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26. Oktober 2015

Erfolgsmodell Kunstmuseum

Kultur als elitäres Vergnügen von Gebildeten und Reichen? Mindestens für die bildende Kunst stimmt das Gegenteil. Zum Interview mit Fondation-Beyeler-Direktor Sam Keller (rechts: «Bei uns einbrechen lohnt sich nicht») die Zahlen zum Publikumserfolg von Schweizer Kunstmuseen.

In Konzertsälen für klassische oder Jazz-Musik: ein stetig abnehmendes, älteres Publikum. Höchstens wenige Topstars, speziell die durch Stadien tourenden Uralt-Popkämpen, verdienen in Mitteleuropa wirklich Geld. Literatur? Wenn man sie so weit versteht, dass sämtliche Krimis und etliches an Ratgebern mit dazugehören, steht sie bei gedruckten Büchern oder elektronisch mit noch akzeptablen Verkaufszahlen da. Sobald man die etwas fordernde Belletristik («schöngeistige» Literatur) in den Blick nimmt, herrscht mit Ausnahme von ein paar wenigen englisch- und deutschsprachigen Autoren auf dem Markt jedoch zunehmend Flaute.

Und die Kunst? Befindet sich in der Schweiz alles andere als in der Krise. Sie ist wahrscheinlich seit einer Weile die einzige Kulturbranche, welche auch mit anspruchsvollen Werken breiteste Publikumsschichten anzieht. Jedenfalls kommt zu dem Schluss, wer die aktuellsten Auswertungen des Verbandes der Museen der Schweiz (VMS) studiert.

Geschichte, Technik und Naturwissenschaften ohne Chance
Weil auch die beim Verband dabei sind, schwingen bei der Anzahl der Eintritte die Zoos, zoologischen und botanischen Gärten mit einem Anteil von 30% am Gesamtkuchen obenaus. Gleich danach folgen aber keineswegs die Museen mit historischer, technischer oder naturwissenschaftlicher Ausrichtung – nein: die Kunstmuseen! Sie verbuchten im Jahr 2013 mit 3'887'300 gleich 19% aller Eintritte der Verbandsmitglieder.

Sieht man aber die für das übliche Verständnis nicht zu den Museen gehörenden Zoos und botanischen Gärten von allen 20'050'900 jährlichen Eintritten ab, so machen die Kunstmuseen ihrerseits 30% am Total von noch 13'163'700 aus. Hinter ihnen kommen die historischen und die archäologischen Museen sogar zusammengezählt auf 10% oder über 1,2 Millionen Eintritte weniger. Die Naturwissenschaften mit ihren Häusern erreichen 15% oder nur minim über die Hälfte registrierter Besucher. Alle Zahlen finden Sie in der Grafik:

Anzahl Museumseintritte nach Museumsart
Die Anzahl Museumseintritte nach Museumsart / Grafik: Verband der Museen der Schweiz

JAHRESEINTRITTE NACH KATEGORIE
3'887'300 (30%): Kunstmuseen
2'243'300 (17%): Historische Museen
1'954'600 (15%): Naturwissenschaftliche Museen
1'740'600 (13%): Thematische Museen
1'638'900 (12%): Technische Museen
888'600 (7%): Regionale und lokale Museen
429'800 (3%): Archäologische Museen und Sammlungen
382'600 (3%): Volkskunde- und Völkerkundemuseen

Anspruchsvolles geht, Unbekanntes nicht
Was hat denn in den Museen Erfolg? Erstaunlich, dass nicht nur die schon längst gefragten Impressionisten, nicht bloss Alte Meister von Spanien bis zu den Niederlanden, mit grossen Schauen ziehen. Beliebte Häuser verbuchen Eintrittserfolge mit Auswahlen aus ihrer Sammlung, und mitunter funktionieren auch die Stars von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein Paul Klee wurde sicher auch dank grosser Öffentlichkeitsarbeit und spannender Architektur im Grünen bei Bern zum Erfolg, obschon seine Gemälde und Skizzen in der gedanklichen Konstruktion und im Einbau von Text recht komplex sind. Eine einschränkende Bedingung gibt es aber: Einen gewissen Namen brauchen die Künstler, die zu Zugpferden werden sollen.

Wie viele Museen gibts überhaupt?

Anzahl Museen nach Museumsart
Anzahl Museen nach Museumsart / Grafik: Verband der Museen der Schweiz

Die Schweiz zählt insgesamt 1107 Museen (ebenfalls ohne Zoos und botanische Gärten). Davon sind ...

398 (36%) regionale oder lokale Museen (verschiedene Ausrichtungen)
197 (18%) Thematische Museen (Dinosaurier, Oldtimer usw.)
185 (17%) Kunstmuseen
104 (9%) Technische Museen
91 (8%) Historische Museen
87 (8%) Naturwissenschaftliche Museen
27 (2%) Archäologische Museen
18 (2%) Volkskunde- und Völkerkundemuseen

Autor: Reto Meisser