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03. September 2012

Ergänzende Therapien bei Krebserkrankungen

Rund 70 Prozent der an Krebs Erkrankten wünschen sich ergänzende Behandlungen zu Chemotherapie und Bestrahlung. Wie gestalten sich solche Komplementär-Therapien, und was sagt ein renommierter Onkologe zum Thema?

Das Hyperthermie-Gerät
Der Onkologe Marcus Schuermann ...

Wo tut sich was? Die News zu Ansätzen der klassischen Krebsforschung mit Viren, Eiweissen und Immunreaktionen in der Schweiz.

Seit einigen Jahrzehnten werden in Kliniken weltweit Krebspatienten mit Erfolg «sanft» behandelt. Auch das Therapieangebot in der Schweiz bietet professionelle und erprobte Wege. Es gibt Krebstherapien der Komplementärmedizin, die durch zahl­reiche Studien belegt werden. Einen Versuch wert sind sie allemal. In den meisten Fällen werden sie als Ergänzung zu den Standardmethoden angewendet.

Da das Behandlungsangebot äusserst vielfältig ist, sollte die Therapiewahl immer zusammen mit einem dafür spezialisierten Arzt getroffen werden. Im Folgenden können nur einige wenige, aber langjährig erprobte Methoden vorgestellt werden.

Der Mistelzweig
Der Mistelzweig (Bild Fotolia)

BEISPIEL 1: Die Mistel als Heilpflanze
Seit Jahrzehnten wird die Misteltherapie hauptsächlich im Bereich der anthroposophischen Medizin angewendet. Sie stimuliert nicht nur die Immunabwehr, sie soll auch Tumorzellen zerstören. Laut Michael Lorenz, Chefarzt der Lukas-Klinik in Arlesheim BL, hat diese Therapie noch weitere gesundheitsfördernde Eigenschaften: Sie mildert die Nebenwirkungen der Chemo- und Strahlentherapie, indem sie die Reparaturmechanismen der Zellen fördert. Zudem stimuliert sie die Endorphine (Glückshormone). Der Patient fühlt sich besser und erholt sich schneller. Die Misteltherapie sollte so früh wie möglich angewandt werden. Das tat Renate Gassmann. Die 70-Jährige ist am bösartigen schwarzen Hautkrebs erkrankt. Nach der operativen Entfernung des Krebses entschied sie sich sofort für die Misteltherapie, da ihre Schwägerin bereits gute Erfahrung damit gemacht hatte. Seit geraumer Zeit spritzt sie sich nun selbst dreimal in der Woche den Mistelextrakt. Regelmässig erhält sie die Laboranalysen und Arztberichte von der Klinik und wird von ihrem Hautarzt permanent überwacht. In ihrem Fall dauert die Misteltherapie fünf Jahre. «Ich habe ein gutes Gefühl. Deshalb ziehe ich das durch. Es haben sich keine Metastasen gebildet. Und als weiteren positiven Effekt habe ich bis anhin keine Grippe bekommen.»

BEISPIEL 2: Sauerstoff für die Zellen
Je mehr Sauerstoff in der Zelle, desto geringer die Chance, dass sie entartet. Dies ist der Ansatz der Sauerstofftherapie. Sie hilft auf mehrfache Weise, entweder vorbeugend oder heilend, bei Krebspatienten. Mittels Infusionen wird Sauerstoff ins Blut geschleust. Damit werden die Medikamente der Chemotherapie besser vertragen, und die meist von Patienten empfundene «bleierne Müdigkeit» verschwindet. Ganz geringe Mengen von Sauerstoff wirken auch hervorragend gegen Viren und Bakterien. Insbesondere bei Krebskranken, die oft durch die Krankheit selbst oder aufgrund des Dauerstresses und der Medikamente durch Infektionen bedroht sind, so Olaf Kuhnke von der Clinica Ortho-Bio-Med im südbündnerischen Roveredo. Die Sauerstofftherapie hat auch Norma Hürzeler (76) viel gebracht. Sie reist mit Ehemann Walter regelmässig aus Italien nach Roveredo. «Ohne diese Therapie wäre ich schon lange Witwer», meint Walter Hürzeler. Bei seiner Frau wurde vor acht Jahren aufgrund einer Krebserkrankung der Magen entfernt. Die Ärzte gaben ihr eine Überlebenszeit von maximal zwei Jahren. Nun erhält Norma Hürzeler regelmässig auf sie abgestimmte Sauerstoff-, Vitamin- und Nährstoffinfusionen und hat die damalige Prognose um ein Vielfaches überlebt.

Ängste abbauen
Ängste abbauen. (Bild Fotolia)

BEISPIEL 3: Ängste abbauen und Lebenswillen stärken
Warum werden manche Patienten wieder gesund und andere sterben, obwohl ihnen die gleiche Diagnose gestellt wurde? Seit mehr als 40 Jahren erforscht der amerikanische Onkologe und Spezialist für Strahlentherapie Carl Simonton den Einfluss der Psyche auf Krebserkrankungen. Simonton stellte fest, dass «Entstressen», Ängste abbauen und die Stärkung des Lebenswillens, eine erstaunlich positive Wirkung auf die Selbstheilungskräfte zeigen. Mit einem Team von Psychologen entwickelte er ein Entspannungs- und Visualisierungsprogramm. Dreimal täglich müssen sich Patienten mit dieser Simonton-Methode auseinandersetzen. Unter Anleitung von geschulten Therapeuten und mit begleitenden Chemotherapien wurden und werden laut Simonton immer wieder erstaunliche Heilerfolge erzielt.

BEISPIEL 4: Hyperthermie kämpft mit Wärme gegen die Krebszellen
Krebszellen mögen keine Hitze. Diese Schwäche macht sich die Hyperthermiebehandlung zu Nutze: Mittels Überwärmung werden die entarteten Zellen bekämpft. Dies kann entweder mit künstlichem Fieber oder durch Erwärmung der betroffenen Körperstelle erreicht werden. Marcus Schuermann, leitender Onkologe der Aeskulap-Klinik in Brunnen SZ, arbeitet mit einem hochmodernen Hyperthermiegerät, das lokal bis maximal 42 Grad Wärme in der Tiefe erzeugt. Der Wärmeeintrag erfolgt über Einstrahlung von Radiowellen. Der Patient spürt ausser einer gelegentlich leicht geröteten Haut nur wenige Nebenwirkungen. Gemäss Schuermann wirken die bei der Chemotherapie eingesetzten Zellgifte effektiver, wenn gleichzeitig die betroffene Körperstelle mit Überwärmung behandelt wird. Hyperthermie ist eine Langzeitbehandlung, welche die aktive Mitarbeit des Patienten erfordert.

«Ich empfehle nichts, was ich nicht auch selber tun würde»

Thomas Cerny, Chefarzt Onkologie/Hämatologie am Kantonsspital St. Gallen und Präsident Krebsforschung Schweiz, im Interview.

Thomas Cerny, Ergänzungstherapien bei Krebserkrankungen, die sogenannte integrative Onkologie, waren bis anhin eine Domäne der Komplementärmedizin. Weshalb bietet nun auch Ihr Spital Therapien aus diesem Bereich an?

Im Verlauf einer Krebserkrankung wünschen circa 70 Prozent der Patienten komplementäre Therapien oder Arzneimittel zusätzlich zur schulmedizinischen Behandlung. Diesem breiten Anliegen tragen wir Rechnung, indem wir selber kompetent sind, insbesondere in der Beratung, im Verstehen von Wechselwirkungen mit wichtigen Sicherheitsaspekten und in der Prüfung solcher Methoden.

Was darf der Patient erwarten, wenn er sich im Kantonsspital St. Gallen ganzheitlich behandeln lässt?

Wir sprechen offen darüber, wo dies gewünscht wird und beraten durch entsprechend geschulte Ärzte mit Zusatzausbildung. Da in der Schweiz die ärztlich verordnete Misteltherapie aus der anthroposophischen Medizin die weit häufigste komplementäre Therapie in der Onkologie darstellt, liegt auf ihr ein Schwerpunkt, ebenso wie auf der Akupunktur aus der Traditionellen Chinesischen Medizin. Natürlich wird dies — wo ausdrücklich gewünscht — unterstützt durch psychologische Betreuung, aber auch durch Maltherapie und Bewegungstherapie. Bei Patienten, die zum Beispiel von ihrem Arzt bereits eine Misteltherapie erhalten haben, führen wir diese in unserem Spital weiter.

Worin sehen Sie die Vorteile einer integrativen Onkologie?

Die moderne Onkologie kann zwar viel, aber eben nicht genug. Das betrifft vor allem Patienten, die wir nicht mehr heilen können und die zusätzliche komplementäre Therapien suchen. Wenn wir diese legitimen Bedürfnisse ernst nehmen und verstehen wollen, dann müssen wir diese Therapien in das diagnostisch und therapeutisch bereits Bewährte einbeziehen.

Wie gehen Sie als Onkologe damit um, ausschliesslich Krebsdiagnosen zu stellen respektive schwer kranke Patienten zu behandeln?

Vorab ist wichtig festzuhalten, dass heute die Mehrheit geheilt wird. Es ist so, dass ich mich jeweils frage‚ was wäre, wenn es mich oder jemanden aus meinem Umfeld beträfe. Für mich ist sehr wichtig, niemandem etwas zu empfehlen, was man nicht auch selbst tun würde. Unter meinen vielen Patienten sind die meisten Kämpfer, aber es gibt auch solche, welche die Kraft dafür nicht aufbringen. Ich staune immer wieder, wie oft Patienten intuitiv richtig entschieden haben, sei dies in der Wahl der Therapie oder im Willen, die Krankheit zu überwinden.

Autor: Isabella Fischer