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12. September 2016

Es bärndütsches Gschichtli

Lagerfeuer
Das «Totemügerli» wird auch heute noch gern am Lagerfeuer kauderwelscht.

«Uuuh, dasch mir i d Chnöde glöötet», sage ich seufzend. – «Totemügerli», kommts prompt von unserem Sohn. Und daran ist zweierlei bemerkenswert: dass er die alte Kabarettnummer kennt und dass mir nicht bewusst war, woher der Ausdruck sich in mein Vokabular geschlichen hat.

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51) drückt sich fantasievoll aus.

Wenn einem etwas einen Schrecken einjagt, dann «löötet es i d Chnöde». Jeder versteht das. Obgleich der Ausdruck eigentlich gar nichts bedeutet. 1967 fantasierte Franz Hohler in «Es bärndütsches Gschichtli» lauter Wörter herbei, die zwar berndeutsch klangen, die er aber frei erfunden hatte. Längst ist die Nummer vom «Totemügerli» so populär, dass man ihr die grosse Kunst nicht mehr anhört. Und vom ersten Moment an war sie so lustig, dass keiner merkte, wie präzise Hohler, der Oltner, sich des Berndeutschen angenommen und unsere «Soumödeli» blossgestellt hatte: die sprachlichen Eigen- und Albernheiten, die wir Berner pflegen; unsere Angewohnheit, selbst das Schauderhafteste noch mit -li zu verkleinern; unsere Unart, noch im Fluchen härzig, noch im Grauslichen niedlich zu klingen.

Gewiss, das «ugantelige» Geschichtlein war auch eine Hommage ans Berndeutsche, das dank der Gotthelf-Hörspiele von Radio Beromünster zum nationalen Leitdialekt geworden war. Vor allem aber machte Hohler sich lustig über das Idiom, in das die meisten, die es sprechen, geradezu vernarrt sind. Und was taten wir Berner? Übernahmen seine Wörter einfach. Nicht aus Trotz, sondern weil sie so vortrefflich geschaffen waren, so lautmalerisch, dass sie sich in die Sprache fügten.

«I verminggle dir ds Bätzi, dass d Oschterpföteler ghörsch zawanggle!» wurde als Drohung gebräuchlich, «es schnäggelet mi aa» gehörte alsbald zur Umgangssprache, meine Schwester erwähnt noch heute gern, wie «dr Schibützu dür ds Guchlimoos ufpfuderet», und «es ganzes Chaussignon voll» muss für meine Kinder wie all die anderen welschen Lehnwörter klingen, die ihr Vater nun mal verwendet: Lavabo für Waschbecken, Brangschli für Schoggistängel, Lavettli für Waschlappen …

Eine unsterbliche Kabarettnummer. Bestimmt war Hohler ihrer zuweilen müde, denn er hat zahlreiche andere saugute Texte geschrieben. Aber welcher Künstler kann sich schon rühmen, etwas erschaffen zu haben, das Volksgut geworden ist? In meiner Jugend war in jedem Lager derjenige der Hirsch, der am Lagerfeuer oder abends vor dem Skihüttenkamin das «Totemügerli» vorzutragen wusste.

Und was macht unser Sohn, 49 Jahre nach Erstveröffentlichung? Er lernt den Sketch für das nächste Pfadilager auswendig. Wetten, dass es den anderen, wenn er ihn dann spätnachts vorträgt, «i d Chnöde löötet»?

Bänz Friedli live: 14. September 2016, Dübendorf ZH, Obere Mühle

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli