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16. Dezember 2013

Erziehung – mehr als Privatsache?

Vertrauen, Selbständigkeit oder Disziplin als Ziel: Wo Erziehungsstile aufeinanderprallen und wann es sich lohnt, das Vorgehen mit anderen Erwachsenen abzusprechen.

Mutter hütet zugleich eigene und 'fremde' Kinder
Oft heikel: Eine Mutter hütet zugleich eigene und 'fremde' Kinder.

Grundsätzlich sind sich die meisten Erwachsenen im regelmässigen Umgang mit (Klein-)Kindern – Mütter, Väter, enge Familienfreunde, Krippenangestellte oder Kindergärtnerinnen – einig: Erziehung ist Privatsache. Eltern entscheiden lange fast uneingeschränkt, wie ihre Kinder aufwachsen. Verfassung und Gesetze sorgen mit dem Schutz des Kindeswohls oder etwa der Unversehrtheit für wenige Leitplanken. Später erreicht die Schule einen beträchtlichen Einfluss, hauptsächlich, um die Entwicklung der Schüler(innen) in Sachen Wissensvermittlung und in einigen Bereichen auch der Aneignung von Sozialkompetenz zu gewährleisten.

Dass Erziehung weitgehend Privatsache ist, gilt keineswegs generell über Kulturräume wie einen Grossteil von Europa, Nordamerika und Australien hinaus. Anderswo bestehen viel dichtere Sozialnetze, bei denen z.B. halbe Dörfer ein Kind miterziehen. Womit sehr markante Unterschiede von Elternhaus zu Elternhaus oftmals dahinfallen. Vor allem entfällt jedoch die bei uns obligate Reaktion auf die Einmischung Fremder: Halten Sie sich da raus!
Die Perspektiven verbreiteter Erziehungsstile
Wenn es grosse Unterschiede in Sachen Erziehung gibt, worin bestehen sie denn? In fast allen Fällen wollen Eltern für die Kleinen das Beste – abgesehen von Gesundheit und schwer beeinflussbaren Wünschen (Glück) unterscheiden sich die Hauptziele in der Erziehung jedoch markant.
Hier drei der wichtigsten im Überblick:

A. Wertschätzung vermitteln: Das Kind soll Selbstbewusstsein und Sicherheit gewinnen durch Aufmerksamkeit und Liebe, die ihm geschenkt wird. Alles andere kommt nachher …

B. Für Disziplin sorgen: Mit konsequenter Haltung, bisweilen auch strengem Durchgreifen, wird das Kind zum Respekt vor der Umwelt (nicht nur, aber auch den Eltern!) gebracht.

C. Selbständigkeit fördern: Mit einem maximalen Mass an Freiraum soll das Kind erfahren, wie gross der Spielraum an Handlungen und Verhalten ist. Mit der Zeit aber auch, was (ohne Zutun der Erziehenden) die Konsequenzen seines Tuns sind.
Selbstverständlich schliessen sich diese Hauptstossrichtungen im Einzelfall oft nicht aus. Sie stehen aber für unterschiedliche Perspektiven im Umgang mit dem Nachwuchs.
Die Schauplätze der grössten Zielkonflikte
An der Entscheidungsmacht der Eltern soll nicht gerüttelt werden. Sie müssten sich bloss bewusst sein, welchen Erziehungsstil sie gewählt haben und was diese Wahl für das alltägliche Verhalten bedeutet (zur Bestimmungshilfe gibts unten Online-Tests). Das Kind sollte sich nicht stets neu an willkürlich wechselnde Regeln gewöhnen müssen, und extreme Positionen der Eltern drohen es im Umgang mit anderen Kindern und Erwachsenen vielleicht gesellschaftlich an den Rand zu drängen.
Daneben haben Eltern das Recht, ihren Stil anzuwenden, und dürfen sich ärgerliche Einmischungen anderer Leute, etwa auf dem Spielplatz, durchaus verbitten. In einigen Situationen lohnt es sich aber, mit anderen Erwachsenen den Umgang mit Kindern ein Stück weit abzusprechen: vor allem in wiederkehrenden Situationen, um die man nicht herumkommt; mit Menschen, auf die man angewiesen ist und die für das Kind Bedeutung erlangen.
Ernsthafte Konflikte bei den Erziehungszielen und -stilen ergeben sich am ehesten mit …

1. Angestellte von Krippen, Kindergärten und ähnlichen Institutionen: Natürlich hat man meist keine Chance, Kindergärtnerinnen seinen Erziehungsstil aufzuzwingen. Sie haben eine Ausbildung, einen eigenen Blickwinkel und oft Gründe für abweichendes Verhalten im Interesse aller anvertrauten Kinder.

Tipp: Deshalb ist die erste zentrale Handlung in der Zusammenarbeit, die richtige Institution auszuwählen. Hat man schon eine kleine Auswahl, so lohnen sich der Blick auf die Selbstdarstellung im Internet oder in Werbebroschüren, sicher ein Gespräch mit einer leitenden Person oder auch Aussagen von Eltern mit Erfahrungen mit besagter Institution.
Weiter gilt es bei mehrmaligem Auftreten von Irritationen hinsichtlich des Erziehungsstils, möglichst schnell, aber ohne Hektik das Gespräch mit den Erziehungsberechtigten der Krippe oder des Kindergartens zu suchen. Vielleicht besteht ein Missverständnis, beispielsweise berichten Kinder auch mal unzutreffend von Geschehnissen. In jedem Fall heisst es zuerst, den Standpunkt und die Schilderung der Krippen- oder Vorschulangestellten anzuhören, um danach die eigene Sichtweise darzulegen. Zuletzt sollten gewisse Kompromisse in der Zusammenarbeit gefunden werden: Bis wohin gehen im Blick auf die ganze Kindergruppe die Kompetenzen der Erziehungsberechtigten der Institution, wo müssen die Eltern Zugeständnisse machen, damit ihr Nachwuchs nicht in dauernde Spannungen mit Krippe/Kindergarten oder anderen Kindern gerät? Erstens und oft vergessen geht übrigens schon der Punkt, wer bei Vorfällen und Zwistigkeiten die andere Seite wann überhaupt zu informieren hat.

2. Grosseltern und beste Freunde, denen das Kind auch für gewisse Zeit mal anvertraut wird.
Tipp: Ihnen sollte der Erziehungsstil in etwa bewusst sein, sie sollten ihn gar im Ansatz anwenden, jedenfalls ihm nicht konsequent zuwiderhandeln. Besonders bedeutsam ist dies in den Fällen, in denen die Freunde oder Nachbarn eigene Kinder haben, die sie möglicherweise in der Regel anders behandeln als man selbst. Auch hier entstehen am häufigsten Probleme, wenn man weiterhin gegenseitig Hütedienste anbietet, obschon die Weltsicht und Erziehungsideen komplett auseinandergehen.
Die Tests zur Selbsteinschätzung
Die erste Voraussetzung zur Vermeidung von Erziehungskonflikten ist ganz einfach: sich selbst des gewählten oder im Alltag unbewusst angewandten Erziehungsstils bewusst zu sein. Dabei helfen unter anderem seriöse Online-Tests weiter:

Der deutsche Psychomeda-Test Dazu die Eltern-Erziehungsstil-Studie von Satow

Der Forum-P-Elterntest

Autor: Reto Meisser