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20. August 2012

Erholen, auftanken, Kraft schöpfen

Fast jeder hat einen Kraftort. Einen Ort, wo er seine Batterien auflädt und sich vom Alltagsstress erholt. Clownin Gardi Hutter tut dies hoch über dem Luganersee in Serpiano. Andere schöpfen in einem Bad oder in den Bergen neue Energien. Fünf Prominente zeigen dem Migros-Magazin ihre ganz persönliche «Tankstelle».

«Diese schöne Landschaft öffnet mein Herz» – Gardi Hutter geniesst die Aussicht auf den Luganersee. (Bild: Paolo Dutto)

Wo tanken Sie Energie? Verraten Sie uns Ihren persönlichen Kraftort

Das Interview zum Thema: «Alte Kirchen stehen auf ehemaligen Kultplätzen»

Gardi Hutter (59), Clownin

Diese schöne Landschaft öffnet mein Herz

Gardi Hutter beobachtet den Luganersee, Morcote, die Berge und den Himmel am liebsten in Serpiano, oberhalb ihres Wohnorts, des Tessiner Bergdorfs Arzo. «Diese schöne Landschaft öffnet mein Herz. Von da oben werden mein kleines Puff und der Alltagsärger plötzlich klein», sagt die bekannteste Schweizer Clownin. Alltagsärger? «In meinem Beruf bin ich mehr im Büro als auf der Bühne. Nur sie aber ist meine Leidenschaft.» Den sieben Kilometer langen Weg durch den Wald nach Serpiano in der Nähe des bekannten Ausflugsrestaurants Funivia legt sie mit dem Velo, Töffli oder zu Fuss zurück und hat oft Gäste dabei. «Dieses von Eindrücken explodierende Panoramabild verleiht mir Kraft.» Die in der Ostschweiz geborene Schauspielerin und Autorin lebt schon seit 27 Jahren in Arzo. «Vorher wohnte ich in Mailand. Als ich schwanger wurde, wollte ich aufs Land, denn ein Kind in der Grossstadt aufwachsen zu sehen, beelendet mich.» Sohn und Tochter sind inzwischen ausgeflogen. Doch sie kommen immer wieder zurück, denn auch sie lieben die Sicht auf den Luganersee.


«Unter Wasser kommen mir Reden in den Sinn», sagt FDP-Nationalrat Andrea Caroni über seinen Kraftort. (Bild: Paolo Dutto)
«Unter Wasser kommen mir Reden in den Sinn», sagt FDP-Nationalrat Andrea Caroni über seinen Kraftort. (Bild: Paolo Dutto)

Andrea Caroni (32), FDP-Nationalrat

«Unter Wasser kommen mir Reden in den Sinn»

Andrea Caroni gehört zu den jüngsten Schweizer Parlamentariern. Der fünfsprachige FDP-Nationalrat aus dem Appenzellerland mit Tessiner Wurzeln nennt einen Ort aus seiner Heimat als Kraftort. Caroni spricht nur vom «Bädli». Gemeint ist das Heilbad Unterrechstein, das sich in Grub AR befindet. «Ich durfte dort schon als Kind baden. Das Bädli ist fast so alt wie ich und befindet sich in meiner Gemeinde.» Er habe dort die Freude am Baden entdeckt und festgestellt, dass «ich nirgendwo so gut entspannen kann wie unter Wasser. Ich tanke so Kraft, und mir kommen ganze Reden in den Sinn». Dort würden die Gedanken schön fliessen. Das Heilbad sei für ihn eine Wohlfühloase, die er von zu Hause aus in fünf Fahrminuten erreiche. Einmal pro Monat findet Caroni Zeit für sein «Bädli», wobei es für ihn im Winter am schönsten ist, wenn er vom Aussenbad aus die verschneite Landschaft geniessen kann. Besonders mag er die Heiss- und Kaltwassergrotte. Andrea Caroni ist auch ein wenig Mitbesitzer des «Bädlis»: Er gehört zu den rund 700 Kleinaktionären und hält zehn Aktien zum Nennwert von 200 Franken.


Gion Mathias Cavelty über seinen Kraftort: «Die Bar ist ein Kosmos im Kosmos». (Bild: Paolo Dutto)
Gion Mathias Cavelty über seinen Kraftort: «Die Bar ist ein Kosmos im Kosmos». (Bild: Paolo Dutto)

Gion Mathias Cavelty (38), Schriftsteller

Die Bar ist ein Kosmos im Kosmos

Der Schriftsteller Gion Mathias Cavelty, der seit 15 Jahren in Zürich lebt, bezeichnet sich als Stadtmensch. Deshalb, sagt er, befindet sich sein Kraftort am Union Square in New York. «In der Schweiz aber ist mein Kraftort die Alien-Bar in Chur, meiner Heimatstadt. Sie ist an allen Ecken und Enden mit seltsamen Kräften erfüllt und unergründlich», so der Träger des Zürcher Journalistenpreises. Der auch als Giger-Bar bekannte Ort sei ein Kosmos im Kosmos. Man habe dort das Gefühl, auf einer Geisterbahn zu sein. «Die bizarre Bar könnte deshalb auch auf dem Mars stehen.» Die Skulpturen des Künstlers HR Giger hätten ihn als Teenager entsetzt und erschreckt. Cavelty war schon vor 20 Jahren bei der Eröffnung der Bar dabei. Wann immer der Schriftsteller in der Bündner Kantonshauptstadt ist, versucht er, die Bar zu besuchen, und vergisst oft, dass sie nur bis um 20 Uhr geöffnet ist. «In solchen Momenten bleibt mir Chur so fremd wie ein Alien.»


Meteorologin Sabine Balmer-Wasser: «Ich bin sehr gerne in der Natur». (Bild: Paolo Dutto).
Meteorologin Sabine Balmer-Wasser: «Ich bin sehr gerne in der Natur». (Bild: Paolo Dutto).

Sabine Balmer-Wasser (35), Meteorologin

«Ich bin sehr gerne in der Natur»

Ihr Name ist Programm: Der Kraftort von Sabine Balmer-Wasser befindet sich am Hallwilersee, genauer im Frauenbad in Seengen AG am Nordufer. «Speziell an diesem Ort ist, dass man vom Wasser aus die Innerschweizer Berge wie der Titlis und die Rigi wunderbar sieht, bei Föhnlagen sogar Eiger, Mönch und Jungfrau», sagt die Meteorologin, die in den DRS-Wettersendungen zu hören ist. Für die Wetterfrau ist der See der richtige Ort zum Abschalten und Auftanken: «Ich bin sehr gerne in der Natur.» In die Badi geht sie allerdings weniger zum Schwimmen, sondern lieber, um sich mit einem Sprung ins Nass abzukühlen. Im Sommer sind sie und ihre Familie rund ein Dutzend Mal am Hallwilersee anzutreffen. Vielleicht kommt Sabine Balmer-Wasser nächste Saison noch häufiger dazu: Mit ihrem Mann Alois (38) hat sie ein Haus gekauft und wird im Herbst von Lenzburg nach Seengen ziehen, zusammen mit ihren Kindern Julian (5), Pascal (3) und Aline (1).


Urs Lehmann, Präsident von Swiss-Ski über das Starthaus beim Lauberhorn: «Hier entsteht ein Gefühl der Kraft». (Bild: Daniel Winkler)
Urs Lehmann, Präsident von Swiss-Ski über das Starthaus beim Lauberhorn: «Hier entsteht ein Gefühl der Kraft». (Bild: Daniel Winkler)

Urs Lehmann (43), Präsident von Swiss-Ski

Hier entsteht ein Gefühl der Kraft

Obwohl er am Lauberhorn nie besonders erfolgreich war, ist Urs Lehmanns Kraftort das Starthaus beim längsten Abfahrtsrennen der Welt. «Wenn ich hier oben auf Eiger, Mönch und Jungfrau schaue, entsteht in mir ein unglaubliches Gefühl der Kraft. Ich erinnere mich daran, dass unser Potenzial grösser ist, als wir uns zutrauen.» Dem Abfahrtsweltmeister von 1993 kommen weit oberhalb der Kleinen Scheidegg konkrete Bilder und viele Erinnerungen hoch, auch wenn sein Rücktritt vom Wettkampfsport bereits vor 15 Jahren erfolgte. «Als Athlet im Starthaus zu stehen und dann den Countdown und jubelnde Fans zu hören, gehört zu den faszinierendsten Momenten.» Als Präsident von Swiss-Ski kommt er nach wie vor Mitte Januar zu den Lauberhornrennen. Um Kraft zu tanken, müsse er aber nicht zwingend an diesen so spektakulären Ort zurückkehren, weil «ich viel mit dem geistigen Auge lebe». Nach dem Treffen mit dem Migros-Magazin lässt es sich der Geschäftsführer von Similasan nicht nehmen, auf dem Mountainbike die Lauberhornstrecke hinunterzufahren.

Autor: Reto Wild