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09. Juli 2012

Ertappt!

«Sie sind doch der von der Kolumne?», haut mich am Hauptbahnhof eine freundliche Wildfremde an. Sie müsse jedes Mal an mich denken, wenn sie die Bettwäsche der Hochbetten wechsle. «Sii händ doch mal gschribe …» All die Herren Manager und Bürolisten, die gern mit ihren hoch anspruchsvollen Jobs herumblufften, die hätten keine Ahnung, wie saukompliziert das Einbetten eines Hochbetts sei. «Händ Sii gschribe, gälled Sii?», frohlockt die Frau. Gerade gestern habe sie wieder an mich gedacht. Ich lächle, bedanke mich und denke bei mir: «Shit.» Erstens, weil ich mich nicht mehr erinnern kann, dies geschrieben zu haben. Zweitens, weil …

Ertappt! Ich fühle mich grausam ertappt. Jesses, wie lange habe ich Anna ­Lunas Hochbett — eingedenk dessen, dass es tatsächlich ein obermühsames Gemurkse ist, auf der Leiter balancierend die Bettwäsche zu wechseln — nicht mehr frisch bezogen? Zwei Wochen? Drei? Fünf gar? Kaum daheim, reisse ich sämtliche Laken von den Betten, stürme damit in die Waschküche und treffe dort auf eine Nachbarin, die gerade die Leibchen zweier gesamter Juniorenfussballteams zum Trocknen aufhängt und klagt, es sei ein bisschen streng, dieser Tage.

«... die stressigste Zeit des Jahres!»
«... die stressigste Zeit des Jahres!»

Ein bisschen? Es ist ¡*%**#¿¢∆∫*!-tami streng. Denn es ist wieder Sommeradvent — die stressigste Zeit des Jahres. Klarinettenschlusskonzert hier, Handorgelschlusskonzert da, Pfadigrillfest dort; Veloprüfung, Fussballklubfest (Meisterinnen! Cupsiegerinnen! Bravo, Girls!!), dazu Sporttage, Exkursionen, Vorträge; Steinzeitwoche in der Schule (Mitarbeit der Eltern erwünscht!), Familiengottesdienst, Sommerparty am Arbeitsplatz meiner Liebsten, Infoabend für den Konfirmationsunterricht, Schulabschlussfest. Mal heisst es: Züpfe backen, mal: Chabissalat mitbringen. Verpflichtungen sonder Zahl … Und dann waren noch jede Menge Prüfungen zu büffeln, weil manch ein Lehrer gemerkt hatte, dass für eine ausreichende Zeugnisbeurteilung Noten fehlten.

... die stressigste Zeit des Jahres!

Kurzum, die Wochen vor den Sommerferien sind wie immer atemlos. Und es wird zunehmend schwierig, die Kinder frühmorgens zum Aufstehen zu motivieren; Diagnose: quartalsmüde. Dass sämtliche Player — Sportverein, Schule, Pfadi, Kirche, Musikschule — ihre Sache für die allerwichtigste halten, ihr Training also für unschwänzbar, ihre Theaterprobe für absolut unabdingbar, ihre Grillparty für die weltweit einzige, sei niemandem verübelt. Aber ein Mü mehr Verständnis dafür, was Familien mit Schulkindern Ende Juni, Anfang Juli so alles um die Ohren haben, wäre manchmal hilfreich. Dass freilich der Vater — also ich — nebenbei noch ein Grümpelturnier organisiert, das dann gleich nach den Ferien steigt und also tipptopp vorbereitet sein will, da ist er selber schuld. (Findet die Mutter. Sie hat recht.)

Zettelwirtschaft! «Pokal bester Goalie!», steht auf einem, «Zeitungen und Gemüse-Abo abbestellen! GAs deponieren!» auf dem anderen, «Pässe, Tickets, Einreiseunterlagen!» auf dem dritten Zettel. Dazu die übliche Packliste: Badezeug, Taucherbrillen, Fotoapparat, Bücher, Plüschtiere (durchgestrichen), Plüschtiere (mit anderem Stift in anderer Schrift wieder hingekritzelt), Kartenspiele, Reiseapotheke … und so weiter. Aber ich jammere nicht, echt jetzt. Denn ab Samstag schlafe ich täglich in frischer Wäsche. Und muss nicht mal selber einbetten.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli