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02. November 2015

Erziehung mit religiösen Werten

In vielen Familien ist Religion kein Thema, für andere gehört sie zum Alltag. Brauchen Kinder religiöse Werte, um behütet und sicher aufzuwachsen? Und wie sieht es eigentlich mit dem guten alten Religionsunterricht in Schweizer Schulen aus (rechts)?

Familie Scharrenberg am Sonntagmorgen im Garten
Familie Scharrenberg verbringt den Sonntagmorgen lieber im Garten als in der Kirche. Die Kinder sind nicht getauft, Religionsunterricht und biblische Geschichten finden Dominic und Jana aber trotzdem spannend.

Dominic ist nicht so begeistert. Er möchte lieber gamen, als über Religion zu reden. Er setzt sich auf den äussersten Rand des Sofas, wirft seine blonde Haarmähne zurück und meint: «In den Unti wollte ich vor allem wegen meines Freunds gehen.» Der Zehnjährige ist im ländlichen Grüningen im Zürcher Oberland aufgewachsen und bis zu seiner Schulzeit kaum mit Religion in Berührung gekommen. Er wohnt in einer Einfamilienhaussiedlung mit vielen Kindern und geht im Dorf zur Schule. Weder er noch seine drei Geschwister sind getauft, und auch in die Kirche geht er nur selten. Als dann aber all seine Schulkameraden in den Religionsunterricht geschickt wurden, wollte der wissbegierige Dominic auch wissen, um was es da gehe.

Jetzt ist er nicht nur auch dabei, er findet die Geschichten von Jesus cool, und den lieben Gott stellt er sich als alten Mann mit weissem Bart vor. «Eigentlich ist es ganz schön, wenn einer von da oben zu uns schaut», sagt er verschmitzt.

Die Vorstellung, dass eine höhere Macht aufpasst, wenn die Eltern schlafen, könne einem Kind Sicherheit geben und sein Selbstbewusstsein stärken, sagt Familientherapeut Henri Guttmann (siehe Interview, Box rechts).

Auch Dominics neunjährige Schwester Jana findet den Unterricht cool und lustig. Ihr gefallen nicht nur die Geschichten von Jesus, ihr gefällt auch, dass sie so viel basteln können. «Ich glaube an Gott und bete manchmal auch ganz für mich allein.» Mit den Eltern rede sie aber nicht darüber und auch nicht über das im Unterricht Gehörte.

Die Eltern, das sind Mutter Esther (38) und Vater Christoph (37) Scharrenberg. Im Nachbardorf aufgewachsen, stellen sie mit ihren vier Kindern eine junge, moderne Familie dar. «Mir ist es in Kirchen nicht so wohl», sagt Esther, zu ruhig und zu andächtig sei ihr die Atmosphäre. Auf irgendeine Weise glaube sie aber schon an eine höhere Macht, doch meistens helfe das ja auch nicht weiter.

Starke Familiengemeinschaft statt Religion

Im Leben der Familie Scharrenberg lief nicht immer alles nach Plan. Esther verlor schon früh ihren Vater, und ihre Schwester kam schon als Teenager mit harten Drogen in Berührung. Mehr als der Verlust des Vaters machte ihr die Trauer der Mutter zu schaffen, sagt Esther. Mit Freunden habe sie das Gläserrücken ausprobiert, doch das sei ihr schnell zu unheimlich geworden.

Esther glaubt an das, was sie sieht, und daran, dass man der Natur Sorge tragen müsse. Ihre vier Kinder hätte sie dennoch gern getauft. «Ich finde das ein schönes Ritual, das auch für die Paten verbindlicher ist», sagt sie. Taufen, das wollte ihr Mann Christoph aber auf keinen Fall. «Wenn sich meine Kinder später einmal taufen lassen wollen, stelle ich ihnen das frei. Jetzt aber finde ich es unnötig.»

Der selbständige Schreiner Christoph ist zwar selbst getauft und mit Religionsunterricht aufgewachsen, konfirmieren liess er sich aber nicht. «Ich bin nie gern in die Kirche gegangen. Dieses ewige Gerede, dass alles schön und gut sei, ist doch heuchlerisch, und auch wenn die Geschichten aus der Bibel für Kinder sicher spannend sind, irgendwann ist man erwachsen, und es ist Schluss mit den Märchen».

Christoph ist in einem grossen Familienverbund aufgewachsen, und diese Familie mit Grosseltern, Eltern und Geschwistern sind ihm wichtiger als irgendeine Konfessionsgemeinschaft. «Der Religionsunterricht ist für unsere Kinder sicher gut, sie lernen etwas. Wenn sie allerdings plötzlich anfangen, am Tisch zu beten, dann hätte ich Mühe», sagt der vierfache Familienvater. «Eltern sollen ihren Kindern nur religiöse Werte vermitteln, wenn sie selbst auch daran glauben», sagt Guttmann.

Eine heile Welt lässt sich nicht erbeten

Ganz anders steht die Walliser Familie Biderbost im Leben. Hohe, teils noch schneebedeckte Berge, dazwischen blühende Wiesen und grasende Kühe prägen das Obergoms im Wallis. Wie zufällig hingeworfen, wirken die vereinzelten Häuser, die mit einer Kirche oder Kapelle eine Dorfgemeinschaft bilden.

Religion ist zentral im Leben der Walliser Familie Biderbost. Die Kinder Jean-Elie und Ann-Sophie schöpfen aus dem Glauben Hoffnung und Kraft.

So auch Grafschaft, das Heimatdorf der Familie Biderbost-Schnydrig. «Man kann hier gut leben», sagt Toni Biderbost (56). «Auch wenn viele abwandern, ins Wallis kommt man immer gern zurück». Der gebürtige Grafschafter ist im Obergoms verwurzelt. Hier hat er mit seiner Frau Eleonora (50) sein Walliser Haus gebaut und seine Familie gegründet, hier arbeitet er bei der Post, Bahn und im Tourismusbüro.

«Wenn man die Berge und die Natur anschaut, dann muss man doch an eine höhere Macht glauben», sagt der passionierte Jäger. Glaube und Religion ist für die Familie wichtig, denn Glaube bedeute auch Hoffnung, sagt Eleonora Biderbost. «Der Glaube an Gott gibt uns Halt, auch wenn man sich eine heile Welt nicht erbeten kann.»

Das sehen auch die beiden Kinder Ann- Sophie (20) und Jean-Elie (18) so. «Als Kind gab mir der Glaube Verbundenheit und Hoffnung, und der Gedanke, dass nach dem Tod noch etwas kommt, finde ich schön», sagt Jean-Elie. Sie hätten eine schöne und behütete Kindheit gehabt, ergänzt Ann-Sophie und der Glaube habe einfach dazu gehört. Obwohl beide nicht mehr regelmässig in die Kirche gehen und Religion weniger wichtig ist, sind beide froh, dass Religion einen Platz hat in ihrem Leben.

«Glaube kann helfen», ist Jean-Elie überzeugt, deshalb solle man ihn Kindern nicht vorenthalten. Während sich die beiden Jugendlichen noch vor ihren Studien schon bald zu Auslandaufenthalten in den USA und in Schottland verabschieden, kümmert sich Mutter Eleonora als pastorale Mitarbeiterin um das Seelenwohl der Gemeinde. «Nicht mehr in die Kirche zu gehen bedeutet nicht, dass man nicht religiös ist. Und wenn man alles erklären könnte, würde es ja nicht Glaube heissen.»

Religion zeigen als Teil der Alltagskultur

Eleonora findet es wichtig, dass man Kindern Religion näherbringt. «Wenn man ihnen diesen Weg nicht zeigt, verkümmert etwas. Etwas, das im Menschen angelegt ist, eine Fähigkeit, ein Talent wird nicht gefördert, nicht geweckt. Das ist, wie wenn man ihnen Musik vorenthält.» In ihrer Dorfgemeinschaft gibt es nur eine Kirche, und da hätten eben alle mitgemacht, auch die Jugendlichen aus anderen Kultur- und Religionskreisen. «Doch auch bei uns wird keine Strichliste über den Kirchgang geführt», sagt sie lachend. Im Obergoms ist Religion ein Teil des Lebens im Dorf. Und wenn Toni auf die Jagd geht, zündet er vorher jeweils eine Kerze an. «Auch wenn meine ganze Familie schmunzelt, mir ist das wichtig.»

Autor: Martina Gradmann

Fotograf: Beat Schweizer