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14. November 2011

«Es braucht wenig, um gesünder zu leben»

Soziologin Ilona Kickbusch war lange für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) tätig. Heute berät sie Regierungen auf der ganzen Welt. Die 63-Jährige über soziale Ungleichheiten im Gesundheitsbereich, Essensregeln in der Schule und die wichtigsten Ernährungsgrundsätze.

Ilona Kickbusch
Ilona Kickbusch ist überzeugt, dass es wenig braucht, um gesünder zu leben: nicht rauchen, mässiger Alkoholkonsum, Bewegung und bewusstes Essen.

Ilona Kickbusch, Sie haben lange in den USA gelebt und wohnen heute in Bern. Wo lebt man gesünder?

Der Zugang zu einem gesünderen Leben ist in der Schweiz einfacher, allein schon deshalb, weil wir hier weniger aufs Auto angewiesen sind als in den weiträumigen USA. Dort hat es wenig öffentliche Verkehrsmittel, Radwege und Fussgängerstreifen. In der Schweiz bewegen wir uns mehr und kommen auch einfacher zu gesundem Essen als in Amerika. Und wir haben weniger extreme soziale Ungleichheiten.

Unter einem gesunden Leben versteht mancher all das, was Lust und Spass verdirbt.

Vor 15 oder 20 Jahren war das vielleicht noch so. Inzwischen erleben viele Menschen einen Gewinn an persönlicher Lebensqualität dank eines gesunden Lebensstils. Sie merken, dass Gesundheit und Bewegung Spass machen, sie unternehmen zusammen eine Bergwanderung oder geniessen ein feines, gesundes Essen.

Was ist eigentlich Gesundheit? Gibt es eine Definition dafür?

Im Gegensatz zur Krankheit nicht nur medizinisch. Es sind auch soziale und psychische Komponenten zu berücksichtigen. Deshalb hat Gesundheit immer eine gesellschaftliche Bedeutung, aber auch eine sehr private. Wir unterscheiden drei Dimensionen der persönlichen Gesundheit: Die eigene Wahrnehmung, das gesellschaftlich-soziale Umfeld und die medizinischen Befunde. Deshalb ist Gesundheit ein Befinden, das sehr persönlich erfahren wird.

Und wie äusserst sich das? Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Sie werden Menschen mit Diabetes finden, die sich nicht dauernd als krank definieren, während andere ihre Krankheit in den Mittelpunkt ihres Daseins stellen. Untersuchungen von Menschen, die über 100 Jahre alt geworden sind, zeigen, dass diese häufig sehr gut sozial vernetzt sind und eine eher optimistische Lebenseinstellung haben.

Gesundheitliche Ungleichheiten nehmen zu.

Nachdem wir es geschafft haben, unser Durchschnittsalter zu erhöhen, geht es nun offensichtlich darum, besser und gesünder zu leben.

Ja, denn wir wollen mit viel Lebensqualität alt werden. Das ist für viele Menschen auch einfacher geworden. Einerseits durch das Lebensumfeld, anderseits durch ein höheres Gesundheitsbewusstsein. Gesundheit lebt sich ja immer nur praktisch im Alltag, in unserer Lebens- und Arbeitswelt. Das Zusammenspiel zwischen dem, was ich selber mache, und dem, was mir meine Umwelt ermöglicht, ist geprägt von Eigen- und Mitverantwortung für die anderen. Dafür braucht man eine Gesundheitskompetenz, die nicht für jeden gleichermassen zugänglich ist.

Wer vermittelt uns diese Kompetenz?

Gesundheitskompetenz ist die Fähigkeit jedes Einzelnen, im täglichen Leben Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Die Gesellschaft und die Politik müssen ein stärkeres Bewusstsein dafür entwickeln, wie wichtig es ist, eine solche Kompetenz für alle zu schaffen und durch diese Transparenz im Gesundheitssystem und in der Konsumwelt zu unterstützen. Weil eine gesunde Gesellschaft auch wirtschaftlich bedeutsam ist, liegt dies im gesellschaftlichen Interesse. Wir brauchen dafür im Alltag konkrete Antworten, etwa wie ich einkaufen soll, welche Lebensmittel gesund sind, was ich kochen und wie viel ich mich bewegen soll.

Viele Menschen fragen sich eher, wo sie am günstigsten einkaufen und wie sie am Ende des Monats ihre Versicherungsprämien bezahlen können.

Die Ungleichheiten nehmen tatsächlich zu. Besonders betroffen sind alleinerziehende Mütter und ihre Kinder, aber auch Migrationsfamilien. Diese gesundheitliche Zweiteilung kennen wir auch in der Schweiz: Der Grossteil der übergewichtigen Kinder kommt aus den unteren sozialen Schichten, weil sich hier soziale Faktoren mit mangelndem Einkommen und geringer Gesundheitskompetenz verbinden. Wenn diesem Mangel durch ein konkretes Vorleben und Massnahmen auch in der Schule nichts entgegengesetzt wird, bedeutet das auch eine Zunahme von chronischen Krankheiten im späteren Lebensverlauf.

Je mehr einer verdient, desto gesünder ist er?

Ja, weil viele soziale und ökonomische Faktoren zusammenwirken — die bessere Ausbildung, die angenehmeren Lebensumstände, das verfügbare Einkommen für eine gesunde Lebensweise. Aber betrachten Sie die geschichtliche Entwicklung: Es war ein historischer Durchbruch, dass Lebensmittel für alle verfügbar und laufend preiswerter wurden. Das knüpft an die Geschichte der Migros an, die hierzulande eine kleine soziale Revolution ausgelöst und dazu beigetragen hat, dass die Menschen sich besser ernähren konnten und Zugang zu neuen Produkten bekamen. Auch heute ist es wichtig, gesunde Lebensmittel für alle zugänglich zu machen. Man soll die soziale Schicht eines Menschen nicht an seinem Körpergewicht ablesen können. In Deutschland und Dänemark haben Massnahmen zur Zahngesundheit wesentlich dazu beigetragen, dass man die soziale Schicht eines Kindes nicht mehr an seinen Zähnen ablesen kann.

Man soll die soziale Schicht eines Menschen nicht an seinem Körpergewicht ablesen können.

Brauchen wir mehr Verbote wie in den USA, wo Softdrinks an Schulen verboten wurden?

Ich spreche lieber von Regulierungen. Wir sind ja schliesslich auch bereit, Regeln im Strassenverkehr oder bei der Schulpflicht zu akzeptieren. Das Rauchverbot in Gaststätten ist inzwischen grösstenteils gesellschaftlich akzeptiert und hat sich zusammen mit anderen Massnahmen bewährt. Wenn nun Schulen Essvorschriften einführen, die der Gesundheit dienen, wird dies zwar von manchen als Freiheitsbeschränkung wahrgenommen. Aber die Vermittlung, was gesundes Essen und Leben bedeuten, gehört zu den Aufgaben einer modernen Schule.

Ist dieses Streben nicht einfach ein Trend, und jetzt marschieren wir alle in die gleiche Richtung?

Was ist so schlimm daran, wenn Menschen gesund sein wollen? Früher hat sich eine Gruppe von 60-Jährigen hauptsächlich über ihre Krankheiten unterhalten, heute reisen diese Menschen in ferne Länder, treiben Sport und unterhalten sich über ihre Gesundheit. Das ist zu begrüssen und gibt keinen Anlass zu meinen, wir seien auf dem Weg in eine Gesundheitsdiktatur oder hätten einen Staat, der seine Bürger zur Gesundheit zwingt. Aber jeder Trend hat einen Gegentrend. Und es gibt sicher Menschen, die sich nerven.

Abgesehen von diesem Gegentrend, wird jetzt alles gut und wir immer gesünder?

Nur, wenn wir die Weichen richtig stellen und langfristige Politik machen. Das Ende der Sorglosigkeit, das sich in den vergangenen 30 Jahren im Umweltschutz entwickelt hat, steht bei der Gesundheit erst an. Es gilt, das Streben nach persönlicher Gesundheit mit den grossen Umweltfragen in Einklang zu bringen. Das haben wir bisher viel zu wenig berücksichtigt.

Wie muss ich mir die Kombination dieser beiden Fragen vorstellen?

Nehmen Sie zum Beispiel die Empfehlung, aus gesundheitlichen Gründen mehr Fisch zu essen. Das haben immer mehr Menschen beherzigt, und heute stehen wir vor den ökologischen Konsequenzen dieser Empfehlung — wir haben überfischte Meere. Wir sehen das auch beim Fleischkonsum, der signifikante ökologische Folgen hat. Nachhaltige Gesundheit kann sich nie nur am Einzelnen orientieren, sondern braucht einen Bezug zur gesamten Entwicklung. Wir müssen uns also überlegen, wie wir uns gesund und gleichzeitig umweltbewusst ernähren wollen.

Steigen die Energiepreise, spart der Mensch Strom. Er lernt erst, wenn er muss.

Da stimme ich Ihnen nicht zu. Krisen ermöglichen gesellschaftliche Lernschübe. Aber lernfähig ist der Mensch auch sonst, wie das steigende Umweltbewusstsein zeigt. Öffentliche politische Diskussionen, neue Konsumentenverbände und Interessengruppen machen uns hellhöriger für die neuen Herausforderungen und Märkte, die entstehen werden. Nahrungsmittel werden immer mehr im Zentrum stehen. Ich schätze, dass dieser Wandel in den nächsten zehn Jahren zu grossen Veränderungen führen wird, auch in demografischer Hinsicht.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Wie wollen sich die immer zahlreicher werdenden älteren Menschen künftig ernähren, welche Produkte werden sie bevorzugen? Ältere Menschen essen weniger, also muss meiner Meinung nach dieser Markt ein Qualitätsmarkt sein. Das ist auch deshalb so, weil die Generation der Babyboomer bewusster lebt als die Generation vor ihr. Auf diese neue, aktive und auch kritischere Konsumentengeneration muss sich der Markt rechtzeitig einstellen.

Fisch ist gesund. Das haben immer mehr Menschen beherzigt. Heute sind die Meere überfischt.

Aber nicht nur der Markt, auch jeder Einzelne. Sie sagen ja, eine gesunde Gesellschaft brauche möglichst viel Eigeninitiative.

Ja, ich traue uns viel zu. Wir müssen uns zu Wort melden und verantwortungsbewusst handeln. Wenn wir die Zusammenhänge besser verstehen, werden wir in Gesundheitsfragen ähnliche Fragen stellen, wie sie sich auch im Zusammenhang mit der Umwelt ergeben: Was kann ich als verantwortungsvoller Bürger tun? Das hängt stark mit den persönlichen Einkaufsentscheiden zusammen, etwa im Hinblick auf den Fleischkonsum oder die Bioprodukte. Es braucht aber auch starke Initiativen und Konsumentenorganisationen, gesundheitliche Ungleichheiten müssen breiter diskutiert werden. Unser demokratisches System beruht auf Chancengleichheit.

Zum Schluss, wie lautet Ihr praktischer Gesundheitstipp?

Die moderne Gesundheitsforschung zeigt, dass es wenig braucht, um gesünder zu leben: aufpassen, wie viel und was man isst, nicht rauchen, wenig Alkohol trinken, sich aktiv in die Gesellschaft einbringen und viel bewegen. Die grundlegende Gesundheitsbotschaft ist so einfach, dass sie gerade deshalb so schwierig zu vermitteln ist. Es sind die kleinen Schritte im Alltag, und sie bringen keinen Spassverlust, sondern einen Gewinn an Energie und Lebensqualität. Wenn diese Botschaft ankommt und beherzigt wird, ist viel erreicht.

Autor: Daniel Sidler

Fotograf: Ruben Wyttenbach