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21. November 2016

Es begab sich aber ...

Ein Lichtlein brennt
Ein Lichtlein brennt ...

Viele Menschen im Land, stelle ich mir vor, stimmen sich in diesen Tagen, da der Advent anbricht, auf das Erzählen der Weihnachtsgeschichte ein: Pfarrerinnen, Grossväter und -mütter, Lehrer, Kindergärtner und Alterspflegerinnen tragen sie Jahr für Jahr wieder und wieder vor – die Geschichte, die wir alle längst kennen. Sie geht, kurz gefasst, so: Ein Paar – zur Wanderschaft gezwungen, die Frau hochschwanger – sucht unterwegs Obdach und wird überall abgewiesen. Bis sich ein Herbergswirt ihrer erbarmt und sie in einer Scheune übernachten lässt; wo dann ihr Kind zur Welt kommt und auf Stroh in eine Futterkrippe gebettet wird.

In dem Jahr, das nun zur Neige geht, war ich in Frankreich, Italien und in Deutschland. Welch Privileg, so häufig und frei reisen zu können! Mir fiel in allen Nachbarländern das rauere Strassenbild auf. Der Zustrom von Flüchtlingen, die Armut, die Not – alles sichtbarer als bei uns. Die Afrikaner in der Innenstadt von Lecce, buchstäblich gestrandet in dem gelobten Land, das sich dann nicht als solches erwies. Die Frauen mit Kopftuch, die ihre Habseligkeiten in Plastiksäcken durch Aachen tragen, die Stadt in Deutschlands Westen. Die Kinder mit mattem Blick in der Nähe von Marseille. Offensichtlich sind die Menschen in all den Ländern um uns herum mehr betroffen vom Elend der Welt und helfen mehr mit, es zu lindern.

Bänz Friedli
Bänz Friedli freut sich auf den Advent.

Und wir, das reiche kleine Land, bleiben nahezu verschont. Das «Asylchaos», von dem ich in Parteiprospekten lese, gibt es in Wahrheit nicht, die angebliche «Flüchtlingswelle» bleibt eine Behauptung. Dennoch heisst es noch immer, unser Boot sei voll. Es gibt sogar einen Nationalrat, der vorschlug, die Schweiz mit Stacheldraht einzuzäunen. (Und viel-leicht sollten wir uns, solange wir selber solche Parlamentarier haben, nicht über ein Land lustig machen, dessen neu gewählter Präsident zwischen Mexiko und den USA eine Mauer hochziehen will.)

Bald zünden wir die erste Adventskerze an. Wer weiss, ob ich sie heuer auch wieder erzählen werde, die alte Geschichte? Einem Grossneffen oder einem Nachbarskind. Womöglich sollten wir, wollen wir in der heiligen Zeit nicht scheinheilig sein, die immer und immer wieder erzählte Geschichte beim Wort nehmen und uns erinnern, worum es in der Weihnachtszeit geht: um Barmherzigkeit. Damit es dereinst nicht heisst: «Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein kleines, reiches Land Bedürftigen die Herberge verweigerte …» Und sollten Sie nun in Gedanken bereits ein Protestschreiben aufgesetzt haben, dieser Friedli solle das Politisieren lassen: Ich zitiere doch nur aus der Bibel.

Bänz Friedli live: 22. 11. Aarau, 24. 11. Sins AG, 25. 11. Niederwil SG, 26. 11. Illnau-Effretikon ZH

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli