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26. Mai 2015

Ersatzeltern für Nachbarinnen im Studium

Martin und Susi Walther beherbergen seit zwölf Jahren Studierende in ihrem Haus. Sie pflegen ein familiäres Verhältnis zu den jungen Leuten, für die sie auch ein bisschen Ersatzeltern sind. Studentin Tatjana Hug: «Ich weiss, ich bin hier nicht allein, und das gibt mir ein gutes Gefühl.»

Tatjana Hug und Steffi Scheuber im 1. Stock, Susi und Martin Walther
Die Teilzeittöchter mit ihren Ersatzeltern (von links): Tatjana Hug und Steffi Scheuber im 1. Stock, Susi und Martin Walther im Parterre.

Martin (75) und Susi Walther (71) haben drei Kinder, sechs Enkel und vier Teilzeittöchter. So zumindest könnte man die Studentinnen nennen, die in ihrem Haus in Olten SO in der obersten Wohnung leben. Denn die Walthers pflegen einen sehr familiären Kontakt zu ihren jungen Nachbarinnen. «Meine Kinder sagen mir immer wieder: ‹Bemuttere sie nicht so ›», sagt Susi Walther. Doch sie kann nicht anders: Zu Weihnachten schenkt sie ihnen «eine Kleinigkeit», an Ostern bastelt sie ihnen ein Nest, zum Geburtstag bäckt sie ihnen einen Kuchen.

Als ihr Sohn mit seiner Freundin aus der Wohnung auszog, wies ein Bekannter sie auf die Wohnungsnot der Oltner Studierenden hin. Fortan boten sie die vier Zimmer Studentinnen und Studenten der Fachhochschule Nordwestschweiz an. Insgesamt 80 junge Menschen haben in den vergangenen zwölf Jahren unter ihrem Dach gewohnt. Anfangs waren es vor allem Austauschstudenten, die vier Monate blieben.
«Da haben wir einiges erlebt», sagt Martin Walther und erzählt vom Brasilianer, der morgens um 1 Uhr auf dem Balkon Gitarre spielte und ständig eine andere Freundin mit nach Hause brachte. Und von der Schwedin, die plötzlich sehr hohes Fieber hatte und die er notfallmässig ins Spital fuhr. Und von der Österreicherin, die er zu einem Vorstellungsgespräch in Wädenswil ZH begleitete, weil sie so nervös war. Postkarten aus der ganzen Welt zeugen von den vielen schönen Begegnungen. «Sie halten uns jung», sagen die Walthers.

Über die Jahre haben sie auch gelernt, sich etwas abzugrenzen. So sind Gäste der Mieter bis 22 Uhr willkommen. Bleiben sie über Nacht, müssen sie 25 Franken zahlen. Seit einigen Jahren haben die Walthers nur noch Studentinnen in Untermiete, die mehrere Semester bei ihnen wohnen bleiben. Wie Tatjana Hug (23) und Steffi Scheuber (25).

Augentest als Dankeschön
Tatjana Hug stammt aus einem kleinen Dorf nahe dem deutschen Jestetten, wo jeder jeden kennt. Sie schätzt die Wärme der Walthers. «Ich weiss, ich bin hier nie allein, und das gibt mir ein gutes Gefühl.» Erlischt die Glühbirne oder funktioniert der Fernseher nicht, ist Martin Walther stets zur Stelle. Sind die drei WG-Mitbewohnerinnen der jungen Frau alle unterwegs und sie möchte trotzdem etwas plaudern, freut sich Susi Walther auf einen Schwatz.
Tatjana studiert im 4. Semester Optometrie in Olten. Sobald wie möglich möchte sie mit den Walthers einen Augentest machen – als kleines Dankeschön für ihre Gastfreundschaft.

Steffi Scheuber aus Wisen SO studiert in Basel Fachfrau Radiologie und macht immer wieder Praktika in Aarau. Da liegt Olten ideal. Und mit den Walthers habe sie einen Glückstreffer gelandet: Sie tauscht sich gern mit ihnen bei einer Tasse Tee aus, borgt Eier und Milch oder lässt sich bei kniffliger Wäsche beraten. «Die Walthers sind mehr als Nachbarn», sagt sie. «Sie sind fast Teil meiner Familie.» 

Autor: Monica Müller

Fotograf: Salvatore Vinci