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18. März 2013

«Es gibt Menschen, die überall und nirgends zu Hause sind»

Autorin Sonja Bonin weiss, worüber sie schreibt. Als «mitreisende» Ehefrau hat sie vier Jahre in den USA gelebt und zog danach für 15 Monate nach China. Ein Kulturschock mit kleingeschnittenen Hasenohren auf dem Teller oder Rempelattacken in der U-Bahn.

Sonja Bonin in ihrem Home Office
Autorin Sonja Bonin in ihrem Home Office in Zürich.

Oh mein Gott, was habe ich nur getan!, dachte ich, als ich zum ersten Mal auf der Fussgängerbrücke im Shanghaier Stadtteil Xujiahui stand. Unter mir toste zwölfspurig der Verkehr, um mich waberte der Smog, und die heisse, schwüle Mailuft liess erahnen, wie unerträglich erst der Sommer hier werden würde. Hinter mir lagen vier ereignisreiche Jahre in Seattle (USA), vor mir nicht weniger spannende 15 Monate in der chinesischen Megametropole. Was für ein Abenteuer!

Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Schliesslich hatte ich schon in Amerika das typische Leben einer «mitreisenden Ehefrau» geführt. Wie viele «Expatriates» hatte ich keine Arbeitsgenehmigung für eine Festanstellung. Ich schlug mich als freie Korrespondentin für deutschsprachige Zeitungen und Buchübersetzerin durch und begann, auf Englisch zu publizieren. Anders als mein Mann hatte ich kein Arbeitsteam um mich herum, sondern musste mir mein soziales Netz erst mühsam selbst aufbauen ─ typisch für viele Frauen, die ihre Ehemänner ins Ausland begleiten.

Land und Leute kennenzulernen, eine Fremdsprache zu perfektionieren, eine fremde Kultur zu geniessen ─ all das, was einen Auslandsaufenthalt so bereichernd macht, muss man sich aktiv erarbeiten. Die Nebeneffekte können leicht einen Kulturschock auslösen, besonders in China: Wenn die Akademikerin plötzlich zur Analphabetin wird. Wenn die höfliche Schweizerin lernen muss, in der U-Bahn kräftig mitzurempeln. Wenn beim Essen schon mal ein Frosch vor den Augen zerhackt oder gestocktes Blut und klein geschnittene Hasenohren serviert werden. Wenn jeder noch so kleine Einkauf ausgeklügeltes Feilschen erfordert. Wenn das Klima schlaucht, das Verhalten der Einheimischen irritiert und alles einfach furchtbar anstrengend ist.

Dann ist es schön, ein paar andere Fremdgesichter zu treffen, um gemeinsam zu klagen und gemeinsam zu schwärmen. Und das ist die zweite Bereicherung jedes Auslandsaufenthalts: Man lernt Menschen aus aller Herren Länder kennen, mit denen man zumindest eines teilt, für eine Weile die Heimat gegen das faszinierend Fremde eingetauscht zu haben.

Gleichgesinnte gibt es auch in Zürich. Menschen, die überall und nirgends zu Hause sind. Schweizer Mitbürger, die mit offenen Augen durch die Welt laufen. Und Einwanderer, die sich hier in der Schweiz eine kreative Existenz aufgebaut haben. Wie Assem, Lihi, Mahima und Selina, die Protagonistinnen meines Artikels.

Autor: Sonja Bonin

Fotograf: Pascal Mora