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14. Oktober 2013

«Es geht um die Kontrolle der Beziehungsgestaltung»

Sexualtherapeutin Verena Schönbucher vom Universitätsspital Zürich (Sexualmedizinische Sprechstunde) spricht im Interview mit Migrosmagazin.ch über Beziehungen mit Puppen oder Objekten wie dem Eiffelturm .

Dr. Verena Schönbucher von der sexualmedizinischen Sprechstunde des Unispitals Zürich.
Dr. Verena Schönbucher von der sexualmedizinischen Sprechstunde des Unispitals Zürich.

In berühmt gewordenen Fällen führten Menschen Beziehungen mit der Berliner Mauer, einer Jukebox oder der Bodenseefähre von Friedrichshafen nach Romanshorn. Wie kommt es dazu?

Aus wissenschaftlicher Sicht wurde das Phänomen bis jetzt nicht erforscht. Auch in der Sexualtherapie kommt die Objektsexualität kaum zur Sprache. Daraus lässt sich wahrscheinlich schliessen, dass erstens nur wenige Menschen objektsexuell empfinden und zweitens wahrscheinlich kaum Leidensdruck besteht. Denn ansonsten würden objektsexuell empfindende Menschen sexualtherapeutische Praxen aufsuchen. Weil kaum professionelles Wissen über dieses Phänomen vorhanden ist, kann ich als Therapeutin nur über mögliche Ursachen spekulieren. Ich könnte mir vorstellen, dass man sich aufgrund von sozialen Ängsten oder negativen Beziehungserfahrungen in der Kindheit mit einem Objekt wohler fühlen könnte als mit einem Menschen.

Aber nicht jeder, der negative Beziehungserfahrungen macht, fühlt sich plötzlich zu Objekten hingezogen ...

Das stimmt, aber die Gesellschaft ist in der Tendenz asozialer geworden, Beziehungen haben generell an Bedeutung verloren. Im Vordergrund steht der Konsum. So lernen Menschen, dass sie der Kauf von Gegenständen glücklich macht.

Man hört den Satz: «Oh, wie liebe ich meine neuen Turnschuhe!» Aber ab wann wird tatsächlich von Objektophilie oder Objektsexualität gesprochen, und wann ist es einfach Begeisterung oder Schwärmerei?

Wie gesagt wurden die Begriffe wissenschaftlich nie definiert. Bei der Objektophilie sind Menschen ausschliesslich auf das Objekt fokussiert und verlieben sich in dieses. Im Gegensatz dazu freut man sich über einen neu gekauften Gegenstand wie Turnschuhe, entwickelt aber deshalb nicht gleich sexuelle Fantasien.

Wie oft kommt das in der Schweiz und in Europa vor? Gibt es mehr Männer oder Frauen, die so leben und lieben?

Es gibt keine Zahlen. Aber sie bewegen sich bestimmt in einem tiefen Promillebereich, sonst wäre die Objektsexualität ein grösseres Thema in der Sexualwissenschaft. Bei der Geschlechterfrage sehe ich jedoch keinen Grund, weshalb entweder mehr Männer oder Frauen objektsexuell empfinden sollten. Insgesamt ist die heutige Gesellschaft viel offener gegenüber verschiedenen Sexualverhaltensweisen als früher. Deshalb kommen heute asoziale oder asexuelle Formen der Partnerschaft häufiger vor. Menschen müssen sich nicht mehr zwingend in eine Partnerschaft begeben und können sich dafür auch ein Objekt suchen oder gar keine Sexualität mehr leben...

... ist Objektsexualität in diesem Fall eine Art Asexualität?

Nein, das würde ich nicht so formulieren. Wahrscheinlich gibt es Unterschiede: Manche Menschen entwickeln sexuelle Fantasien, andere leben mit ihrem Objekt in einer platonischen Beziehung.

Wie leben Menschen, die ein Objekt lieben, ihre Sexualität?

Auch hierzu gibt es keine gesicherten Aussagen. Objekte lassen sich berühren oder in die Masturbation einbauen. Aber weil das Objekt die Sexualität nicht mitgestalten kann oder die Sexualität nicht so gegenseitig ist wie mit einem Menschen, braucht es dazu sicherlich viel Fantasie und Vorstellungskraft.

Wo ist die Grenze zwischen Objektsexualität und einem Fetisch?

Vom Fetischismus spricht man nur, wenn Menschen auf einen Gegenstand fixiert sind und ohne diesen keine sexuelle Erregung spüren können. Der Fetisch wird im Unterschied zur Objektophilie lediglich zur Luststeigerung eingesetzt, zum Beispiel auch innerhalb einer Partnerschaft. Die Menschen gehen keine Liebesbeziehung mit einem Fetisch ein.

Ist das therapiebedürftig, und wenn ja, überhaupt therapierbar?

Ich sage nie zu einem Menschen, dass er therapiebedürftig sei, weil zum Beispiel sein Sexualverhalten nicht der Norm entspricht. Menschen kommen zu mir in die Therapie, weil sie Leidensdruck verspüren. Darüber rede ich mit ihnen. In der Sexualtherapie besteht nicht das Ziel, etwas wegzutherapieren, das hat in der Vergangenheit zur Stigmatisierung von Menschen geführt, als zum Beispiel die Homosexualität noch als therapiebedürftig galt.

Welche Art von Leidensdruck kann Objektsexualität denn auslösen?

Zum Beispiel, dass Probleme in der Partnerschaft entstehen, wenn nur eine Partei objektsexuell ist. Oder mit dem eingangs erwähnten Fähren-Beispiel: In solchen Fällen wird die Beziehungspflege sehr aufwändig, wodurch sich Personen sozial isolieren und Probleme im Beruf entstehen können.

Ist die Liebe zu einem Objekt einfacher als zu einem Menschen, weil man keine Rücksicht darauf nehmen muss?

Ich würde nicht von einfacher oder schwieriger sprechen. Ein Objekt ist kontrollierbarer, und die Beziehungsgestaltung lässt sich wesentlich besser bestimmen. Darüber hinaus kommt niemals eine negative Reaktion zurück. Das kann die Angst nehmen oder Macht verleihen.

Wie funktioniert eine Beziehung ohne Austausch und Kommunikation? Was geben solche Beziehungen einem Menschen?

Die Menschen erleben sicherlich eine Art Austausch. Vielleicht sprechen sie mit den Objekten und stellen sich die Antwort in der Fantasie vor. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, und nach Beziehungen strebt, finden auch objektsexuell empfindende Menschen einen Weg, Beziehung und Austausch leben zu könnnen.

Welche Unterschiede sehen Sie zu Menschen, die mit einer lebensgrossen Liebespuppe in einer Beziehung sind?

Die Objektwahl ist sicherlich nicht zufällig. Eine Puppe ist menschlicher und lässt sich besser kontrollieren als ein grosses und schweres Objekt. Zudem ermöglicht sie eine intimere, weniger exhibitionistische Beziehung, weil sie zu Hause und nicht in der Öffentlichkeit stattfindet.

Ist es erzwungene Liebe, weil sich jemand seinen Partner nach den persönlichen Wünschen «zusammenstellt»?

Nein, Liebe kann nicht erzwungen werden. Auch bei Objekten nicht. Ich glaube eher, dass es um die Kontrolle in der Beziehungsgestaltung geht. Der Unterschied zu einer herkömmlichen Beziehung ist einzig, dass zwischen Objekt und Mensch mit der Zeit keine gegenseitige Anpassung geschieht.

Kann ein Mensch in seinem Freundeskreis offen zugeben, einen Gegenstand zu lieben oder wird man trotz aller Offenheit und Toleranz immer noch schräg angeschaut?

Das wird vom Freundeskreis abhängen. In der Gesellschaft wird man sicherlich als schräg angeschaut. Trotz zunehmender Offenheit schubladisiert die Gesellschaft sexuelle Verhaltensweisen schnell einmal.

www.psychiatrie.usz.ch
www.psychoanalyse-stiftung.ch

Autor: Reto Vogt