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09. Mai 2016

«Das Ersparte ohne Risiko vermehren – das geht heute nicht mehr»

Migros-Bank-Ökonom Albert Steck rät, in die 3. Säule einzuzahlen und in Aktien zu investieren. Und beantwortet drängende Fragen: Wie sinnvoll ist Sparen beim heutigen tiefen Zinsniveau noch? Was passiert mit den Renten?

Massiver Zinsrückgang bei den Staatsanleihen
Massiver Zinsrückgang bei den Staatsanleihen: Seit 1925 betrug die reale Verzinsung von Schweizer Staatsobligationen 1,7 Prozent. Heute ist sie achtmal tiefer. Darunter leiden die Pensionskassen.

Albert Steck, die Schweizerische Nationalbank (SNB) bleibt bei ihrem Leitzins von minus 0,75 Prozent. Was bedeutet das für die Sparerinnen und Sparer?

Sie sind massiv benachteiligt, nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. Viele Sparerinnen und Sparer sind sich dessen nicht wirklich bewusst, sollten aber umdenken. Meine Generation ist damit aufgewachsen, mit dem Gesparten Kassenobligationen zu kaufen und das ­Vermögen zu vermehren – ohne ein Risiko einzugehen. Das funktioniert nicht mehr.

Müssen wir auch bei unseren Geldern auf der Bank mit Negativzinsen rechnen?

Das glaube ich nicht.

Aber wir legen das Geld auf die Bank, und es gewinnt nicht an Wert. Das ist man sich nicht gewohnt.

Tatsächlich haben Negativzinsen den paradoxen Effekt, dass man mit Schuldenmachen Geld verdient und fürs Sparen bestraft wird. Eigentlich ist es erstaunlich, wie wenig das in der Gesellschaft kritisiert wird.

Sparen für die Altersvorsorge ist also heutzutage nicht mehr sinnvoll?

Ökonom Albert Steck
Ökonom Albert Steck: «Wir müssen in der Schweiz eine bessere Aktienkultur entwickeln. Die Skepsis ist noch zu gross.»

Was heisst früher?

Bereits im Alter ab 30, 35 Jahren. Die 3. Säule wird zwar steuerlich gefördert, aber gleichzeitig durch die Geldpolitik torpediert. Die Notenbanken möchten erreichen, dass man mehr konsumiert. Aber wenn immer mehr Leute realisieren, dass man aufgrund der tiefen Zinsen zusätzlich sparen muss, könnte sich diese Politik kontraproduktiv auswirken.

Sie raten, früher mit dem Sparen anzufangen. Wie soll man investieren?

Neben der 3. Säule empfehle ich Aktien als Alternative. Diese haben einen schlechten Ruf. Aktionäre gelten schnell einmal als Zocker oder Spekulanten. Doch dies ist nicht gerechtfertigt, denn wenn ich eine Aktie besitze, bin ich Miteigentümer eines Unternehmens und investiere in dessen Innovationskraft. Wir müssen in der Schweiz eine bessere Aktienkultur ent­wickeln. Die Skepsis ist noch zu gross.

Als Aktionär bin ich Miteigentümer eines Unternehmens und investiere in dessen Innovationskraft.

Zu Recht, wenn man einzelne Kursentwicklungen analysiert.

Klar, es gibt Schwankungen. Deshalb muss man diversifizieren. Die Anleger sind nach den Erfahrungen mit Titeln der New Economy reifer, aber auch zurückhaltender geworden. Sie sollten jedoch nicht vergessen, dass die Gewinne der Firmen so gross sind wie noch nie. Apple beispielsweise schreibt einen Jahresgewinn von 53 Milliarden Dollar bei 110'000 Mitarbeitenden. Das bedeutet pro Kopf eine halbe Million Gewinn. Das ist vielleicht ein extremes Beispiel. Aber auch die drei Schweizer Firmen Nestlé, Novartis und Roche erzielen insgesamt 30 Milliarden Franken Gewinn. Aktien von Schweizer Firmen schütten Jahr für Jahr 38 Milliarden Franken an Dividenden aus.

Sie empfehlen, in eine breite Auswahl an Aktien zu investieren. Das bedeutet, viel Geld in die Hand nehmen zu müssen.

Nicht unbedingt. Ich habe für meine drei Kinder, die ja keine Grossinvestoren sind, seit 2008 einen Sparplan. Jeden Monat investiere ich pro Kind 50 Franken. Auf diesen Sparplänen erziele ich eine ansehnliche Rendite. So einfach ist das. Man muss eben umdenken. Das Ersparte ganz ohne Risiko vermehren – das geht heute nicht mehr. Aber wenn man langfristig denkt, ist das mit Aktien durchaus möglich, auch weil die Firmen durchschnittlich 3 Prozent an Dividenden ausschütten. In 24 Jahren habe ich so das Kapital verdoppelt, ohne auf Kursgewinne angewiesen zu sein.

Wie gehe ich bei der Auswahl der Aktien vor?

Ich empfehle, dass man nicht auf den perfekten Moment wartet. Besser, man investiert schon morgen und ist sich bewusst, dass die Kurse auch mal um 20 Prozent tauchen können. Deshalb lohnt es sich, zuerst eine kleine Summe zu investieren und danach pro Quartal weitere Beträge. So lerne ich dazu und erziele in 10, 20 Jahren eine gute Rendite.

Welche Aktien empfehlen Sie?

Ich würde in einen Anlagefonds investieren, der den gesamten Markt abdeckt. In einer ersten Phase liegt der Fokus auf der einheimischen Börse. Die Schweizer Aktien haben den Vorteil, dass sie kein Währungsrisiko tragen und dass sie eher defensiv ausgerichtet sind. Mögliche Kursrückschläge fallen also geringer aus.

Eine andere Form von Investition ist den Leuten noch näher: das Eigenheim. Besteht bei diesen Tiefzinsen nicht die Gefahr, dass man sich zu stark verschuldet?

Wir haben in der Schweiz sehr strenge Kreditregeln. Jährlich kamen in den letzten Jahren rund 40'000 Wohneinheiten auf den Markt. Nur ein Viertel davon waren Mietwohnungen. Die Zahl neuer Eigentumswohnungen und Häuser ist nun aber zurückgegangen. Mit dem sinkenden Angebot haben die Risiken eines Preiseinbruchs für die privaten Eigentümer deutlich abgenommen. Pensionskassen hingegen sehen sich fast gezwungen, im Immobilienbereich zu investieren, um ihre Renditeziele zu erfüllen. Die Vorsorgewerke gehören neben den Sparern zu den Leidtragenden der Zinspolitik; der Zinssatz abzüglich der Inflationsrate ist deutlich tiefer als im historischen Durchschnitt. Allein dieses Jahr entgehen den Pensionskassen deswegen rund vier Milliarden Franken. Und das dürfte sich mittelfristig nicht ändern.

Was sollen die Pensionskassen nun tun?

Mit dem sinkenden Angebot haben die Risiken eines Preiseinbruchs für private Wohneigentümer abgenommen.

Welchen Einfluss hat das tiefe Zinsniveau konkret auf die 2. Säule? Kann sich etwa eine heute 35-jährige Frau, die in Vollzeit beschäftigt ist, auf den Auszug der Pen­sionskasse ­verlassen und mit der dort aufgeführten Rente rechnen?

Es ist schwierig, auf 30 Jahre hinaus Hochrechnungen zu erstellen. Jede Pensionskasse hat andere Rechenmodelle. Tendenziell ist es möglich, dass die Pensionskassen die gesteckten Ziele bei den Rentenbeträgen nicht erreichen. Wir müssen wohl mit tieferen Umwandlungssätzen leben. Es lohnt sich deshalb, sich ein zusätzliches Polster zuzulegen.

Viele Arbeitnehmer haben nach den Pensionskassenabzügen und den Einzahlungen in die Säule 3a schlicht kein Geld mehr übrig, um zusätzlich zu sparen.

Das stimmt. Andererseits gibt es auch Leute, die ihre Sparmöglichkeiten besser ausschöpfen könnten, wenn sie etwa den Ersatzkauf ihres Zweitautos hinauszögern.

Wechseln wir zur Eurozone: Ist diese überhaupt noch überlebensfähig?

Die Nachteile dieses Konstrukts werden zunehmen. Die Eurozone hat diese Länder nicht näher zusammengebracht, sondern sie eher auseinandergeführt. Die Gegensätze werden immer grösser. Gleichzeitig nimmt der Unmut zu, gerade auch in Deutschland, das ja vom tiefen Eurokurs profitiert. Trotz wachsender Probleme, das haben wir bei Griechenland gesehen, ist der Verbleib in der Eurozone vorerst besser als ein Ausstieg. Deshalb lässt sich der Euro mit einem Rührei vergleichen. Ist das Ei verrührt, kann man es fast nicht mehr auseinanderdividieren. Oder anders ausgedrückt: Den Griechen ginge es zwar besser, wenn sie der Eurozone nie beigetreten wären. Aber heute sind sie in diesem «Rührei» gefangen.

Was heisst das konkret für die Schweiz?

Die Situation ist ein gutes Jahr nach der Aufgabe des Mindestkurses schwierig. Im Februar war der Handelsüberschuss zwar der grösste der Schweizer Geschichte: Die Exporte haben die Importe um vier Milliarden Franken übertroffen. Aber wenn man genauer hinschaut, gingen die Importpreise zurück, und die Exporte entfallen vor allem auf unsere Pharmakonzerne und Nestlé. Diese Erfolge überdecken, dass viele kleine und mittlere Unternehmen, die Maschinenindustrie und der Tourismus unter dem starken Franken leiden. Doch es wäre falsch, deshalb nun die Unabhängigkeit unserer Währung aufzugeben.

Wir sind der Gegenentwurf der Griechen: Wir verarmen, weil unser Franken so stark ist.

Die Kaufkraft der Leute steigt dank der tiefen Inflation noch immer. So schlimm stehts also nicht um uns (schmunzelt). Wenn wir weiterhin die Forschung, die Innovationskraft und das Bildungssystem stärken und die Bürokratie eindämmen, ist die Schweiz für die Zukunft gut gerüstet. 

Autor: Reto E. Wild, Hans Schneeberger

Fotograf: René Ruis