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20. Februar 2017

Erfolgreich trotz Netflix, Amazon und Piraten

Bis 2011 verschickte Hollystar DVDs an die Kunden. Das tut CEO Eric Grignon heute kaum noch. Inzwischen ist das Neuenburger Unternehmen der erfolgreichste Streamingdienst der Schweiz und schreibt trotz einer grossen internationalen Konkurrenz schwarze Zahlen.

Eric Grignon
Hollystar-Chef Eric Grignon behauptet sich erfolgreich gegen die globale Konkurrenz.

Das Geheimnis des Erfolgs? «Früh genug auf eine kommende Entwicklung setzen und damit richtig liegen.» Eric Grignon (44) lacht. «Der zweite Teil hat natürlich auch mit Glück zu tun.» Aber Tatsache ist: Hollystar in Neuenburg gibt es noch, während andere Schweizer Konkurrenten mit einem ähnlichen Konzept untergegangen sind.

«Ebenfalls geholfen hat, dass wir haushälterisch mit unserem Geld umgegangen sind.» Während andere Anbieter für Millionen gleich bei mehreren Verleihern die Rechte für Filme und Serien kauften, begnügte Hollystar-CEO Grignon sich damit, jedes Jahr nur bei einem Verleih einzukaufen. «Die anderen spotteten und sagten, mit unserem kleinen Angebot hätten wir gegen sie keine Chance, aber am Ende hatten wir den längeren Atem. Sie hatten zwar mehr Auswahl, aber nicht genügend Kunden. Man braucht Masse für den finanziellen Erfolg.»

Grignon baute derweil das Film- und Serienangebot Jahr für Jahr weiter aus, und Jahr für Jahr stiegen die Nutzungszahlen. Das hat auch mit cleveren Kooperationen zu tun: Schaut man online bei «20 Minuten», Teleboy oder Ex Libris einen Film an, dann steht dahinter Hollystar. 2016 wurde eine Million Titel gestreamt, das Angebot umfasst inzwischen 10 000 Filme und Serien­episoden, Tendenz steigend.

Netflix hat geholfen, nicht geschadet

«Paradoxerweise hat uns der Schweizer Markteintritt von Netflix eher geholfen – dadurch schrieben plötzlich alle Medien über das Streaming via Apps. Das hat diese Art des Filmkonsums popularisiert und auch uns neue Kunden beschert.» Hinzu kommt, dass Netflix zwar günstig ist, aber nur ältere Produktionen im Angebot hat. Hollystar hingegen zeigt neue Folgen populärer TV-Serien einen Tag nach der US-Ausstrahlung, entweder ohne Abo gegen Bezahlung oder mit Abo und Rabatt. «So gesehen, ergänzen wir uns eher, als dass wir uns konkurrenzieren.»

Doch vor dem aktuellen Erfolg gab es erst einmal eine richtige Krise. Denn das Geschäftsmodell der 2003 gegründeten Firma sah früher ganz anders aus: Sie verschickte DVDs per Post an ihre Kunden. Ab 2007 war sie in der Gewinnzone, 2011 erreichte sie den Höhepunkt, danach ging es abwärts. «Und zwar heftig, jedes Jahr etwas stärker.» Aber genau das war der Zeitpunkt, als Hollystar darauf wettete, dass die Zukunft der Branche im Streaming übers Internet liegen würde. Entsprechend investierte man riesige Summen in den Aufbau der dafür notwendigen Infrastruktur. «Und das mitten in der geschäftlichen Krise.»

Doch das Risiko hat sich gelohnt: 2015 erreichte Hollystar den Breakeven, seit ­vergangenem Jahr macht man Gewinn. Und aus einem Unternehmen, das von Logistikern dominiert war, wurde eine Firma aus lauter IT-Spezialisten, denn das neue Geschäft bedingt leistungsstarke Server, korrekte Codierung und das pausenlose Anpassen an diverse, sich laufend verändernde Geräte und Onlineplattformen.

Grignon im 
nur noch selten genutzten DVD-Lager.
Grignon im 
nur noch selten genutzten DVD-Lager.

Hollystar-Chef Eric Grignon im nur noch selten genutzten DVD-Lager.

«Wir mussten Leute entlassen, weil ihnen die notwendigen Kompetenzen fehlten.» Letzteres galt selbst für den CEO und Gründer des Unternehmens. Dieser realisierte, dass er über das Streaming zu wenig wusste, so kam Grignon zu Hollystar. «Auf der anderen Seite ist gerade die Codierungsarbeit keine Hexerei. Wir haben auch Mitarbeiter umschulen lassen, das geht durchaus, wenn man ein bisschen IT-affin ist.»

Tatsächlich bestellen auch heute noch einige Kunden DVDs und Blurays per Post, sie machen etwa 15 Prozent des Geschäfts aus. «Es sind oft Leute mit Heimkinos und hochwertigen Anlagen, die auf bestmögliche Qualität wert legen», sagt Grignon. Rund 150 000 Scheiben stehen in einem Lagerraum in Neuenburg bereit, von grossen Blockbustern bis zu kleinen Arthouse-Filmen. «Aber ich weiss nicht, wie lange wir das noch machen, vielleicht noch ein oder zwei Jahre.»

Kampf gegen die Piraten

Hauptursache für all die Veränderungen war der technologische Wandel. Aber mit ihm hat auch die Globalisierung Einzug gehalten. Waren einst lokale Videotheken die Konkurrenten, sind es heute neben Swisscom und UPC globale Giganten wie Netflix, Amazon Prime oder die Internetpiraterie. «Sie ist unser grösster Konkurrent, nicht zuletzt weil die Gesetzgebung in der Schweiz diesbezüglich so liberal ist», sagt Grignon.

Gleichzeitig plädiert er nicht für neue Gesetze oder härtere Strafen, sondern zielt darauf ab, den Netzpiraten mit vergleichbar gutem Angebot das Wasser abzugraben. «Es ist ja nicht nur, dass sie alles gratis anbieten, sondern dass die Leute die neusten Produktionen blitzschnell und aus einer Hand bekommen.» Mit dieser Geschwindigkeit und Bequemlichkeit kann ein legaler Anbieter allerdings nicht so leicht mithalten.

«Es kostet viel Geld, die Rechte von den diversen Verleihern zu erwerben, und es braucht Personal, neuste Serienepisoden korrekt codiert und untertitelt bereits am Tag nach der Erstaustrahlung auf der Plattform zu haben.» In Zukunft, da ist sich Grignon sicher, wird dies jedoch immer selbstverständlicher werden. Selbst Spielfilme werden häufiger fast zeitgleich mit dem Kinostart auf legalen Streaming-Plattformen zu sehen sein. «Es ist der einzige Weg, die Piraterie auszubremsen. Das haben inzwischen auch die grossen Studios eingesehen, denen dadurch viel Geld verloren geht.»

Expansion ins Ausland und Virtual Reality

A propos Zukunft: Grignon denkt natürlich bereits wieder voraus. Seine nächste grosse Wette betrifft Virtual Reality (VR). «In weniger als zehn Jahren werden wir Filme und Serien nicht mehr einfach schauen, wir werden mithilfe von VR-Brillen mittendrin sein.» Erste Tests haben bei Hollystar bereits begonnen.

Im Lauf dieses Jahres wird die Firma ihre Filme und Serien zudem in zwei weiteren europäischen Ländern anbieten und somit erstmals ins Ausland expandieren. «Was Netflix kann, können wir auch», sagt Grignon. So eröffnen sich dank Digitalisierung und Globalisierung plötzlich ganz neue Möglichkeiten. Für die­jenigen, die sie zu nutzen wissen.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Paolo Dutto