie, so ganz anders als die anderen.» Er empfand den Anblick als schön, insbesondere auch den Stumpf, die abgerundete Form mit der Narbe. Verstanden hat er damals nicht, was das bedeutete, aber das Bild blieb im Gedächtnis eingebrannt.

Während der Primarschule sah er mit seinem älteren Bruder die Paralympics im Fernsehen und wollte das dann immer nachspielen, er ohne linkes Bein. «Das fand mein Bruder verständlicherweise nicht besonders spannend», sagt Korber heute. Der Gedanke, es wäre schön, selbst amputiert zu sein, kam erst zu Beginn der Pubertät auf, dafür umso heftiger. Und gekoppelt mit erotischen Gefühlen. Der 30-jährige Naturwissenschaftler aus dem Kanton Zürich findet amputierte Menschen sexuell attraktiv, Frauen wie Männer. Allerdings sieht er sich als eindeutig heterosexuell und hat auch eine Freundin, mit der er sehr glücklich ist. Und die sexuelle Komponente eines Stumpfs sei nicht die Ursache seines Wunsches, betont er.

Weder die Freundin noch seine Familie oder Freunde wissen von seinen Amputationssehnsüchten. Korber räumt zwar ein, dass es sehr schwierig ist, dieses so zentrale Element seines Lebens vor allen zu verbergen. «Aber ich würde ihnen doch nur Sorgen und Kummer machen. Und mir hilft es nicht, austauschen kann ich mich online mit Gleichgesinnten.» Er macht sich auch Sorgen, dass wichtige Menschen sich von ihm abwenden könnten.

Früher riss er entsprechende Fotos aus Zeitschriften aus und versteckte sie, damit sie niemand fand. Und wie praktisch alle Xenomelie-Betroffenen glaubte auch Korber lange, er sei allein mit diesem Wunsch und habe irgendwie eine Ecke ab. Mit dem Aufkommen des Internets realisierte er, dass es noch andere gab. «Das war einerseits eine Erleichterung, andererseits hat es in mir den Wunsch nach Amputation noch verstärkt, es hat ihm sozusagen eine höhere Glaubwürdigkeit verliehen.»

Dennoch gelingt es Korber, die Xenomelie manchmal für längere Zeit zu verdrängen. «Wenn ich richtig viel zu tun habe oder besonders schöne Ferien erlebe. Aber es kommt immer wieder zurück.» Besonders heftig wird der Wunsch, wenn er jemanden sieht, der amputiert ist – und je näher am eigenen Amputationswunsch, linkes Bein, am oberen Oberschenkel, desto intensiver die Faszination. «Dann kommt es vor, dass ich an nichts anderes mehr denken kann und zwei Tage einfach vor dem Computer sitze, Foren besuche und neuste Informationen recherchiere.» So was passiert pro Vierteljahr vielleicht ein Mal. Und auch in den guten Phasen beschäftigt ihn die Xenomelie sicher eine Stunde am Tag. Ab und zu bindet er sich auch das Bein hoch.

Korber kann sich noch an jede einzelne Begegnung mit Amputierten erinnern. «Ich werde dann immer ganz zittrig, kriege eine Art Adrenalinschub.» Wenn er mit jemandem auf der Strasse läuft und einen Amputierten sieht, kann er kein vernünftiges Gespräch mehr führen, so sehr absorbiert ihn diese Begegnung. Und gleichzeitig schämt er sich auch für «die Verherrlichung». Ihm ist nur zu bewusst, wie sehr die meisten Menschen leiden, die unfreiwillig einen Körperteil verloren haben.

Wie bei vielen mit Xenomelie ist auch für Korber das linke Bein der störende Körperteil. «Wenn ich das rechte Bein verlieren würde, käme ich mir gehandicapt vor. Das linke loszuwerden hingegen würde meinen Körper perfektionieren. Es ist mein Idealbild, wie ich sein sollte.» Aber nur, wenn es exakt an der richtigen Stelle passiert. Alles andere würde er als Behinderung empfinden.
Eine Heilung von der Xenomelie müsste bei Korber gleichzeitig die sexuelle Anziehung zu Amputierten beseitigen. Da das seiner Ansicht nach ziemlich unwahrscheinlich ist, sieht er eine Lösung nur darin, sein Bein tatsächlich amputieren zu lassen. Einen Unfall vorzutäuschen, kommt für ihn allerdings nicht infrage, das wäre zu gefährlich. «Und ich kann nicht einfach alleine nach Asien reisen, das fände mein Umfeld sehr seltsam. Wenn ich dann auch noch mit nur einem Bein zurückkäme, würde das meine Freundin und meine Familie völlig aus der Bahn werfen, die wären entsetzt. Und ich müsste alle anlügen, denn ich wäre ja glücklich und könnte das noch nicht mal zeigen.»

Im Moment lebt Korber also mit der Situation, wie sie ist. Aber er hat schon gehört, dass das mit zunehmendem Alter schwieriger wird. «Früher oder später werde ich eine solche Operation wohl machen lassen müssen.»

*Name der Redaktion bekannt

Autor: Ralf Kaminski