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13. August 2012

«Es gibt kaum noch unbewohnte Flächen»

Die Schweizer Bevölkerung wächst stetig, demnächst wird es acht Millionen Einwohner geben. Viele reagieren darauf mit Gefühlen der Beengung. Durchaus berechtigt, sagt der Psychologe Andrea Lanfranchi. Das Engegefühl diene als Frühwarnsystem, um pragmatische Lösungen zu entwickeln.

Die Schweiz zählt bald acht Millionen Einwohner.
Die Schweiz zählt bald acht Millionen Einwohner. (Bild: Keystone)
Andrea Lanfranchi (55) ist Psychologe, Migrationsexperte und Professor an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. (Bild: zVg.)
Andrea Lanfranchi (55) ist Psychologe, Migrationsexperte und Professor an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. (Bild: zVg.)

Andrea Lanfranchi (55) ist Psychologe, Migrationsexperte und Professor an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich.

Andrea Lanfranchi, mit bald acht Millionen Menschen wird es enger in der Schweiz, viele finden, zu eng. Dabei gibt es einige Städte auf der Welt, in denen doppelt bis dreimal so viele Menschen leben. Sind Schweizer empfindlicher bezüglich Enge als andere?

Tatsächlich leben in London etwa gleich viele Menschen auf einer Fläche, die kleiner ist als der Kanton Zürich. Dennoch denke ich nicht, dass die Schweizer empfindlicher sind, sie sind weitsichtiger. Sie planen die Zukunft mit wirksamen Steuerungsinstrumenten, um den sozialen Frieden zu wahren. Das Gefühl der Enge dient als psychologisches Frühwarnsystem, sich ans Werk zu machen, vernünftige politische Lösungen zu finden für Probleme, die mit dem Bevölkerungswachstum einhergehen.

Welche psychologischen Effekte entstehen, wenn man sich eingeengt fühlt? Besteht ein Risiko für höhere Aggressivität?

So weit würde ich nicht gehen, aber es entsteht Stress bei einzelnen Leuten.

Daran kann man sich aber offenbar auch gewöhnen, wenn man sich die Enge in Metropolen wie Tokio oder New York ansieht.

Schon, aber wer dorthin geht, tut dies bewusst, man wird Teil eines Kollektivs und hält auch einiges aus. Unsicherheitsfaktoren wie die beschleunigte gesellschaftliche Entwicklung oder Krisen verstärken jedoch auch dort den Stress.

Sind die Schweizer nicht auch selbst schuld? Sie beanspruchen immer mehr Platz.

Ja. Das hat auch mit dem Wohlstand zu tun und führt zu einer starken Zersiedelung. Dadurch gibt es kaum noch unbewohnte Flächen. Das wiederum verstärkt das Gefühl der Beengung, gemeinsam mit anderen, subjektiven Eindrücken: überfüllte Züge oder Trams, die Schwierigkeit, bezahlbaren Wohnraum zu finden, Staus. Ich selbst bin Pendler von Meilen nach Zürich, vor zehn Jahren fand ich immer einen Platz im Zug, heute stehen wir alle und hören Hochdeutsch und Englisch um uns herum.

Also ist die Zuwanderung das Hauptproblem. Wo sehen Sie die Obergrenze für die Schweiz?

Das kann man nicht mit Zahlen benennen, es ist eine Frage der Akzeptanz seitens der Bevölkerung. Und die hängt davon ab, wie wir die aus der Zuwanderung entstehenden Probleme angehen.

Sind das nicht vor allem Luxusprobleme? Die Schweiz verdankt der Migration einen grossen Teil ihres Wohlstands. Wäre es nicht viel schlimmer, die Einwohnerzahl würde zurückgehen, weil niemand hier leben will?

Das schon. Und die Schweiz kann auch stolz sein, wie gut sie die Einwanderung bisher bewältigt hat. Dennoch würde ich nicht von Luxusproblemen sprechen, wir haben eine der höchsten Ausländerquoten weltweit. Die Zuwanderung hat viele positive Folgen: Sie verjüngt die Bevölkerung, und sie rettet uns vor einem Kollaps der Sozialsysteme. Ausländer bezahlen 27 Prozent aller AHV- und IV-Beiträge, beziehen aber nur 18 Prozent. Dennoch dürfen wir die negativen Nebeneffekte nicht verniedlichen.

Schon einmal hiess es: «Das Boot ist voll.» Besteht ein Risiko, dass die Bevölkerung dieses Gefühl wieder entwickeln könnte und sich politisch entsprechend verhält?

Ja. Ich gehe davon aus, dass wir die Zuwanderung einschränken werden — was allerdings wieder zu anderen Problemen führt, etwa einer verstärkten Überalterung. Entscheidend wird sein, eine vernünftige Balance zu finden, die dem Wohlstand nicht zu sehr schadet und den sozialen Frieden bewahrt. Aber darin war die Schweiz schon immer gut.