Archiv
23. Januar 2012

«Es entsteht ein verzerrtes Bild»

5 Fragen an  Frank Egle (40), Medienpädagoge und Projektentwickler unter anderem bei MedienFalle Basel.

Frank Egle
Frank Egle (40) ist Medienpädagoge und Projektentwickler, unter anderem bei MedienFalle Basel. (Bild: Attila Gaspar)

1. Frank Egle, warum glauben manche Fernsehzuschauer, in Sendungen wie «Mitten im Leben» werde tatsächlich das echte Leben abgebildet?

Bei diesen Formaten handelt es sich um sogenannte Pseudodokumentationen oder Scripted-Reality-Shows. Die Macher der Sendungen nutzen typische Stilmittel, die man sonst nur vom Dokumentarfilm kennt: Es wird mit der Handkamera gefilmt, die Dialoge sind holprig, und es kommen Laienschauspieler zum Einsatz: produzierte Unterhaltung, die als Dokumentation verkleidet ist. Gerade jüngere Zuschauer mit tiefem Bildungsniveau haben Probleme, das Ganze zu durchschauen.

2. Warum werden solche Sendungen überhaupt so häufig produziert?

Ganz einfach weil sie geschaut werden. Privatsender arbeiten gewinnorientiert. Die Folgen lassen sich mit wenig Aufwand herstellen und sind später leicht konsumierbar. Ob die Leute diese Sendungen für bare Münze nehmen, ist den Programmverantwortlichen egal.

3. Welche Konsequenzen hat es, wenn Zuschauer nicht merken, dass das Gezeigte gestellt ist?

Wer das Ganze für bare Münze nimmt, kommt vielleicht zum Schluss, dass er trotz allem doch ganz gut dasteht. Schliesslich geht es der Familie im Fernsehen noch viel schlechter. Anderseits entsteht ein verzerrtes Bild: Die Situationen, die gezeigt werden, sind in der Regel stark überzeichnet. Es ist eben nicht normal, wenn die Filmtochter drogensüchtig, gewaltbereit und ausserdem noch ungewollt schwanger ist. Glücklicherweise gibt es im Fernsehen auch eine Vielzahl hochwertiger Sendungen.

4. Soll man also das Nachmittagsprogramm konsequent meiden?

Weiss man, was dahintersteckt, kann das Ganze recht unterhaltsam sein. Man sollte aber Kindern und Jugendlichen erklären, wie die Sendungen entstehen.

5. Kann man diesen Anhaltspunkt nutzen, um mit seinen Kindern allgemein über die Qualität von TV-Sendungen zu sprechen?

Man könnte Vergleiche anstellen: Wie unterscheidet sich «Mitten im Leben» von einer Dokumentation bei Arte? Welches Format hat welchen Informationsgehalt? Das sind Fragen, sich auch Erwachsene stellen können und die nicht nur mit Kindern und Jugendlichen besprochen werden sollten.

NZZ-Riss
Gerade Kinder und Jugendliche nehmen die Inhalte von sogenannten Scripted-Reality-Shows für bare Münze, so das Ergebnis einer Studie der Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen IZI ("NZZ", 27.12.2011).

Der Bericht: Hier lesen Sie den ganzen NZZ-Artikel zum Thema.

Autor: Bettina Leinenbach