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05. Oktober 2015

Ein Eritreer mit einer Mission

Er ist erst seit 2011 in der Schweiz, aber schon perfekt integriert. Nun will der 18-jährige Eritreer Yonas Gebrehiwet dazu beitragen, das Image seiner Landsleute zu verbessern.

Yonas Gebrehiwet
Yonas Gebrehiwet sucht Kontakt zu Menschen und Medien, um die Sicht der Eritreer zu vertreten.

Als Kind in Eritrea wollte Yonas Gebrehiwet Politiker werden – um das ­Leben der Menschen zu verbessern. Mittlerweile lebt der 18-Jährige in der Schweiz und steckt im 3. Lehrjahr als Textiltechnologe in der Nähe seines Wohnorts Rheineck SG. Doch sein Ziel ist geblieben: Er engagiert sich bei der eritreischen Oppositionsbewegung Eritrean Solidarity Movement for National Salvation. Und er hat beschlossen, das Image seiner Landsleute in der Schweiz zu verbessern.

Auslöser waren die Medienberichte im Herbst 2014, nachdem ein eritreischer Asylbewerber eine junge Frau in Aarau attackiert hatte. «Das löste eine eigentliche Hetze gegen Eritreer in den Medien aus», sagt Yonas – ohne den eigentlichen Vorfall verharmlosen zu wollen. «Ein Freund und ich beschlossen damals, das nicht einfach so hinzunehmen.» Zusammen mit der Journalistin Corinne Riedener (31), Redaktionsleiterin des Ostschweizer Kulturmagazins «Saiten», bauten sie einen eritreischen Medienbund auf, der bei Vorfällen reagieren und die Sicht der Eritreer an die Öffentlichkeit tragen kann. Auf diese Weise hat der engagierte und eloquente junge Mann es schon bis ins Schweizer Fernsehen geschafft.

Yonas ist Teil einer eritreischen Mediengruppe, die als Ansprechpartner für Medien dienen will.
Yonas ist Teil einer eritreischen Mediengruppe, die als Ansprechpartner für Medien dienen will.

Die Mediendebatte dieses Sommers, ob Eritreer überhaupt Asyl erhalten sollten, hat seine Entschlossenheit nur bestärkt. «Da geht es nicht um uns, das ist reiner Wahlkampf», sagt er. «Natürlich gibt es einige Kriminelle, und ein paar Dutzend regimetreue Leute gehen tatsächlich in den Ferien nach Eritrea. Aber das sind Einzelfälle, die von den Medien aufgebauscht werden und alle Eritreer hier in ein schlechtes Licht rücken.» Tatsache sei: In Eritrea herrsche Diktatur. «Würde ich dorthin zurückgeschickt, käme ich ins Gefängnis, wenn nicht Schlimmeres.» In den Augen des Regimes sei er ein Ver­räter – und das gelte für alle Eritreer im Ausland, die sich für die Opposition engagieren.

Alles fing damit an, dass sein Vater im Gefängnis landete, wieso, weiss Yonas bis heute nicht genau. Als jedoch seiner Mutter dasselbe Schicksal drohte, brachte sie ihre vier Kinder zu den Grosseltern, verliess Eritrea und landete 2010 in der Schweiz, wo sie als Flüchtling anerkannt wurde und dann auch ihre Familie nachziehen durfte. Yonas kam im Herbst 2011 mit seinen drei Brüdern via Äthiopien in die Schweiz. «Ich wusste nichts über das Land, nur, was ich in einer Enzyklopädie in der Schule gelesen hatte.» Natürlich habe er zu Beginn kein Wort verstanden, und der erste Winter sei ein Schock gewesen, ansonsten sei es jedoch eigentlich nicht so schwierig gewesen, sich einzuleben.

Rasch eine Lehrstelle gefunden

Das lag auch daran, dass er direkt in die Schule gesteckt wurde, in die Oberstufe. «Ich war schon in Eritrea ein guter Schüler, das änderte sich auch in der Schweiz nicht.» Da er gut Englisch konnte und schnell Deutsch und dann auch Schweizerdeutsch lernte, gehörte er in seiner Klasse rasch zu den Besseren und ergatterte nur 13 Monate nach seiner Ankunft eine Lehrstelle – «als Sechster in meiner Klasse». Zwei seiner Brüder haben ebenfalls eine, der jüngste geht noch zur Schule. Die Mutter arbeitet als Putzfrau. «Alles in allem geht es uns jetzt recht gut», sagt Yonas, dessen Vater später ebenfalls noch nachkommen soll. Die Familie ist christlich-orthodox, und Yonas bezeichnet sich als gläubig. Allerdings gehe er nun samstags häufiger in den Ausgang und sei dann am Sonntag oft zu müde für die Kirche. Früher hat er zudem oft Basketball gespielt, aber auch dafür fehlt ihm heute die Zeit.

Seit April schreibt Yonas sogar seine eigene Kolumne in Corinne Riedeners «Saiten». Ein Jahr lang berichtet er ein Mal pro Monat über sein Leben, etwa über die Herausforderung, Schweizerdeutsch zu lernen, oder über Leute, die ihn ansprechen, weil sie glauben, er verkaufe Drogen. «Yoni ist ein super Typ, zuverlässig, sehr initiativ und gut vernetzt», sagt Riedener. «Ich wünschte, ich wäre in seinem Alter so politisch interessiert und entschlossen gewesen.» Die Inhalte der Kolumne bestimmt Yonas selbst, Riedener muss lediglich die Fakten checken und sprachlich ein bisschen redigieren.

Yonas engagiert sich in der eritreischen Oppositionsbewegung gegen die Diktatur in seiner Heimat.
Yonas engagiert sich in der eritreischen Oppositionsbewegung gegen die Diktatur in seiner Heimat.

Yonas räumt ein, dass viele Eritreer weniger gut integriert sind als er. «Die Sprache ist das wichtigste, dann ein Job.» Aber so lange sie auf ihren Asylentscheid warten müssten, könnten Eritreer keinen Sprachkurs besuchen. Und es dauere zu lange bis zu einer Arbeitsbewilligung. «Man wirft den Eritreern gern vor, sie seien faul. Und solche gibt es sicher auch, wie überall. Aber die meisten möchten arbeiten, man lässt sie nur nicht.» Zudem schreckten die vielen negativen Medienberichte natürlich auch potenzielle Arbeitgeber ab. «Warum sollen sie einen Eritreer einstellen, wenn sie so viel Schlechtes über uns lesen?» Dazu komme das komplizierte bürokratische Verfahren.

Am meisten könnte die Schweiz helfen, wenn sie die Asylverfahren verkürzte, schneller Arbeitsbewilligungen ausstellte und, das ist ihm besonders wichtig, das eritreische Konsulat in Genf schlösse. «Die ziehen jedes Jahr illegal zwei Prozent Steuern von den Eritreern in der Schweiz ein. Geld, das direkt dem Regime zufliesst und dazu beiträgt, dass es sich weiter an der Macht halten kann. Was wiederum mehr Flüchtlinge in die Schweiz treibt.» Dies sei ein Teufelskreis, der nur gebrochen werden könne, wenn man die Tätigkeit des Konsulats unterbinde. Seine Familie verweigert die Steuer, wie viele andere auch. «Früher bedrohten sie manchmal noch Verwandte in Eritrea, um Geld zu erzwingen. Aber mittlerweile sind es zu viele geworden, die nicht mehr zahlen.» Im Gegenzug kann er aber auch nichts erwarten, falls er mal irgendwelche Papiere oder Bestätigungen aus seiner Heimat braucht. Wer nicht zahlt, bekommt nichts.

Die Flüchtlingskrise, mit der Europa derzeit konfrontiert sei, könne nur vor Ort gelöst werden, sagt Yonas. «Wenn es in Eritrea und den anderen Krisenländern eine Demokratie und intakte Chancen auf ein gutes Leben gibt, dann kommen die Menschen gar nicht erst. Das muss das Ziel sein.» Er selbst hat zwei Herzen in seiner Brust. Eritrea ist immer noch seine Heimat, aber die Schweiz ist es inzwischen auch. «In vier, fünf Jahren wird es vermutlich nur noch die Schweiz sein», sagt er, «denn als ich Eritrea verliess, war ich noch ein Kind. Hier bin ich erwachsen geworden.» Schon jetzt sieht er seine Zukunft eher hier, wo er inzwischen auch viele Schweizer Freunde hat.

Yonas hofft, dass er nach der Lehre für ein paar Jahre im Betrieb bleiben kann, um etwas Geld zu verdienen. Dann aber will er weiter, will die Berufsmittelschule machen, vielleicht an eine Fachhochschule. Und sich einbürgern lassen will er auch. Ob er sich dann auch politisch engagieren wird, weiss er noch nicht. Auf die Bemerkung, dass er das doch jetzt eigentlich schon tue, stutzt er kurz und lacht mit blitzenden Augen. «Stimmt. Mal schauen.» Eines ist klar: Yonas Gebrehiwet wird seinen Weg machen. 

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Daniel Ammann