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05. August 2013

Es ist ihr Leben

Jaden und Jaz werden nie ein Grand-Slam-Turnier gewinnen. Sie spielen nicht so gern Tennis — was beruhigend ist. Und bemerkenswert. Denn ihre Eltern, Stefanie Graf und Andre Agassi, waren beide Weltspitze und errangen zusammen 30 Grand-Slam-Titel. Die Familie Agassi-Graf fällt mir ein, als unsere Kinder beim Ferienzmittag von der «Bäckerei Zürrer» erzählen. Sie haben am Vorabend mitgeholfen, fürs Freiluftkino im Quartier Stühle aufzustellen, Eintritte und Getränke zu verkaufen, und der uralte Schweizer Film hat sie beeindruckt: Ein verbohrter Vater, der zu wissen vermeint, was für seine Söhne richtig ist, will den einen zu universitären Ehren drängen und dem anderen die Bäckerei vermachen. Die Jungen aber träumen beide von etwas anderem.

Spielfiguren The Simpsons: Vater Bart spricht mit Lisa, die auf einem Schaukelpferd sitzt.
«Väter müssen keine Vorgaben machen.»

Mir gefielen Stefanie Graf, die einstige «Steffi», und Andre Agassi, als ich sie letzthin spätabends am Fernsehen reden hörte. Ihre Gelassenheit frappierte mich, ihre Demut, die offensichtliche Verliebtheit nach all den Jahren, die Übereinstimmung in wichtigen Fragen — und wie sie sich doch gegenseitig Raum liessen, einander zuhörten. Beide, man weiss es, litten einst unter strengen, überehrgeizigen Vätern. Umso imponierender, wie verständnis-, ja beinahe fassungslos sie auf die Frage der Interviewerin Steffi Buchli reagierten, ob es sie denn nicht wurme, dass die eigenen Kinder nicht vergiftet Tennis spielten. Stefanie Graf fand als Erste die Sprache: «Nein, warum auch?», fragte sie zurück. Die Eltern schauten sich an, und auf ihren Gesichtern war zu lesen, dass es für sie überhaupt keine Frage ist, ob die Kinder ihnen nacheifern müssten. Nein, bekräftigte Graf noch einmal, nein, es sei wunderbar, Sohn und Tochter zuzuschauen, wie sie ihren Träumen nachgingen und täten, was sie gern tun: Jaz tanzt fürs Leben gern, Jaden spielt Baseball. Aber nur zum Spass.

Väter müssen keine Vorgaben machen.

Anders Alain de Botton. Der Schweizer Philosoph, pardon: Starphilosoph, der schon zahlreiche Bücher zu zahlreichen Themen abgesondert hat — Beziehung, Arbeit, Religion —, weiss genau, was aus seinen Söhnen, sechs- und achtjährig, dereinst wird. «Einer soll Architekt werden, der andere Ingenieur», verkündete de Botton im «Sonntags-Blick». Und er weiss es noch genauer: «Ich möchte, dass einer für Rolls-Royce arbeitet und Maschinen entwirft, der andere Brücken baut. Es ist gut, wenn Väter ihren Kindern eine Richtung vorgeben.» Ich bin ja kein Philosoph, aber mit Verlaub: Eltern müssen keine Vorgaben machen, im Gegenteil. Das Wichtigste ist doch, dass die Kinder selber herausfinden, was sie gerne tun, was ihnen liegt, sie ausfüllt. Man kann sie darin nur begleiten, aber man soll ihnen keinesfalls befehlen, was sie in ihrem Leben gefälligst zu tun hätten. Denn es ist ihr Leben.

Wie es bei mir war? Kindergärtner wollte ich werden, dann Pfarrer — und verdiente mein erstes Geld schliesslich als Sportreporter, und es war das, was meine Eltern sich am allerwenigsten gedacht hätten. Gut so. Hans will bald Architekt, bald Hausmann werden, bald Modedesigner, Schriftsteller, Weltraumforscher, ich bin da gar nicht so auf dem neusten Stand. Und Anna Luna? Ich muss mal wieder nachfragen. Aber im Grunde gehts mich nichts an. Und dem Herrn de Botton … Ob ich ihm eine DVD schicken sollte: «Bäckerei Zürrer»?

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli