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17. September 2012

«Es gibt durchaus Schund, den ich lese»

Stefan Zweifel ist neuer Leiter des Literaturclubs im Schweizer Fernsehen und findet es im Interview völlig in Ordnung, Bücher nicht ganz zu verstehen und nicht fertigzulesen.

Neuer Leiter des Literaturclubs: Stefan Zweifel
Stefan Zweifel 
ist Philosoph, Übersetzer und profunder Kenner der Werke von 
Marquis de Sade.

Stefan Zweifel, viele Zuschauer zappen reflexartig weiter, wenn sie das Wort Literatur hören. Warum?

Ihnen wurde der Zugang zur Literatur verbaut, weil man ihnen eintrichterte, man müsse alles verstehen, was in einem Buch geschrieben steht. Das regt mich jedes Mal auf, weil es einfach nicht so ist! Wenn ich Lyrik lese oder Nietzsche oder Hegel, verstehe ich ja auch nicht alles. Das muss ich auch nicht! Es ist doch toll, sich etwas Neuem anzunähern. Es mag zunächst verwirren, liefert aber auch Ideen, die mich zum Nachdenken anregen. Ich lese oft Bücher auf Italienisch, obwohl ich die Sprache nicht besonders gut kann. Aber es spielt doch überhaupt keine Rolle, wenn ich ein Wort nicht verstehe. Das ist noch lange kein Grund, unter dem bösen Blick des Lehrers zusammenzubrechen. Ich kann mir unter dem Wort etwas Eigenes vorstellen, und wenn es drei-, viermal vorkommt, verstehe ich irgendwann schon, was damit gemeint ist.

Haben Sie in der Schule schlechte Erfahrungen gemacht?

Dort wird man ja geradezu darauf abgerichtet, alles zwingend richtig zu machen. Das nervt mich total. Man muss jedes Buch zu Ende lesen. Man muss erzählen können, wie die Geschichte funktioniert. Man muss wissen, ob die Augen von Madame Bovary braun, blau oder schwarz sind. Literatur wird als Wissen vermittelt. Den Grund dafür verstehe ich nicht. Lesen sollte man, um sich frei zu fühlen, und nicht, um sich einem Zwang zu unterwerfen.

Deutsch war also nicht Ihr Lieblingsfach?

Ich hatte einen sehr schlimmen Deutschlehrer, unter dem ich litt wie unter keinem anderen Lehrer. Er war schrecklich, ruinierte jede Stimmung im Unterricht, weil er, während wir Thomas Mann lasen, ständig Bildungsfragen stellte und so jegliche konstruktive Diskussion abwürgte. Ich bekam einen Zweier im Maturaaufsatz. Und habe bis heute ein Thomas-Mann-Trauma.

Trotzdem haben Sie heute Freude am Lesen?

Ich begann erst mit zehn Jahren, überhaupt zu lesen. Davor war ich Analphabet. Ich ging auf eine antiautoritäre Schule; wir mussten zwar etwas lernen, aber es war egal, was. Also kümmerte ich mich in den ersten zwei Jahren nur um Mathematik und Chemie, denn das waren die einzigen Bereiche, die mich interessierten. Bis ich also in die normale Primarschule kam, konnte ich zwar rechnen, aber nicht lesen. Dann schenkte mir meine Gotte, eine Buchhändlerin, ein Abo für das Micky-Maus-Heft, und so fing ich mit Lesen an und lernte es relativ schnell. Später las ich täglich ein Buch.

Welche Bücher sollte jeder gelesen haben?

Die Bibel, zumindest den Anfang des Alten Testaments, die Genesis. Und «Die Odyssee» von Homer. Vor allem die Bücher 9 bis 14, in denen er die Irrfahrt beschreibt.

«Mit ‹Madame Bovary› langweilte ich mich zunächst tödlich.»

Im griechischen Original?

Nein, in der Prosaübersetzung von Wolfgang Schadewaldt, in keiner anderen. Dort klingt das Deutsch von der Satzkonstruktion her schon fast griechisch. Das ist wunderbar. Dann sollte jeder mal das Werk «Madame Bovary» lesen, das demnächst neu aufgelegt wird. Als ich das Buch das erste Mal las, hielt ich es zunächst für furchtbar schlecht. Ich langweilte mich tödlich. Am Schluss der Lektüre fand ich es genial. Ich weiss aber nicht mehr, warum. Darum bin ich jetzt gerade dabei, es nochmals zu lesen.

Sollte man Bücher immer fertiglesen?

Nein, sicher nicht. «Fifty Shades of Grey» habe ich nicht fertiggelesen, weil es unglaublich schlecht geschrieben ist. Andere lese ich nicht fertig, weil sie einfach zu schön sind und ich das Vergnügen möglichst lange hinauszögern will.

Wenn man so viel liest: Weiss man dann überhaupt noch, was in den Büchern steht?

Nein. Ich jedenfalls nicht. Seltsamerweise fällt es mir meist wieder ein, sobald ich das Buch sehe. Aber nicht irgendeine Ausgabe, sondern das Exemplar, das ich gelesen habe. Ich erkenne die Spuren: eine eingeknickte Ecke oder ein Fleck auf einer bestimmten Seite. Das ist der Hauptgrund, warum ich es nicht fertigbringe, auf dem iPad zu lesen. Auf Papier zu lesen hat eine ganz andere Qualität. Ein Buch ist auch ein handwerkliches Kunstwerk, in dem die Länge der Zeilen und die Anzahl Wörter auf einer Zeile mit dem Inhalt abgestimmt sind. Das ist ein ganz anderer Lesegenuss als ein zufällig generierter elektronischer Satzspiegel.

Sie brauchen den sinnlichen Bezug?

Absolut. Ich mag das dreidimensionale Objekt in den Händen, das nach etwas riecht. Zum Beispiel nach Zigarren, weil ich es in einem Antiquariat gekauft habe. Das gehört dazu. Ein Buch trägt Spuren, auch die meines eigenen Lebens. Es enthält meine Notizen. Auch wenn ich Jahre später nicht mehr verstehe, was ich damit meinte. Oder warum ich eine Stelle angestrichen habe. Oft finde ich Zettel zwischen den Seiten – ein U-Bahn-Ticket der Pariser Metro – und erinnere mich, wo und wann ich dieses Buch, dieses eine Exemplar gelesen habe. Ich kaufe die meisten Bücher, auch wenn ich alle gratis bestellen könnte. Es ist doch witzig, später die Quittung darin wiederzufinden und mich zu erinnern, dass ich im Juli 1997 in Italien war. Sofort kommen mir Einzelheiten in den Sinn: wie das Essen roch, wie der Lemon Soda schmeckte, den ich dort entdeckt hatte. Ein Buch ist kein abstrakter Raum. Es ist Teil des Lebens.

Sie werfen ein Buch also nicht weg, wenn Sie es ausgelesen haben?

Eines, das ich bis zum Ende gelesen habe, sicher nicht. Hie und da entsorge ich welche aus Platzmangel. Oder setze sie aus, lasse sie also auf einem Bänklein liegen und hoffe, dass jemand sie mitnimmt. Bücheraussetzen ist super.

Lesen Sie Bücher anders, wenn Sie darüber eine Kritik verfassen müssen?

Natürlich. Es ist eine ganz andere Art des Lesens. Beruflich komme ich nie in dieses entspannte, ziellose Genusslesen hinein, wie wenn ich privat lese. In den Ferien benötige ich ungefähr zwei Minuten pro Seite und träume dabei ein wenig vor mich hin. Bücher, die ich in der Sendung vorstelle, lese ich zweimal. Zuerst professionell und schnell. Dazu frage mich: Ist es gut, ist es geeignet? Wenn ja, lese ich es eine Woche vor der Sendung ein zweites Mal. Diesmal mit der ganzen entspannten Träumerei, bei der viele Gefühle ins Spiel kommen, über die wir dann in der Sendung diskutieren.

Welche Voraussetzungen muss ein Buch haben, um vorgestellt zu werden?

Jemand in der Runde muss es leidenschaftlich lieben. Dann muss es neu sein oder ein neu aufgelegter Klassiker in einer neuen Übersetzung. Noch besser ist es, wenn darin ein Thema abgehandelt wird, das sich für eine ausgedehnte Diskussion eignet, die über das Buch hinausgeht. Oder wenn es stilistisch einen originellen Zugang hat. Skeptisch bin ich gegenüber Büchern, die zwar eine originelle Geschichte enthalten, aber in einem mittelmässigen Ton erzählt werden. Die liest man gern, aber viel darüber diskutieren kann man nicht.

«Ich begann erst mit zehn Jahren zu lesen. Davor war ich Analphabet.»

Was wird anders mit Ihnen als Leiter?

Mir schwebt eine Runde aus Gleichberechtigten vor, in der ich also nicht im eigentlichen Sinn Moderator bin, sondern eine von vier Personen, die über Bücher sprechen. Ob ich das wirklich umsetzen kann, weiss ich noch nicht.

Ihre Mitstreiter Elke Heidenreich und Rüdiger Safranski hatten eigene Literatursendungen im deutschen Fernsehen. Fühlen Sie sich mit ihnen auf Augenhöhe?

Ich muss nicht auf Augenhöhe sein. Mir ist es egal, ob sie mehr über Literatur wissen als ich oder mehr zu sagen haben. Es soll eine lockere Runde sein, in der niemand dominiert.

Warum hat man nicht frischen, jungen Gesichtern eine Chance gegeben?

Wir hatten Glück, dass Safranski und Heidenreich zugesagt haben und Literaturprofessorin Hildegard Keller weiter dabeibleibt. Wir mussten auf mehrere Faktoren Rücksicht nehmen, aber ich habe erst zugesagt, als die Runde stand. Dass ich nun der Jüngste in der Runde bin, ist in der Tat etwas komisch. Anderseits habe ich Freunde, die 80 sind und viel jünger scheinen als ich.

Liessen sich nicht vier Schweizer finden?

Ich finde diese nationale Einteilung in der Literatur relativ fragwürdig.

Nutzen Sie das neue Literaturinstitut in Biel als Quelle für neue Schweizer Autorentalente?

Ich war einer der Ersten, die einen jungen Autor aus dieser Schule, Arno Camenisch, im Literaturclub erwähnten. Ich möchte aber verhindern, dass eine direkte Pipeline zu einem Institut entsteht – oder zu einem Verlag, einem Agenten, einem Autor. Genau in diesen Windkanal möchte ich nicht geraten. Darum ist es vermutlich ein Vorteil, dass ich in erster Linie Übersetzer und Kurator bin und nicht Autor. Dadurch bin ich nicht so tief in der literarischen Szene verankert.

Jeder Verlag will seine Bücher im Fernsehen haben. Läuft Ihr Telefon schon heiss?

Gar nicht. Vielleicht haben sie einfach meine Telefonnummer noch nicht.

Traut man sich, einen Schriftsteller hart zu kritisieren, wenn man ihn persönlich kennt?

Natürlich. Das muss ich auch privat oft machen. Christian Uetz gab mir sein Skript und wollte meine ehrliche Meinung. Im Literaturclub ist es aber so, dass man ein Buch einfach nicht vorschlägt, wenn man es schlecht findet. Davon hat der Zuschauer ja nichts.

«Wenn ich den Namen Paulo Coelho höre, zieht es mir die Socken runter.»

Was ist mit Autoren wie Paulo Coelho, die von Kritikern durchs Band als Schund bezeichnet werden, sich aber grossartig verkaufen?

Wenn ich den Namen Paulo Coelho höre, zieht es mir die Socken runter. Die Geschmäcker sind aber sehr individuell. Es gibt durchaus Schund, den ich auch lese.

Was für Schund lesen Sie?

Comics. Und zwar explizit Schundcomics. Um auf Coelho zurückzukommen: Ich empfinde das weniger als Schund als vielmehr als verlogene Literatur. Sie suggeriert Tiefsinn, wo nur Plattitüden stehen. Ähnlich ist es mit «Monsieur Ibrahim» von Eric-Emmanuel Schmitt. Dieses Buch ist auch an der Grenze. Es will im Leser einen genau kalkulierten Wohlfühleffekt auslösen. Der Autor manipuliert mich. Wenn ich das merke, sträube ich mich. Schund? Nun, Schund kann sehr unterhaltsam sein. Man wird mich zwar hängen, wenn ich das sage, aber das Lustige an «Fritz Kochers Aufsätzen» von Robert Walser ist ja gerade, dass es wirklich grottenschlechte Aufsätze sind. Genau so geschrieben, wie man Aufsätze eben nicht schreiben soll. Das ist total unterhaltsam. Dummerweise habe ich sie der Tochter meiner Freundin zum Lesen gegeben. Vor der Gymiprüfung. Sie hat nicht bestanden.

Autor: Nathalie Bursać, Ruth Brüderlin

Fotograf: Tanja Demarmels