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16. Dezember 2013

«Erziehung ist heute Privatsache»

Früher brauchte es ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Heute gehen Eltern schon bei einem gut gemeinten Tipp in die Luft. Erziehung ist zur Privatsache geworden. In gewissen Fällen wäre die Meinung von Dritten allerdings durchaus hilfreich.

Illustration: Ein Paar sitzt in einem chicen Restaurant, dahinter streiten sich zwei Kinder um einen Stuhl
Wenn die Privatsphäre Dritter strapaziert wird, dürfen Fremde ausnahmsweise in die Erziehung reinreden. (Illustration: Oreste Vinciguerra)

Du solltest sein Köpfchen besser so halten!» – «Musst du die Kleine denn bei jedem Pieps gleich aufnehmen?» – «Sollte er im Tram nicht still sitzen?» Sie meinen es nur gut und bringen Eltern mit ihren Ratschlägen doch auf die Palme. Tagtäglich. Nicht nur Omas und Opas, sondern auch Nachbarn und vor allem andere Mütter scheinen alles besser zu wissen. «Sich in die Erziehung anderer einzumischen, geht gar nicht», sind sich viele Eltern einig. Und fühlen sich von den zahllosen Tipps genervt. Zu Recht! Oder nicht? Kinder können anstrengend sein. Für die eigenen Eltern, aber auch für Grosseltern, Nachbarn, Freunde, für die Frau, die im Tram neben ihnen sitzt. Dürfen Fremde den Eltern einen Tipp geben? Dem Kind sogar Grenzen setzen, obwohl das Mama und Papa nicht gern sehen? Ist es vielleicht sogar hilfreich, andere bei der Erziehung der eigenen Kinder mitreden zu lassen? Ein Gespräch zur vielleicht schwierigsten Aufgabe der Welt, der Erziehung von Kindern.

Dominik Schöbi (41) Porträtbild
Dominik Schöbi (41) ist Psychologieprofessor der Universität Freiburg und dort Direktor des Instituts für Familienforschung und Beratung.

Dominik Schöbi (41) ist Psychologieprofessor der Universität Freiburg und dort Direktor des Instituts für Familienforschung und Beratung.

Dominik Schöbi, viele Eltern sind von gut gemeinten Ratschlägen von Freunden und Verwandten in Sachen Kindererziehung einfach nur genervt. Warum ist das so?

Ein Ratschlag ist immer Kritik – auch wenn er als «gut gemeint» daherkommt. Gehe ich mit meinem Kind so um, dass ein Ratschlag notwendig ist, müssen wir als Eltern etwas falsch machen, so die Wahrnehmung vieler Mütter und Väter. Der Grund für diese Einstellung liegt in der hohen Erwartungshaltung, die heute mit Elternschaft verknüpft ist. Gerade Mütter haben den Anspruch der perfekten Erzieherin so stark verinnerlicht, dass sie Ratschläge – und damit Kritik von aussen – oft belasten.

Wie weisen Eltern diese «Besserwisser» möglichst elegant in ihre Schranken?

Da gibt es leider kein Rezept. Falls sich aber nahestehende Personen ständig einmischen, wie die eigenen Eltern, Geschwister oder die beste Freundin, würde ich das Gespräch suchen und ganz klar sagen, dass man keineswegs planlos ist, sondern sich bei seinen Erziehungsmassnahmen sehr wohl etwas denkt.

Und einfach ignorieren?

Hilft in diesen Fällen leider nicht. Dazu ist uns ihre Meinung – gerade die der eigenen Eltern – zu wichtig. Und das Gefühl, in den Augen der eigenen Mutter eine schlechte Mutter zu sein, schmerzt sehr. Falls es Kollegen, entferntere Verwandte oder die Nachbarn sind, die sich ständig einmischen, ist Ignorieren wohl die beste Taktik. Reden lassen, freundlich lächeln, sich seinen Teil denken und alles so machen, wie man es für richtig hält.

So einfach scheint das aber nicht zu sein. Hört man sich in Familienkreisen um, leiden viele Eltern unter diesen ungebetenen Tipps. Warum reagieren viele Eltern so empfindlich darauf?

Ungebeten ist das richtige Stichwort. Erziehung ist heute Privatsache. Während bis zur Entstehung der bürgerlichen Familie ein grösserer Kreis, sprich Grosseltern, Onkel, Tanten, praktisch die ganze Dorfgemeinschaft, ein Wörtchen mitzureden hatte, ist Erziehung heute allein Sache der Kernfamilie, also von Mutter und Vater. Nach aussen wird nur nach Bedarf delegiert, beispielsweise an Kindergarten und Schule.

Und wer in meine Privatsphäre eindringt, bekommt es mit mir zu tun.

Es ist ganz natürlich, die Interessen des Privaten zu verteidigen. Und Kinder machen nun mal Probleme. Wenn sich ein Junge an der Supermarktkasse schreiend auf den Boden wirft und die Mutter von anderen Kunden dafür auch noch schief angeschaut wird, wertet sie das als Angriff auf ihre Persönlichkeit. Ist sie ein eher unsicherer Mensch, unsicher in Erziehungsfragen, wird sie wahrscheinlich in aggressiver Art und Weise darauf reagieren und von ihrer Umwelt in diesem Moment als zickig und schroff empfunden werden.

Das Einmischen kommt nicht nur in Form guter Ratschläge daher. Was ist, wenn ein Fremder das Kind direkt anspricht und zurechtweist? Zum Beispiel: Ein Paar möchte nach der Arbeit in einem Restaurant in Ruhe essen. Ein Tisch weiter eine Familie, Vater, Mutter, drei Kinder, die um den Nachbartisch herum Fangis spielen. Die Eltern unterhalten sich ungerührt weiter. Das Paar ist genervt, und schliesslich bittet der Mann die fremden Kinder: «Könnt ihr bitte weniger Lärm machen? Wir würden gern in Ruhe essen.» Zu Recht?

Ja. Schliesslich hat das Paar auch eine Privatsphäre und das Recht, seine Interessen zu äussern. Allerdings sollte das mit Respekt und Verständnis den Kindern gegenüber geschehen. Mein Tipp: Mit einer solchen Aufforderung nicht zu lange warten. Hat sich erst einmal Ärger aufgestaut, vergreift man sich schnell im Ton. Es ist also weniger eine Frage, ob sich Fremde einmischen, sondern wie.

In welchen weiteren Situationen ist es in Ordnung sich einzumischen?

Immer dann, wenn das Kind das eigene Wohl oder das Wohl anderer gefährdet. Wenn ich sehe, dass ein Junge in gefährlicher Höhe auf einem Klettergerüst herumturnt, muss ich nicht erst loslaufen, um seine Mutter zu holen.

Kann es nicht auch Vorteile haben, wenn andere in meine Erziehung eingreifen?

Natürlich. Kinder müssen ihre Grenzen nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch ausserhalb kennenlernen. Je vielfältiger die Situationen sind, in denen sie an Grenzen stossen, desto mehr können sie lernen. Für die Eltern im Restaurant-Beispiel wäre es ausserdem spannend zu beobachten, wie das Gespräch zwischen dem Paar und ihren Kindern verläuft und sich das Problem dann löst.

Ohne dass sie wieder diejenigen sein mussten, die mit ihnen schimpfen …

… genau. Für Eltern eines eher schwierigen Kinds bieten solche Situationen übrigens auch die Möglichkeit zu sehen, dass sie nicht die Einzigen sind, die Mühe mit seinem Verhalten haben. Ganz nach dem Motto: «Ich übertreibe nicht. An meinem Kind beissen sich auch andere die Zähne aus.»

Autor: Evelin Hartmann