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07. Mai 2012

«Es fehlt der Platz zum Überholen»

Töff- und Rollerfahrer fühlen sich im Strassenverkehr diskriminiert und haben deshalb eine Initiative lanciert. Verkehrsplaner Willi Hüsler, selbst Motorradfahrer, beurteilt deren Forderungen allerdings skeptisch.

Töff- und Rollerfahrer fühlen sich im Strassenverkehr diskriminiert und haben deshalb eine Initiative lanciert. (Bild: Bildmaschine/Rüdiger Rebmann)
Willi Hüsler (66) ist Töfffahrer, Verkehrsplaner und Inhaber des Planungs- und Beratungsbüros IBV Hüsler AG in Zürich. (Bild: Tobias Kuberski/Bundesstiftung Baukultur)
Willi Hüsler (66) ist Töfffahrer, Verkehrsplaner und Inhaber des Planungs- und Beratungsbüros IBV Hüsler AG in Zürich. (Bild: Tobias Kuberski/Bundesstiftung Baukultur)

Willi Hüsler (66) ist Töfffahrer, Verkehrsplaner und Inhaber des Planungs- und Beratungsbüros IBV Hüsler AG in Zürich.

Willi Hüsler, Sie sind selbst Töfffahrer. Würden Sie nicht auch gerne an der stehenden Kolonne vorbeifahren können, wie es die Motorrad- und Roller-Initiative fordert, um dann direkt vor der Ampel zu stehen, wenn es grün wird?

Eigentlich nicht. In der Stadt gewinnt man damit kaum Zeit. Und auf dem Land besteht für mich das Schöne am Töfffahren aus dem Geniessen der Landschaft und dem Fahrgefühl. Es geht mir nicht darum, möglichst schnell zu sein.

Was halten Sie als Verkehrsplaner von der Idee, dass das möglich werden soll?

Es besteht ein gewisses Sicherheitsrisiko. Und meistens fehlt auch der Platz zum Überholen. Die Ungeduldigen, die das heute schon machen, beanspruchen dabei fast immer ein Stück der Gegenfahrbahn. Und die Polizei drückt oft ein Auge zu, viele Polizisten sind ja auch selbst Töfffans. Es offiziell zu erlauben, wäre aus meiner Sicht heikel.

Die Initiative will auch Töffs auf der Busspur erlauben.

Das dürfte mit dem Prinzip kollidieren, dass der öffentliche Verkehr (ÖV) immer Vorrang haben soll, weil er gerade in der Stadt am effizientesten ist. Die Ampelanlagen sind entsprechend eingestellt. Wenn da nun plötzlich Motorräder an der Kreuzung stehen, die noch dazu in eine andere Richtung fahren wollen als der Bus, müsste man den Verkehrsfluss und die Signalisation komplett umbauen, was in der Regel zu einer Kapazitätsreduktion führt.

Ein Pilotversuch in der Stadt Baden AG führte aber zu einem positiven Fazit des Departements für Bau, Verkehr und Umwelt.

Es gibt sicher Situationen, wo sich die Benützung der Busspur ohne grossen Aufwand machen lässt und diese Probleme nicht auftreten. Aber ich bin skeptisch, sie generell einzuführen. Problematisch ist, wenn man es am einen Ort darf und am anderen nicht. Ein solcher Flickenteppich schafft nur Verwirrung.

Das Prinzip der «grünen Welle» bei den Ampeln gibt es ja schon an einigen Orten. Warum kann man es nicht breiter realisieren, wie das die Initiative fordert?

In der Praxis ist man eher dabei, diese «grünen Wellen» zu relativieren, weil sie die Leistungsfähigkeit des Strassennetzes reduzieren. Einfach gesagt: Alle anderen auf dieser Achse haben dann «rote Welle», insbesondere der lokale Verkehr, ÖV, Velos und Fussgänger. Effizienter ist es, drei oder vier benachbarte Verkehrsknoten jeweils als Netz aufeinander abzustimmen.

Die Initianten argumentieren, der Bund sollte das Motorrad fördern, denn es sei effizienter und platzsparender als das Auto.

Das ist zwar so, besonders in den Städten. Dem steht allerdings der höhere Lärmpegel gegenüber. Als Verkehrsplaner muss man ein Motorrad vom Lärm her behandeln wie einen Lastwagen. Die Hersteller sollten leisere Töffs bauen, technisch wäre das kein Problem.

Halten Sie irgendeine der Forderungen der Initiative für nützlich und praktikabel?

Es ist schon wichtig, dass man sich fragt, wie man die Töfffahrer im Verkehr sinnvoll behandelt. Mir scheint aber, die Initiative ist nicht der richtige Weg dafür.

Was stört Sie am meisten, wenn Sie selbst mit dem Motorrad unterwegs sind?

Dass Autofahrer Töfffahrer oft nicht richtig wahrnehmen. Sie verhalten sich ihnen gegenüber riskanter. Sie glauben, ein Töff sei flexibler als ein Auto, aber das ist er nicht. Wer auf einem Töff in der Kurve bremst, macht das nur einmal.